Wenn Esra rappt

21. Februar 2011, 17:00
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Die 20-jährige Esra aus Ottakring liebt das Rappen und ist "Ausländer mit Vergnügen"

Im "Jugendcafe" am Volkerplatz im Nordbahnviertel wartet eine kleine Gruppe von Mädchen im Alter von zehn bis vierzehn Jahren. So unterschiedlich die Namen der Kinder, deren Eltern aus Österreich, der Türkei oder Serbien stammen, sind, so gemeinsam ist ihnen die Neugier und Vorfreude. Denn sie warten gespannt auf EsRaP, eine türkische Rapperin, die ihnen etwas übers Reimen und Rappen erzählen wird. Der Workshop wurde von der "Street Academy" in Kooperation mit dem Jugendzentrum "Alte Trafik", das das "Jugendcafe" beherbergt, organisiert.

Die Burschen müssen diesen Nachmittag draußen bleiben, einige spielen Fußball im Park, einige versuchen durch die großen Fensterscheiben einen Blick auf die Rapperin zu erhaschen. "Die sind heute ganz neidisch auf die Mädchen, das ist unser erster Rap-Workshop", erzählt eine Sozialarbeiterin.

Kein Gangsta-Rap

EsRaP heißt eigentlich Esra Özmen und ist 20 Jahre alt. Ihre langen gelockten Haare trägt sie locker zum Zopf gebunden. Auch ihr Outfit ist lässig, sie trägt baggy pants und einen Kapuzenpullover. Als sie in die Runde fragt, welchen Rapper die Mädchen kennen, fallen Namen wie Sido, Nazar oder Ceza, ein erfolgreicher Rapper in der Türkei. Einige Mädchen können sogar Texte von Sido auswendig und der ist nicht gerade für seine jugendfreien Reime bekannt.

"Gangsta-Rap" mag Esra nicht, der ist ihr mit all den Videos mit Waffen und den gegenseitigen Beschimpfungen viel zu gewaltverherrlichend. "Man kann über Gefühle rappen oder gegen Dinge, die nicht richtig sind. Aber das Dissen beim Gangsta-Rap gefällt mir nicht, das ist wie Kindergarten. Ich will wie EsRaP rappen, nicht wie Eminem oder Ceza", macht sie klar.

Kein Wort Deutsch

Bis sie sich traute zu rappen und auf Jugendfesten aufzutreten, dauerte es aber eine Weile. "Mit 16 Jahren war ich eine schüchterne Person, die ihre Gefühle nicht zeigen konnte und kein Selbstvertrauen hatte", erzählt Esra den Mädchen. Schüchtern war Esra auch in der Volksschule. Denn sie konnte bei Schuleintritt kein einziges Wort Deutsch. Den Kindergarten hatte sie nicht besucht, zuhause wurde Türkisch gesprochen. Die mangelnden Deutschkenntnisse versuchte sie so schnell wie möglich aufzuholen. "In der Volks - und Hauptschule war ich wie eine Streberin, wenn wir einen Aufsatz als Hausübung bekommen haben, hab ich gleich fünf davon geschrieben."

Esra hatte gute Noten und wechselte mit 15 Jahren in ein Sportrealgymnasium. Hier war sie die einzige Türkin in der Klasse, an der Schule gab es wenige Schüler mit nicht-österreichischen Namen. Esra fühlte sich alleine, die Lebenswelt ihrer Mitschüler aus vorwiegend wohlhabendem Hause unterschied sich frappant von ihrem Leben. Ihre Mutter ist Hausfrau, der Vater Bauspengler.

Für Matura nicht geeignet?

Mit den Noten ging es von da an bergab. "In meiner alten Schule gab es viele, die sehr schlecht Deutsch sprachen. Ich dachte immer mein Deutsch wäre gut, bis ich ins Gymnasium kam", bringt Esra ihre damaligen Probleme auf den Punkt. Von den Lehrern wurde sie nicht unterstützt, die Mitschüler machten sich über ihre Aussprachefehler im Englischunterricht lustig. Trotzdem kämpfte sich Esra bis zur Maturaklasse durch.

