Peking will alle Jasmin-Proteste im Keim ersticken

Johnny Erling aus Peking, 21. Februar 2011, 18:03

Dutzende Festnahmen nach Aufrufen zu Demonstrationen - Führung kündigt indirekt Härte an

Harsche Medienzensur, dutzende Festnahmen und Appelle des höchsten Sicherheitspolitikers an die Behörden, in ihrer Wachsamkeit nicht nachzulassen - so haben Chinas Behörden auf geplante Proteste reagiert, die im Zeichen der tunesischen Jasmin-Revolution und ihren Folgen stehen sollten.

Anonyme Mikroblogs hatten für Sonntag Treffpunkte in 13 Städten genannt, von wo aus "Spaziergänge" beginnen sollten, um den Funken der Jasmin-Revolution auch in China zu entzünden. Obwohl sich nur in Peking und Schanghai kleine Gruppen meist junger Chinesen spontan einfanden, hatte die Polizei vorgesorgt. In jeder der im Internet genannten Provinzstädte waren hunderte Einsatzkräfte mobilisiert.

Solche Angstreaktionen werteten die Blogger als Erfolg. Einer schrieb auf "Twitese", eine twitterähnliche Mikroblog-Plattform: "Das machen wir jetzt jede Woche bis zu dem Tag, wo die Polizei nicht mehr aufpasst. Dann sind wir wirklich da."

Die Polizei folgte der Devise, die Sicherheitspolitiker Zhou Yongkang nach Angaben der Fazhi Ribao (Rechtzeitung) ausgab: "vorausblickend zu handeln" und erkennbare Konflikte "schon im Keim aufzulösen". Sie versuchte auch politisch heikle Begriffe in Internetforen, SMS-Botschaften oder auf Mikroblog-Plattformen zu zensieren.

Besonders galt das am Montag für das chinesisch geschriebene Schlüsselwort "Molihua Geming" (Jasmin-Revolution). Dennoch wimmelte es von Aufrufen für den nächsten Jasmin-Marsch.

Einer schrieb: Stellt ihn unter die Forderung "Freiheit für die Anwälte Tang Jitian, Jiang Tianyong, Teng Biao und die Aktivisten Chen Wei, Gu Chuan und Ran Yunfei." Die sechs gehören zu den Bürgerrechtlern, die seit Sonntag vermutlich in Polizeihaft genommen wurden. Nach anderen Angaben wurden mindestens 30 Aktivisten vorsorglich festgenommen, schikaniert oder unter Hausarrest gestellt, darunter die bekannte Bloggerin Liu Di und Schanghais Sozialanwalt Feng Zhenghu.

Chinas Medien verschwiegen die Jasmin-Spaziergänge. Eine Ausnahme machte die englischsprachige Global Times, welche die Aktionen lächerlich nannte. "Leute, die bei uns die Jasmin-Revolution kopieren, sind wie Straßenbettler. Sie verschwinden nie, während der Rest des Landes nach vorn schreitet." Es gebe "keinen kollektiven Willen für Revolution in China".

Indirekt gab Chinas Parteiblatt Volkszeitung in einem Kommentar auf ihrer Titelseite zu verstehen, dass Pekings Führung auf Härte setzt. Chinas besonderes sozialistisches Rechtssystem beruhe auf unabänderlichen prinzipiellen Prämissen. "Wir erklären kategorisch, dass es bei uns kein System geben wird, bei dem mehrere Parteien abwechselnd an die Macht kommen. Wir lassen keinen Pluralismus in der Leitideologie zu, erlauben keine Gewaltenteilung oder ein Zwei-Kammern-System, kein Bundesstaatensystem und keine Privatisierung."

Volkslied als Protestsymbol

Mit den Jasmin-Spaziergängen hat eine kleine Minderheit Aktivisten dennoch ihr Zeichen gesetzt. Es wirkt wie Ironie, dass ausgerechnet "Molihua", wie China den Jasmin nennt, zum Symbol wird. Die Melodie von seinem populärsten Volkslied über die Jasminblüte laden sich zahlreiche Pekinger als Klingelton auf ihr Handy, eine spielerische Chiffre für Protest.

Blogger kopierten den Text des Volksliedes mit dem süffisanten Hinweis auf seine erste Strophe: "Oh schöner Jasmin", heißt es da, "du duftest so viel besser als alle anderen Blumen in unserem Garten. Ich möchte so gern deine Blüte pflücken. Aber ich fürchte, dass mich der Gärtner dafür ausschimpft." (Johnny Erling aus Peking, STANDARD-Printausgabe, 22.02.2011)

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Gilgamesh
00
25.2.2011, 14:03

Auch eine mordende Diktatur kann eine Milliarde Menschen nicht auf ewig unterdrücken...

