Loitzl: "Zweifel ist das Schlimmste"

21. Februar 2011, 18:16
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Skispringer Wolfgang Loitzl hat bei der am Mittwoch beginnenden WM in Oslo als einziger Österreicher Einzelgold zu verteidigen. Der Steirer ist außer Form, gestattet sich aber Hoffnungen

STANDARD: Was ist am 21. Februar 2009 passiert?

Loitzl: Ich schätze, an diesem Tag war bei der WM in Liberec der Wettkampf auf der Kleinschanze.

STANDARD: Damals ereignete sich Ihr letzter Einzelsieg. Danach gab es noch acht Erfolge mit der Mannschaft, aber für sich selbst haben Sie seither nichts mehr gewonnen. Was ist da groß von der WM in Oslo zu erwarten?

Loitzl: Ich gehe stark davon aus, dass ich, wäre ich nicht ein mit einem Fixplatz gesegneter Titelverteidiger, womöglich gar nicht in Oslo dabei wäre. Manuel Fettner und ich sind gleichauf, die Nummern fünf und sechs dieser Saison. Aber der erste Wettkampf ist auf der kleinen Schanze. Das kommt mir entgegen. Einerseits habe ich Ruhe im Training. Andererseits kennen diese neue Schanze nur die Norweger. Aber das wird ihnen nicht viel bringen.

STANDARD: Sie haben in dieser Saison erst einen Podestplatz geschafft. Reicht es, sich daran anzuhalten, dass es auf einer Schanze keine Vergleichswerte gibt?

Loitzl: Ich hoffe, dass da ein Effekt auftritt. Dass ich mich auf der kleinen Schanze leichter tue. Dass ich mit Pluspunkten bei den Kampfrichtern etwas gutmachen kann. Und wenn ich mich über den Einzelbewerb in die Mannschaft für die Kleinschanze hineinboxe, kann das viel verändern und viel möglich machen. Wir können ja fast davon ausgehen, dass Österreich die beiden Goldenen in der Mannschaft gewinnen wird. Bei dieser WM gäbe es viel Balsam für meine Wunden.

STANDARD: 2008/09 waren Sie plötzlich ein Siegspringer, gewannen die Vierschanzentournee und Ihren ersten Einzel-WM-Titel. Danach war es mit der Herrlichkeit wieder vorbei. Warum?

Loitzl: Damals hat sehr viel zusammengestimmt. Sei es nun springerisch oder auch mental. Es war sehr einfach, im Wettkampf noch etwas zuzulegen. Mit guten Sprüngen, guten Ergebnissen ist man fast unverwundbar, man schwimmt auf einer Welle. Da war ich auch in schwierigen Situationen handlungsfähig und hatte das Niveau, mich selbst durch bessere Ergebnisse herauszuziehen. Das ist irgendwie alles passiert.

STANDARD: Und der Rückfall, ist der auch passiert?

Loitzl: Nein, es ist viel zusammengekommen, auf dem Materialsektor, aber auch in der Vorbereitung. In der vergangenen Saison habe ich den gleichen Ski verwendet wie das Jahr davor. Das ist untypisch, war aber notwendig, weil mein damaliger Skiausrüster Atomic seinen Rückzug vom Skispringen vorbereitet hat. Vor dieser Saison musste ich wechseln, weil die Entwicklung und der Servicebereich aufgelassen wurde. Der Wechsel zu Elan erfolgte erst im Spätsommer. Das hängt mir jetzt ein bisschen nach. Wenn man Material hat, dass nicht ganz zu einem passt, passt man den Sprungstil dem Material an. Umgekehrt wäre es aber richtiger.

STANDARD: Und welches Problem gab es in der Vorbereitung?

Loitzl: Nik Huber, der so etwas wie mein Privatcoach war, wurde Chefcoach bei den norwegischen Kombinierern. Ich war wieder mehr bei der Mannschaft, habe alle Kurse mitgemacht. Das hatte ich in den Jahren davor bewusst vermieden. Im Sommer muss ich wieder mehr Abstand gewinnen.

STANDARD: Gibt es Probleme mit Cheftrainer Alexander Pointner?

Loitzl: Seitdem er Trainer ist, habe ich erfolgreiche und weniger erfolgreiche Jahre. Im Erfolg ist die Zusammenarbeit einfach. In dieser Saison ist es schwieriger, weil bei mir nicht herauskommt, was er sich vorstellt. Und ich tue mir schwer, weil ich es nicht bringen kann. Aber Pointner gibt mir das Vertrauen. Von den Springern, mit denen man gegenwärtig nicht auf Augenhöhe ist, wie zum Beispiel Thomas Morgenstern, kann man alles haben. Ein Fettner wäre da zurückhaltender. Er muss mich ja als direkten Konkurrenten sehen.

STANDARD: Bleibt man trotz der Niederlagen geistig ein Siegspringer?

Loitzl: Ich weiß, welche Qualitäten ich habe. Aber es kommen immer wieder Enttäuschungen dazu. Die führen dann zu falschen Entscheidungen. Ich hatte zu wenige Ergebnisse, um meine Situation ins Positive zu drehen. Hat es gepasst, wie bei Platz drei in Engelberg, war ich schnell wieder auf dem absteigenden Ast. In schwierigen Wettkämpfen ist eine Formschwäche noch weniger zu verkraften. Dann kommt der Zweifel. Der Zweifel ist das Schlimmste.

STANDARD: Klingt ein bisschen nach Resignation.

Loitzl: Ich war immer motiviert, konnte das aber selten umsetzen. Das bleibt hängen, das nagt an einem. In dieser Phase habe ich mich schon manchmal gefragt, was ich verbrochen habe, dass es derart schlecht geht. Resignation war da, aber nicht für die WM, nicht für die nächste Saison oder gar meine restliche Karriere.

STANDARD: Nach Ihrem Tourneesieg 2009 nannte Sie Anton Innauer einen perfekten Skispringer, ja seinen legitimen Nachfolger. War das nicht eher eine Belastung?

Loitzl: Nein, ich habe das damals sehr genossen. Das hat mich nicht verändert. Der Blick für das Wesentliche war immer da. Ich habe zu akzeptieren gelernt, dass es nicht immer so sein kann, dass auch andere gewinnen.

STANDARD: Auch weil die Erfolgssaison Sie und Ihre Familie finanzieller Sorgen enthoben hat?

Loitzl: Der Tourneesieg und das Einzelgold in Liberec haben sehr viel bewirkt. Das hängt noch immer nach. Hätte ich das zehn Jahre früher gehabt, wäre es noch besser gewesen, dann hätte ich schon länger einiges auf dem Konto. Daheim leiden sie schon mit, wenn es nicht so klappt. Ich höre am Telefon von den Kindern manchmal, dass ich gefälligst weiter springen soll. Im Endeffekt, wenn ich daheim bin, ist ihnen das aber egal.  (Sigi Lützow, DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 22. Februar 2011)

WOLFGANG LOITZL (31) aus Bad Mitterndorf gewann am 1. Jänner 2008 in Garmisch im 223. Versuch sein erstes Weltcupspringen und in der Folge die Vierschanzentournee. Der zweifache Familienvater ist mit fünf Goldenen der bisher erfolgreichste ÖSV-Skispringer bei Weltmeisterschaften.

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    Weltmeister Wolfgang Loitzl: "Resignation war da."

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