Urlaub auch für die Umwelt

22. Februar 2011, 08:51
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Nachhaltigkeit im Fremdenverkehr: Touristen sind Wasserverprasser Umweltsünder und Verkehrs­verursacher, gerade Wintersportgebiete müssen umdenken

Die Sache mit der Nachhaltigkeit ist eine lange Geschichte der Missverständnisse. Gerade im Tourismus. Wer sich nämlich in einen Flieger setzt und über tausende Kilometer Luftraum an ein verträumtes Eiland reist, der kann getrost auf das Berechnen einer Energiebilanz verzichten. Selbst das allerbeste aller nachhaltigen Urlaubsresorts im blauen Ozean kann einem da nicht mehr aus dem Minusbereich helfen. (Außer vielleicht eine CO2-Kompensation, bei der Flugpassagiere freiwillig in Klimaschutzprojekte investieren, um den durch die Reise verursachten Treibhausgasausstoß abzubüßen.) Macht aber nix, Herr und Frau Österreicher sind schließlich eh viel lieber im eigenen Land unterwegs - die Alpenrepublik ist des Alpenrepublikaners Reiseland Nummer eins.

Wie sieht es also hierzulande aus, wenn der geneigte Tourist sich um Wald und Wiese Gedanken macht? Es fängt schon bei der Definition des Begriffs Nachhaltigkeit an - darunter versteht nämlich jeder ein bisschen etwas anderes. Für manch einen reicht vielleicht schon eine Pelletsheizung im Hotel und eine Hinweistafel im Badezimmer, dass die Handtücher nur ausgewechselt werden, wenn sie auf dem Boden liegen. Christian Baumgartner, Generalsekretär der Naturfreunde Internationale und Gründer der NGO für nachhaltigen Tourismus respect, sieht darin eines der größten Probleme: "Der Begriff wird inflationär verwendet. Auch der Tourist versteht 'Nachhaltigkeit' nicht, meist werden nur Teilaspekte berücksichtigt - Umwelt, Verkehr oder Energie."

Für Baumgartner umfasst der Nachhaltigkeitsbegriff, dass langfristig sowohl die wirtschaftlichen Bedürfnisse jener gesichert werden, die im Tourismus arbeiten als auch jener, die als Touristen unterwegs sind. Außerdem sollen Umweltsünden vermieden und der gesamte Fremdenverkehr sowohl kulturell als auch sozial verträglich gestaltet werden. "Es muss eine Balance geben. Der Tourismus kann nicht losgelöst von allem anderen existieren. Überall da, wo es eine Tourismus-Monokultur gibt, kann es nicht nachhaltig zugehen. Und sie ist nicht krisenresistent", so Baumgartner zu derStandard.at.

Krise als Chance?

Gerade die jüngste Krise hätte einen Anreiz zu einer Änderung des Blickwinkels im Tourismus bringen können - Betriebe mussten sich von der kurzfristigen Gewinnsteigerung verabschieden, ist sich Regina Preslmair von der Abteilung "Betrieblicher Umweltschutz und Technologie" des Lebensministeriums auf Anfrage sicher. Die Gäste blieben aus, die Kassen zumindest leerer. "Da hatte man sicher auch mehr Zeit, sich zu überlegen, wie es längerfristig weitergehen soll. Weil gerade im Tourismus ist man ja sonst mit genug Arbeit eingedeckt." Die zeitliche Perspektive müsse sich ändern, die Planungszeiträume müssten auf zehn bis 15 Jahre erhöht werden.

Unmittelbar während und nach der Krise habe Baumgartner auch noch daran geglaubt, dass das Ausbleiben der Touristen ein Umdenken in der Branche einläuten und eine Diskussion in diese Richtung ihren Lauf nehmen würde. Mittlerweile seien diese Stimmen aber wieder verstummt, es habe eine Rückkehr zum "business as usual" gegeben. Der österreichischen Tourismuspolitik hält Baumgartner deswegen vor, dass sie hier ihre "Chance verpasst" habe. Man müsse im Fremdenverkehr eben grundlegende Dinge anpacken, andere Dinge fördern, glaubt er.

Gerade im Bereich des Wintersports sollte man sich schön langsam Gedanken machen, wie es weitergehen soll, erklärt Baumgartner. Die Schneegarantie für Pistenfans werde dank Klimawandel nicht mehr allzu lange aufrecht erhalten werden können. "Viele machen die Augen zu, glauben, sie können mit Kunstschnee und dergleichen weitermachen. Noch herrscht der Glaube an die technischen Möglichkeiten vor." Dabei sollten einige der Skigebiete sich schon jetzt vom Tourismus verabschieden und überlegen, wie es in den nächsten Jahrzehnten weitergehen soll, meint er.