Das ZK sollte besser seine Koffer packen, sonst ergeht es dem Abschaum ebenso, wie sie bei der "Revolution" mit ihren Feinden umgegangen sind....

Marks Hauni
00
Sonntag in S.H.

liebe Grüße aus der bevölkerungsstärksten Stadt des bevölkerungsreichsten Landes der Welt. in S.h. war es am Wochenende relativ ruhig, am Platz des Volkes (Hauptplatz), Ubahnausgang 15 waren zwar ca. 40 Polizisten und ein Menschengemenge, die meisten waren scheinbar Passanten. Auch Kameras konnte man blitzen sehn, teilweise gabs Menschengemenge und ich wurde ebenfalls heftig weitergewunken von einem netten Freund und Helfer...

beowulf2
 
12
23.2.2011, 20:03

Der US-Botschafter Jon Huntsman und mögliche nächste Präsidentschaftskandidat für die Republikaner, war bei der "Revolution" natürlich auch dabei. Als er von Passanten erkannt und gefragt wurde ob er etwa Chaos nach China bringen will, flüchtete er sofort mit seinen Bodyguards vor der Menge. lol

rideboarder
00
23.2.2011, 10:35
nähere infos zu den protesten...

...und einige fotos sind unter www.boxun.us/news/publ... ndex.shtml zu finden. funktioniert nur noch in englischer sprache. auf chinesisch scheint sie down zu sein. Da ja fast nichts aus china nach draussen gelangt ist diese seite eine richtige bereicherung.

beowulf2
 
32
23.2.2011, 13:52

5 Protestler - 70 westliche Reporter = fast nichts aus China nach draussen gelangt... Herr lass Hir...

Boxun ist übrigens eine exilchinesische Propaganda Seite gesponsert von der NED.

docw
12
22.2.2011, 17:51

ist der westen wirklich so naiv zu glauben, eine regierungsform, die für 8 oder 80 mio einwohner passt, auf ein reich mit 1,3 milliarden übertragen zu können? die fehler aller kolonialherren und derer, die gerne welche gewesen wären, besteht darin, sich in fremde angelegenheiten einzumischen, ohne sich mit der kultur eines landes zu beschäftigen. hat die "demokratie" in russland der bevölkerung wohlstand gebracht? ja, einige wenige sind megareich, der grossteil ist ärmer als unter breschnew. hätte singapur mit einer westl. demokratie einen boom erlebt wie unter lee kuan yew? sicher nicht. der westen möge erst seine politik in ordnung bringen, bevor er sich in die politik eines landes einmeischt, das er sowieso nicht versteht.

mistvieh666
 
00
23.2.2011, 10:21

alles was schutz gibt beherbergt auch das boese.
demokratie und menschenrechte setzen sehr viel infrastruktur voraus. diese infrastruktur hat sich im westen im verlauf eines jahrhundertelangen kampfes entwickelt.
ohne diese infrastruktur geht demokratie sehr oft direkt in eine korruptokratie ueber.
und meine ueberzeugung: eine revolution ist vielleicht sinnvoll, wenn der staat erfolglos ist aber auf jeden fall ein verbrechen wenn der staat erfolgreich ist.
die frage ist nicht "gut oder boese" sondern: was kommt dann. es gibt schon einige beispiele nicht ganz gelungener demokratisierung: irak, russland.

mandersischzeit
00
22.2.2011, 17:40

aufstand können die chinesen jedenfalls, wenn sie wollen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Taip... -Rebellion

samuel kant
13
22.2.2011, 13:48

wahrscheinlich wird in china beim bericht ueber die opernball demo geschrieben, dass die bevoelkerung in europa wehrhaft sich der kapitalismusdiktatur widersetzt und sich nach sozialistischer freiheit sehnt.
und das die demonstrationen vom arabischen raum ueberschwappen.

docw
10
22.2.2011, 17:59

und sie denken wirklich, österreich wäre nur annähernd so wichtig, dass man in china darüber berichtete?

