Der Wall der Stammesloyalitäten bricht

21. Februar 2011, 18:42
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Als junger Revolutionär nahm Gaddafi den Stämmen Macht weg - später stützte er sich auf sie

Die allgemeine Lehrmeinung bis dato war folgende: Muammar al-Gaddafi, selbst aus dem ursprünglich relativ unbedeutenden Stamm Qadadfa (Gadadfa - daher kommt der Name Gaddafi), ist es gelungen, die libyschen Stämme ganz in die Dienste seiner Herrschaft zu stellen. Wie das geht, weiß man: durch die Vergabe von Privilegien, Posten und materiellen Zuwendungen, die sich Gaddafi durch seine Erdöleinnahmen leisten kann. Wichtig ist in diesem System auch, dass der Klient selbst so viel Macht bekommt, dass er nach unten weiterverteilen und Loyalitäten binden kann.

Allerdings gibt es in solchen Systemen immer auch Sektoren, die sich schlecht behandelt fühlen. Was jetzt passiert, weist darauf hin, dass der Unmut größer ist als angenommen. Noch ist etwa nicht analysiert, welchen Gruppen jene Personen angehören, die sich jetzt absetzen: Stämme sind mit Sicherheit dabei.

Offenbar hat Gaddafi in den letzten Jahren seine Fähigkeit zur Ausbalancierung verloren und seine eigenen Leute zu sehr bedacht, wobei auch seine Paranoia mitspielen könnte: "Spätestens seit den neunziger Jahren befindet sich der Sicherheitsapparat in einer Phase der , Primordialisierung', schreibt Isabelle Werenfels 2008 in einer Libyen-Studie für die Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. "Das heißt, Schlüsselposten werden innerhalb der Qaddafi-Familie beziehungsweise des Qadadfa-Stammes vergeben." Das sind nicht nur die Söhne, von denen mindestens drei in die nationale Sicherheit eingebunden sind (Mutasim Billah, Saadi, Khamis), sondern auch Cousins und andere.

Der Wall der Loyalitäten anderer Stämme, den Gaddafi um sich herum aufbaute, bröckelt aber jetzt. Dass Stämme zu einem seiner wichtigsten Herrschaftsinstrumente geworden sind, ist dabei jüngeren Datums. Wie andere arabische Revolutionäre versuchte er den Einfluss der Stämme anfangs zu beschneiden. Tribalismus war antimodern - aber vor allem hatten die großen einflussreichen Familien der Sanussi-Monarchie gedient, deren letzten König, Idris II., Gaddafi 1969 stürzte. Das waren eher die Kräfte aus den Küstenregionen, während Gaddafis Anhänger aus Stämmen aus dem Landesinneren waren.

Durch revolutionäre Institutionen sollte die Macht der Stämme beschnitten werden. Als etwa 1970 die Lokalverwaltungen neu geordnet wurden, wurden anstelle von Stammesscheichs Verwaltungsbeamte ernannt, und die Grenzen von Verwaltungsbezirken wurden so verändert, dass sie nicht mehr mit Stammesgrenzen zusammenfielen, schreibt Hanspeter Mattes vom Deutschen Orientinstitut in einer älteren Studie.

Er stellt aber auch fest, dass es ab Anfang der 1990er Jahre zu einer Retribalisierung kam, inklusive Stärkung von "traditionellen Führungspersönlichkeiten" wie Stammesscheichs und Familienältesten. 1993 wurden "Volksführerschaftskomitees" gegründet, die vor allem mit Stammesführern besetzt wurden: also neue Namen für alte Strukturen. (Gudrun Harrer, STANDARD-Printausgabe, 22.02.2011)

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