Soziale Verträglichkeit

Auch Preslmair glaubt, dass nur ein ganzheitlicher Zugang zum wirtschaftlichen Handeln einen erfolgreichen Weg zur Nachhaltigkeit darstellen kann. Nur wer es schafft, auch seine Mitarbeiter einzubinden, kann nachhaltig Nachhaltigkeit leben. Etwas, das auch Baumgartner unterschreiben kann. Er weist auch darauf hin, dass gerade im Tourismus die Arbeitsbedingungen nicht immer rosig sind: "Es gibt nur wenige gute Beispiele. In einer Umfrage zu Arbeitsplatzzufriedenheit fielen die Ergebnisse in der Branche besonders schlecht aus. Sowohl was ungleiche Bezahlung zwischen den Geschlechtern, den Ausstiegsraten aus dem Tourismus, als auch die allgemeine Unzufriedenheit angeht." Vor allem dieser soziale Aspekt ist für Baumgartner einer, der am ehesten vernachlässigt wird, wenn über Nachhaltigkeit gesprochen wird.

Im Zentrum stehen meist nur Umweltaspekte, welche auch ihre Förderung durch staatliche Maßnahmen erfahren. Zum Beispiel mit dem Österreichischen Umweltzeichen. Dafür müssen heimische Tourismusbetriebe ihr gesamtes Hab und Gut unter die Lupe nehmen. Alle vier Jahre wird nachzertifiziert, stichprobenartig wird häufiger geprüft, ob alles den Kriterien entspricht; von den Putzmitteln bis zum Parkplatz, vom Wasser- und Energieverbrauch bis zum Freilandei am Frühstückstisch. Derzeit sind über 200 Betriebe, davon viele in Wien, zertifiziert.

Investitionen rentieren sich oft nicht sofort, sondern erst nach einigen Jahren, erklärt Preslmair. Die Bewusstseinsbildung, dass Nachhaltigkeit nicht nur ein Kostenfaktor, sondern vor allem auch ein Wettbewerbsvorteil sein kann, ist wesentlich. Selbst die Gäste seien mittlerweile bereit dazu, auch ein wenig mehr zu zahlen, wenn dafür gewisse Umwelt-Standards eingehalten werden.

Apropos Umwelt-Standards: In Fragen Wasserverbrauch kann der Tourismus nur wenig auf Vorbildwirkung pochen. In der Planung von Luxushotels mit ausgedehntem Spa-Bereich geht man heute von 600 Liter pro Gast und Tag aus, erklärt Manfred Eisenhut von der Österreichischen Vereinigung für das Gas- und Wasserfach. Für Hotels der mittleren Kategorie fällt dieser Wert jedoch schon auf knapp unter 400 Liter pro Gast und Tag, in der einfachen Kategorie geht man wieder von 150 Liter pro Gast und Tag aus. Zum Vergleich: Der Durchschnitts-Österreicher verbraucht am Tag rund 130 Liter. Bedenkt man allerdings, dass im Tourismusbereich zur Verbrauchsberechnung alles zusammengerechnet wird - "von der Klospülung über den Spa-Bereich, der Küche, dem Swimmingpool, der Sauna und dem Springbrunnen in der Empfangshalle", so Eisenhut -, so lüftet sich das Geheimnis um den wasserprassenden Touristen recht schnell. 

Verkehrsvermeidung

Baumgartner schränkt aber ein, dass der Wasserverbrauch in Österreich sicher nicht das Hauptproblem im Tourismus ist. Das sei der Verkehr, denn gut 80 Prozent der Touristen kommen mit dem Auto. Laut Preslmair gebe es zum Beispiel Beherbergungsbetriebe, die ihre Gäste dafür belohnen, wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen. Dafür gibt's dann eine kleine Preisreduktion beim Zimmer.

Ein anderes Beispiel diesbezüglich kennt auch Christian Baumgartner. Mit der Initiative "Alpine Pearls" bewerben Orte in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Italien und Slowenien den Autofreien Urlaub. Am Beispiel Werfenweng erklärt Baumgartner, wie im Salzburger Tourismusort die Anzahl der mit der Bahn Anreisenden von sechs auf 22 Prozent gesteigert werden konnte. Man habe zunächst begonnen, zu jeder Buchungsanfrage den Zugfahrplan mitzuschicken, ein Shuttle-Service vom nächstgelegenen Bahnhof Bischofshofen einzurichten und auch diesen bei der Buchung zu bewerben. Außerdem stehen den Gästen zahlreiche Elektro-Fahrzeuge zu Verfügung - vom E-Roller, bis zum E-Auto und dem E-Taxi -, die gratis genutzt werden können. Übrigens auch von den Einheimischen, sagt Baumgartner. Er schränkt zwar ein, dass gerade Werfenweng sich dieses Projekt nur mit zahlreichen Fördermitteln habe leisten können, das Image der "autofreien Zone" ziehe bei Touristen aber sehr gut. Vor allem deswegen, weil die Mobilität der Touristen gewährleistet bleibe, auch ohne eigenen PKW.

All jenen, denen die Alpenrepublik als Reiseziel doch zu nahe am eigenen Wohnzimmer, ein nachhaltiges Urlauben aber dennoch am Herzen liegt, rät Baumgartner: "Weniger oft fliegen und dafür länger bleiben." (Daniela Rom, derStandard.at, 22.2.2011)

  • Nachhaltigkeit im Tourismus ist noch ein Entwicklungsgebiet in Österreich.
    foto: ots

    Nachhaltigkeit im Tourismus ist noch ein Entwicklungsgebiet in Österreich.

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