Mr. Big und die Grenzgängerin

21. Februar 2011, 17:06
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Otto-Breicha-Preisträgerin Ilse Haider zeigt bis 10. April Fotografien und Objekte im Rupertinum

Salzburg - "Dieses Fotoshooting mit nackten Männern war amüsant und herausfordernd zugleich", sagt die Fotokünstlerin Ilse Haider, die sich auf einem Bild sogar selbst in die Mitte stellte. Das Ergebnis ist eine großformatige Ganzkörper-Fotografie mit umgekehrter Rollenverteilung. Mit Verve und Geschick inszeniert Haider ihre Arbeiten; für Jeux de Jambes etwa drapiert sie Beulen auf Frauenbeinen in Plastikstrümpfen. In all ihren Arrangements geht sie der Frage nach, was weiblich und was männlich ist. Also verpasst sie etwa in La Stilla schwarzbehaarten Männerbeinen Damenstrümpfe und Stöckelschuhe. Haider provoziert eine neue Form der Wahrnehmung. Stereotype Bilder von perfekten Körpern, wie man sie aus der Werbung kennt, nimmt sie als Ausgangspunkt für ihre Metamorphosen.

Begrüßt wird der Besucher der Ausstellung im Rupertinum von einem übergroßen Männerakt, für den übrigens ein Sportstudent Modell stand. Mr. Big heißt das dreidimensionale und begehbare Fotoobjekt der Begierde: ein auf mehrere Spanplatten kaschierter Digitaldruck, mehr als fünf Meter lang und rund zweieinhalb Meter hoch. Der "schöne Mann" wird hier als spielzeughaftes Objekt ironisiert: Es sei ihr, sagt denn auch Haider, "um die Darstellung des männlichen Narzissmus" gegangen.

Fotografie erschöpft sich bei Haider aber nicht in Papierabzug oder digitalem Druck. Die Trägermaterialien der 1965 in Salzburg geborenen und in Wien lebenden Künstlerin sind vielschichtig und kurios. So kreiert sie ihre fantastischen Fotoobjekte aus künstlichen Blütenstaubgefäßen in Silikon; mit Laserkopien auf Wattestäbchen in einer Plexiglas-Box; oder mit Schwarz-Weiß-Fotoemulsionen auf Peddigrohr und Holz. Haider, die an der Wiener Akademie der bildenden Künste bei Arnulf Rainer und am Londoner Royal College of Art studierte, ist eine Grenzgängerin zwischen Bild und Skulptur, zwischen Fotografie und Inszenierung.

Wichtig erachtet Haider die Interaktion zwischen Betrachter und Bild: "Bei den Emulsionen auf Holz etwa entsteht die Wirkung erst bei entsprechender Entfernung." Neben Arbeiten, in denen ihr der Mann als Forschungsobjekt dient, sticht eine ganz spezielle Installation ins Auge: Ein aus rosa Wattestäbchen und Silikon hergestelltes, liegendes Objekt, das von einem Elektromotor angetrieben wird und dadurch scheinbar atmet. Ironischer Titel: Die verpatzte Hochzeitsnacht.

Bereits im Oktober wurde Haider der mit 5000 Euro dotierte Otto-Breicha-Preis 2011 zuerkannt. Überreicht wurde ihr die Auszeichnung, die an den Gründungsdirektor des Museums der Moderne erinnert, der 1983 im Rupertinum die erste fotografische Sammlung des Landes anlegte, zur Eröffnung ihrer Ausstellung. (Christian Weingartner, DER STANDARD - Printausgabe, 22. Februar 2011)

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