Eigeier
45
22.2.2011, 11:32
Vorsicht beim sich ereifern über China...

der Wasserwerfer, der in Stuttgart einen 70-jährigen Demonstranten blind spritzte ist nur die erste Abwehrlinie. Wenn's an's eingemachte ginge, wären unsere Systeme vergleichbar brutal (Siehe Tierschützereinsätze). Operettendespoten wie Berlusconi oder Sarko sind nicht weniger skrupellos -vielleicht einfallsreicher und mit besserer Manipulations- und Überwachungstechnologie ausgestattet. Wann sind DIE fällig ? (Falls Fernseher und Compispieler noch für ihre Interessen den Arsch hochkriegen können...)

Festnetzwiederanmelder
00
22.2.2011, 17:38
die sind noch lange nicht fällig

In Europa hat unterm Strich sogut wie jeder genug zu Essen und erfrieren tun die wenigsten.
Man liest es in der Zeitung, dass es Arme gibt, aber arm ist ein relativer Begriff.
Solange hier die Mittelschicht glaubt, sie ist reich und die Armen sich für die Mittelschicht halten, bleiben sie vorm Computer.
Erst wenn Grundbedürfnisse nicht mehr befriedigt werden, denkt man an Revolution.
Wann und wo hast DU dich das letzte mal engagiert?
Ich geb zu ICH beschränke mich auf ethisch korrekten Konsum und ein paar Protestmails. Und die muss Greenpeace vorformulieren...

fridakeynes
00
22.2.2011, 17:14
immerhin könn(t)en die herren in europa abgewählt werden....

diese möglichkeit gibts in china schon mal gar nicht und das statement des parteiblattes sagt wohl alles! wann erkennen sie und ihresgleichen endlich, dass derartige vergleiche fehl am platz sind?

girls in the cage
00
22.2.2011, 16:58

aber das sind doch böse Kummunisten während wir friedliche demokraten sind...

Amoxicillin
00
22.2.2011, 11:17

Aha! Vielleicht ist der große Weltuntergang am 21.12.2012 ja die folge von Aufständen!

frank rosner
00
22.2.2011, 15:13
was schon am 21.12

ich dachte am 22.12 - na da muß ich noh eine punkte schneller erledigen

Lichtfreak
01
22.2.2011, 13:28

Die Aufstände sind die Folge des Zeitenwechsels.

tyrol_dude
19
22.2.2011, 10:50
die vorratsdatenspeicherung wurde gestern beschlossen

im westen wurden 2.000 mrd $ an banken als hilfsmittel bezahlt. sozialsysteme werden kaputt gespart. wo ist der tarhirplatz des westens, der die demokratie zurückfordert und die diktatur des finanzkapitals überwindet?

fridakeynes
00
22.2.2011, 17:19
das sind wohl zwei paar schuhe, von denen sie hier reden!

natürlich hätten die menschen bei uns auf die straße gehen können, hätten sie verstanden, was sich nach dem platzen der großen immoblase in den USA bei uns abgespielt hat! sie haben es aber nicht verstanden, sie haben immer noch ihr geld und ihre autos und ihre wohnungen und deshalb geht bei uns niemand auf die straße! genau deshalb haben unsere länder ja soviel geld in die banken geschmissen, damit genau das nicht passiert! wenn die nächste krise kommt und das geld dann doch flöten ist, wird auch bei uns revoltiert, keine sorge!

tyrol_dude
11
22.2.2011, 10:49

keine privatisierung? wie lügen sich diese roten kapitalisten doch selbst in den sack!

joergipoergi
01
22.2.2011, 14:50

Ich weiss das ist etwas schwer zu verstehen, wenn man sich nicht mit dem System China beschaftigt hat, aber tatsaechlich tut sich der Westen mit grossen in China basierten Firmen recht schwer, weil sie eben, entgegen der weit verbreiteten annahme, NIcht privatisiert sind. Die Partei hat ueberall noch immer das sagen.

Ex Tempore!
00
22.2.2011, 10:13

Ob der libysche Revolutionsführer wohl schon ein Gratulations-SMS vom chinesischen Regime erhalten hat?

BJ örk
10
22.2.2011, 11:30

oder vom berlusconi

wasawos
13
22.2.2011, 09:59
Der Aufstand beginnt......

.....der/die kleine Mann/Frau begehren auf. Es wird sich gegen die richten, die den Schlund nicht voll genug bekommen. Es wird auch die heimischen Politiker und Industriellen erwischen, denn in ihrer Gier werden sie nicht erkenne, dass sie schon genug ausgebeutet haben.

hurchzua
00
22.2.2011, 09:19
"Chinas besonderes sozialistisches Rechtssystem"

Marxismus im Endausbau:
Die Ideologie ist weg- geblieben ist nur der Kern- Diktatur und Unterdrückung

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