Doch einige Wochen vor der Matura schien ihr Traum vom erfolgreichen Abschluss zu platzen. "Die Lehrer haben mir gesagt, dass ich fürs Gymnasium nicht geeignet sei und besser eine Lehre oder die Abendschule machen sollte. Warum haben sie mir das erst in der Abschluss-Klasse gesagt?" Esra war verzweifelt, wollte zunächst alles hinschmeißen. Doch sie gab nicht auf, wechselte mithilfe des Einsatzes einer Sozialarbeiterin, der sie sich anvertraute, das Gymnasium, und hat die Matura mit einem "Nachzipf" in Latein erfolgreich bestanden, seit kurzem ist sie Jus-Studentin.

"Rap hat mir geholfen"

In dieser Zeit hat ihr das Rappen geholfen. "Rap hat mir geholfen, wenn ich Probleme hatte. Ich hab meine Gefühle auf Papier geschrieben und die Texte mit Musik kombiniert." Die zuhause aufgenommenen Rap-Songs verteilte sie in ihrem Freundeskreis. Freunde waren es auch, die ihr von einem Aufnahmeraum in einem Jugendzentrum im 20. Bezirk erzählten, wo jede/r seine Songs professionell aufnehmen konnte. "Im BackBone20-Studio hab ich viel über Takt und Rhythmus gelernt und viel trainiert."

"Meine Eltern stehen voll hinter mir"

Es dauerte nicht lange, bis sie ihren ersten Auftritt auf einem Winterfest des Jugendzentrums hatte. "Dort habe ich die neue Esra getroffen, früher konnte ich vor Nervosität nicht mal Referate halten, aber dann hab ich gesehen, dass die Zuschauer respektierten, was ich machte", erzählt Esra über ihre Gefühle wenn sie auf der Bühne steht. Obwohl Esra das Rappen anfangs vor ihren Eltern versteckt hat, verpassten sie nicht den ersten Auftritt der Tochter. "Meine Eltern wollten unbedingt mitkommen, meine Mutter stand mit tränenden Augen vor mir. Meine Eltern stehen voll hinter mir." Manchmal begleitet sie ihr jüngerer Bruder Enes auf der Bühne, dann singt er zu ihren Rapeinlagen.

 

"Ausländer mit Vergnügen"

Am Volkertplatz ist es mittlerweile schon früher Abend, langsam wird es dunkel. Zum Fußballspielen ist es schon zu kalt, nur noch wenige Jungs sind da und beobachten von draußen wie im Jugendcafe die Mädchen rappen, zuerst alleine und dann in der Gruppe. Waren sie zuerst eher leise und schüchtern, werden ihre Stimmen mit Ende des Workshops immer kräftiger. "Ihr müsst ins Mikro reinschreien und rappen wie ein King", ermutigt sie Esra.

Am Ende gibt Esra, die auf Türkisch und auf Deutsch rappt, eine Kostprobe ihres neuen Songs, der vom Fremdsein in Wien handelt. "Unter Blonden war ich die Einzige mit schwarzen Locken. Ja, ich war anders, ist das mein Fehler? Ich bin ein Ausländer - mit Vergnügen", rappt sie energisch. "Als Kind wurde mir gezeigt, dass das nicht mein Land sei, wenn so Kommentare auf der Straße kamen, dass ich als Tschusch heimgehen soll, aber mittlerweile fühle ich mich sehr wohl, hier bin ich aufgewachsen", berichtet sie über das Leben als Gastarbeiterkind. Den Mädchen gibt sie mit, dass das Beherrschen der deutschen Sprache wichtig ist, "sonst nimmt dich keiner ernst."

  • "Ich will wie EsRaP rappen, nicht wie Eminem oder Ceza."
    foto: street academy

    "Ich will wie EsRaP rappen, nicht wie Eminem oder Ceza."

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