Kampf der Kartelle in Mexikos gefährlichster Stadt

21. Februar 2011, 17:54
50 Postings

Seit Jahresbeginn starben im nordmexikanischen Ciudad Juárez mehr als 300 Menschen im Drogenkrieg

In der gefährlichsten Stadt der Welt gehören Schüsse, Blutvergießen und Sirenen zum Alltag.

***

Atemlos biegt der Bub um die Ecke. Er ist höchstens acht. "Mama, Mama!", ruft er verzweifelt und rennt unter dem gelben Plastikband hindurch, das den Tatort absperrt. Zwei vermummte Polizisten mit kugelsicheren Westen und Maschinengewehren fangen ihn ab. Die Mutter kann ihren Sohn nicht mehr hören. Sie liegt im Innern der Bar Las Torres, in der sie als Kellnerin gearbeitet hat. Von Kugeln durchsiebt.

Kurz zuvor, gegen 19.20 Uhr: Drei schwerbewaffnete Killer stürzen in die Bar und ballern los. Sechs Kellnerinnen und zwei Kunden sterben sofort, zwei Frauen können sich hinter der Theke schwerverletzt verstecken. Nach fünf Minuten ist der Spuk vorbei, die Killer brausen im Auto davon.

300 Tote seit Jahresbeginn

Ein normaler Tag im Februar in Ciudad Juárez, Nordmexiko. Die Polizeistatistik verzeichnet die Opfer als die Toten Nummer zehn bis 17, seit Jahresbeginn starben über 300 Menschen in der gefährlichsten Stadt der Welt. Kurz nach acht Uhr ist der Tatort an der vielbefahrenen Avenida de las Torres hell erleuchtet von den blau-roten Lichtern der Bundespolizei. Acht rote Hütchen werden neben den Leichen aufgestellt, nummerierte gelbe Kegel neben den Patronenhülsen. Es sind über 100. Kaliber 7,62, Kalaschnikow, das Übliche, gibt der Ermittler zu Protokoll.

In Juárez stirbt man schnell. Weil man zu viel weiß, zu viel redet, die falschen Leute kennt oder zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Ein Schaulustiger raunt, der Besitzer habe mit dem Falschen Geschäfte gemacht. Mit Joaquín alias Chapo Guzmán, dem Anführer des mächtigen Sinaloa-Kartells, der vor drei Jahren zum Angriff auf die Stadt blies, in der bis dahin das Juárez-Kartell das Sagen hatte.

"Zerstörungskrieg bis zur Erschöpfung"

Seither starben fast 8000 Menschen im Kugelhagel. Zuerst Schlüsselfiguren der Kartelle, dann, als die Capos sich abschotteten, Dealer, Kleinkriminelle und Polizisten, schließlich jeder, der vage zur anderen Seite gezählt wurde. Von einem "Zerstörungskrieg bis zur Erschöpfung, in dem immer mehr Unschuldige sterben", spricht Gustavo de la Rosa, Menschenrechtsbeauftragter des Bundesstaates Chihuahua. Im Dezember explodierte im Stadtzentrum eine Autobombe, vor einem Jahr wurden 16 Schüler bei einer Party in einem Vorort niedergemetzelt - eine Verwechslung.

Warum die Frauen in der Bar sterben mussten? Das wird man kaum erfahren - 90 Prozent der Morde werden nie aufgeklärt. Die Ermittlerteams der Stadt sind heillos überfordert. Die Gemeindepolizei gilt als unfähig und korrupt. Zur Verstärkung hat Präsident Felipe Calderón 4500 Bundespolizisten und 3500 Militärs nach Juárez geschickt. Doch sie hecheln hilflos einem unsichtbaren Feind hinterher. So erleben die Juárenses jeden Tag mehrmals das immer gleiche makabre Spektakel aus Schreien, Schüssen, Sirenen, Plastikbändern und Hütchen.

Vorbei sind die Zeiten, als Juárez dank der Gäste aus der benachbarten US-Stadt El Paso florierten. Der Aufstieg des Wüstennests kam mit dem 1994 geschlossenen Freihandelsvertrag zwischen den USA und Mexiko. Von 300.000 wuchs die Bevölkerung auf 1,3 Millionen.

Immobilienpreise sinken, Leute fliehen

Heute stehen 120.000 Häuser, Geschäfte und Lagerhallen zum Verkauf. Die Immobilienpreise sind um die Hälfte gesunken. Über 160.000 Menschen sind vor der Gewalt geflohen - zurück in ihre Heimatstaaten oder über die Grenze. Jene, die bleiben, haben keine Kraft mehr. "Um fünf Uhr sind wir alle zu Hause und beten, dass es hier heute ruhig bleibt", sagt eine Frau aus einem Armenviertel.

Taxis lesen keine Passagiere mehr auf der Straße auf. 70 Prozent aller Ärzte haben ihre Praxen dichtgemacht. Nur noch vier Spitäler nehmen Schussopfer auf. Der letzte Kardiologe verließ vor Monaten die Stadt. Jeder misstraut jedem.

Drogenexporte

Juárez ist die Drehscheibe für den Drogenexport; 40 Prozent des Kokains für den US-Markt werden hier durchgeschleust. Strategisch günstig gelegen, mitten in der Wüste und an einer porösen Grenze, wurde die Stadt zur Hochburg des Kartells.

Als Präsident Felipe Calderón 2006 den Kamp gegen die Drogen ausrief und das durch interne Machtkämpfe geschwächte Juárez-Kartell in Bedrängnis geriet, startete das Sinaloa-Kartell die blutige Übernahme. "Calderón hat einen riesigen strategischen Fehler begangen", sagt Menschenrechtler de la Rosa. "Die Juárenses halten die Soldaten und die Bundespolizei für eine Art Schutztruppe des Sinaloa-Kartells und machen den Präsidenten für die Gewaltspirale verantwortlich." Calderón wurde bei seinem letzten Besuch in Ciudad Juárez von Journalisten und Opfern hart angegangen. Seither macht er einen Bogen um die Stadt. (Sandra Weiss aus Ciudad Juárez, DER STANDARD-Printausgabe, 22.2.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Bub und ein Polizist bei einem Tatort in Ciudad Juárez. Militär und Bundespolizei sollten die örtlichen Polizisten verstärken, hecheln dem unsichtbaren Feind aber nur hinterher.

Share if you care.