Der Markt für Ghostwriter boomt: Geschäfte aus Geisterhand

21. Februar 2011, 18:20
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Eine Diplomarbeit ist ab 3500 Euro zu haben - Die Anbieter greifen auf hunderte Autoren zurück, rechtlich zu belangen sind sie nicht - Das Risiko trägt der Kunde

Wien - Thomas Nemet redet nicht lange um den heißen Brei herum. Was unter Wirtschaftsbossen und Politikern schon lang gang und gäbe sei, könnten sich jetzt auch Studenten leisten, sich nämlich einen Stab an Ghostwritern halten, lässt er auf seiner Homepage wissen. Es scheine anrüchig, sei jedoch legal. Mit 3500 Euro für eine Diplomarbeit ist man dabei. Anspruchsvolle Werke kosten bis zu 8000 Euro. Diskretion inklusive.

Der Deutsche verhilft mit wissenschaftlichen Texten vor allem angehenden Wirtschaftsakademikern zum Titel. Seine mehr als 250 Autoren könnten aber alles liefern - er schaffe auch einen Atomphysiker herbei, sagt er im Gespräch mit dem Standard. In den vergangenen sieben Jahren habe er 5000 Projekte abgewickelt. Sein in Halle gegründeter Betrieb Acad Write ist mittlerweile eine Aktiengesellschaft und expandiert. "Der Markt ist da, und mache nicht ich das Geschäft, dann machen es andere."

Nach dem Schritt nach Ungarn und in die Schweiz denkt er jetzt an eine Filiale in Österreich. "Ich lasse das juristisch klären." Zehn Prozent seiner Kunden kämen immerhin schon jetzt aus Österreich.

Die Plagiatsvorwürfe gegen den deutschen Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg werfen generelle Fragen nach den Urhebern vieler Diplomarbeiten und Dissertationen auf. Und diese führen zwangsläufig zur boomenden Branche der Ghostwriter.

Pinnwände der Universitäten in Deutschland und Österreich sind gespickt voll mit diversen Angeboten. Die sich harmlos anmuten. "Erfahrene Lektoren helfen gerne beim Erstellen wissenschaftlicher Arbeiten", ist da zu lesen. Im Internet bieten Lohnschreiber ganz offen ihre Dienste an. Die Vielfalt täuscht: Die meisten von ihnen arbeiten für wenige große Anbieter.

Riesiger Pool an Schreibern

Hinter den Kulissen hat sich das Geschäft der dienstbaren Geister längst professionalisiert - und gerät zunehmend in die Hand deutscher Textberater und Schreibbüros. Diese seien produktiver und günstiger, so der Tenor. Sie nennen sich etwa Dr. Franke, Dr. Kunze oder Dr. Richter, zählen nach eigener Angabe zum Teil gut 400 "unsichtbare Schreiber" aller wissenschaftlicher Disziplinen. Diese sind vorwiegend freie Mitarbeiter, und zwecks Auslastung für mehrere Agenturen gleichzeitig tätig.

Es seien viele Frauen dabei, die damit von daheim aus ihr Haushaltseinkommen aufbesserten, erzählt ein Wiener, der sich vor kurzem in der Branche selbstständig machte und aus Gründen der Diskretion lieber nicht genannt werden will; er könne auch auf mehrfache Doktoren zurückgreifen. Für eine Seite verlange er je nach Aufwand 30 bis 50 Euro. Je mehr die Zeit dränge, desto teurer. Eine Diplomarbeit könne er im Extremfall innerhalb von zwei, drei Wochen liefern, acht gelten als üblich.

Es habe sich in Deutschland e ne richtige Industrie an Ghostwritern für Studenten entwickelt, die Anbieter seien strafrechtlich gesehen aber nicht zu belangen: Es gebe keinen Tatbestand, sagt Helmut Fuchs, Vorstand des Instituts für Strafrecht des Wiener Juridicums. Es sei jedoch zu prüfen, ob der Gesetzgeber bei großen Abschlussarbeiten nicht mit Mitteln des Verwaltungsrechts eingreifen sollte. Das Verfassen einer Arbeit sei ja nichts widerrechtliches, was der Käufer damit mache, sei nicht seine Sache, sagt Nemet. Er weise in den Geschäftsbedingungen darauf hin, dass es nicht zulässig sei, eine gekaufte Arbeit als eigene auszugeben. "Ich muss und will nichts kontrollieren." Juristische Konsequenzen trage der Kunde. Diese sind abhängig vom Zeitpunkt des Auffliegens, sagt Bettina Perthold, Expertin für Unirecht am Juridicum. Man riskiere Schummelvermerken in Zeugnissen, für nichtig erklärte Leistungen und die Aberkennung des akademischen Grades mit allen beruflichen Folgen. Verjährung dafür gebe es keine.

Den Nachweis für Ghostwriter zu bringen sei anders als für Plagiate freilich schwer möglich, sagt Uwe Steger, Sprecher der Universität Innsbruck. Wie viele Studenten sich derer bedienten, sei nicht abschätzbar, die Mehrheit arbeite sauber. "Wir sind nicht die Bösen", sagt Nemet und spricht von wachsendem Leistungsdruck, der die Studenten seiner Branche zutreibe. Ausbildung sei da oft wichtiger als Leistung, studiert werde vielfach nur dem Job zuliebe.

Erschlichene Arbeiten habe es schon immer gegeben, heißt es an der Uni Wien. Man schaffe aber ein Bewusstsein dafür, dass dieser Weg nicht zum Ziel führe. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 22.2.2011)

  • Der Markt für Lohnschreiber gilt in Deutschland als regelrechte 
Industrie.
    foto: standard/cremer

    Der Markt für Lohnschreiber gilt in Deutschland als regelrechte Industrie.

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