Das Leben im Ostblock

21. Februar 2011, 17:46
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Judith Zander und Jiri Kratochvil lesen im Literaturhaus Salzburg

Judith Zanders Debütroman Dinge, die wir heute sagten (dtv) entführt in die Pampa Vorpommerns. Zwischen Ostsee und Brandenburg liegt dieser Landstrich, der Name des fiktiven Dorfes lautet Bresekow. Gesprochen wird dort Plattdeutsch, der berühmteste Schriftsteller ist wohl Uwe Johnson.

So bekannt wie ihr Kollege ist die 31-jährige Judith Zander - trotz Teilnahme am Bachmann-Preis 2010 - noch nicht. Am Romananfang steht ein Todesfall: Frau Hanske ist gestorben, weshalb Tochter Ingrid samt Ehemann und Sohn Paul in die alte Heimat kommen. Als Ingrid das Kaff einst Richtung Irland verlassen hatte, blieben Fragen offen. Republikflucht hieß das offiziell, im Laufe des Romans klärt sich nach und nach auf, wie die Biografien von Ingrid und diverser Einwohner verwoben sind. Zander erzählt diese Geschichte dreier Generationen immer aus der Sicht der Figuren, scheut dabei auch nicht vor regionalem Dialekt und rasantem Tempo zurück.

Von dieser "Sammelstelle für Bekloppte" - wie das Dorf in der Ex-DDR einmal im Buch charakterisiert wird, geht es morgen gleich zu einer anderen Baustelle des "real existierenden Sozialismus". Im mährischen Brünn (und Umgebung) spielen viele Romane und Erzählungen von Jiri Kratochvil. Der Autor wurde dort 1940 geboren, nach dem Prager Frühling 1968 fasste er ein Publikationsverbot aus - u. a. hielt er sich als Kranführer über Wasser. Sein Roman Das Versprechen des Architekten (Braumüller Verlag) heißt im Untertitel Requiem auf die fünfziger Jahre und ist nicht nur deshalb voller Anspielungen auf Friedrich Dürrenmatts Das Versprechen.

In der humorig-surrealen Geschichte um Rache und Vergeltung mischt Kratochvil Fakten und Fiktion, Geschichte und Gegenwart: Naziprotektorat, früher Stalinismus und heutiger Kapitalismus bilden den Hintergrund für eine Groteske samt Architektur- und Gesellschaftskritik. Eine kluge Parabel - nicht nur über das Leben in Diktaturen, sondern über die Schwierigkeiten des Einzelnen mit jedwedem System. Einführung und Übersetzung der tschechischen Lesung: Christa Rothmeier. Bei Judith Zanders moderiert Günther Opitz. (dog, DER STANDARD - Printausgabe, 22. Februar 2011)

22./23. 2.: Salzburg, Literaturhaus, 0662/42 24 11. 20.00

  •  Jiri Kratochvil kommt ins Literaturhaus Salzburg.
    foto: standard/matthias cremer

    Jiri Kratochvil kommt ins Literaturhaus Salzburg.

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