Wetter auf Knopfdruck

22. Februar 2011, 12:44
32 Postings

Im Klima-Wind-Kanal in Wien werden Verkehrsmittel und SportlerInnen auf ihre Wetterbeständigkeit geprüft - Der Kanal ist weltweit einzigartig

Verspätungen und Ausfälle im Schienenverkehr waren im Dezember 2010 keine Seltenheit. Von den Bahnunternehmen gab es in Mitteleuropa immer wieder die Erklärung, dass "extreme Winterwetterbedingungen" dafür verantwortlich zu machen wären. Gabriel Haller, Technischer Leiter des Klima-Wind-Kanals in Wien, hält aber dagegen: " Es hätte eigentlich keine witterungsbedingten Verspätungen oder Ausfälle geben dürfen. Der Winter war absolut durchschnittlich. So viel Schnee und Eis müssen die Züge aushalten."

Haller muss es wissen, denn auf dem Rail Tec Arsenal im 21. Wiener Gemeindebezirk werden Schienenfahrzeuge und andere Transportmittel auf ihre Wettertauglichkeit geprüft. In zwei Klima-Wind-Kanälen können unter anderem Züge, Busse und Autos, je nach Kundenwunsch, auf 60 Grad Celsius erhitzt oder minus 45 Grad Celsius abgekühlt werden. Auch Schnee, Regen und Eis lassen sich in den Kanälen simulieren.

Sicherheit garantieren

Laut Haller müssen gewisse technische Systeme unter extremen Klimabedingungen getestet werden, um die Sicherheit zu garantieren. Dabei spiele solch ein Testkanal eine wichtige Rolle, da er kostspielige Überprüfungen im Freien erspare. Als Beispiel nennt Haller einen Hubschrauberhersteller, der neu produzierte Triebwerke bei minus 40 Grad Celsius testen wollte. Dazu reiste eine Abordnung des Herstellers nach Skandinavien und wartete drei Monate auf die gewünschte Temperatur - der Test in Wien dauerte schließlich drei Tage.

Ein weiteres Beispiel für den Vorteil eines Klima-Wind-Kanal-Tests kommt aus Skandinavien. Dort hatte ein nationaler Bahnbetreiber Probleme mit seinen Zügen bei Schneefall. Die Türen öffneten sich nach einer gewissen Zeit nicht mehr. Man stellte das Problem in Wien nach und testete kurzerhand auch drei Verbesserungsmöglichkeiten. "Würde man die Neuerungen im Fahrtbetrieb testen müssen, würde man vielleicht erst nach einem Jahr wissen, dass es nicht funktioniert. Da erst dann wieder dieselben Witterungsbedingungen herrschen wie zuvor", so Haller.

"Ein Anruf genügt"

Der Technische Leiter räumt aber auch ein, dass es nicht für alle klimatischen Bedingungen die passenden Verbesserungen gebe. So könnte zwar ein Scheibenwischer für Automobile entwickelt werden, der auch zehn Millimeter dickes Eis kratzt, doch "wäre er zu groß dimensioniert für den normalen Gebrauch". In 99,9 Prozent der Situationen, bei denen ein Scheibenwischer benötigt werde, würde man eben kein Eis kratzen müssen.

Um ein Projekt im Klima-Wind-Kanal zu überprüfen, reicht laut Haller "prinzipiell ein Anruf" - Nachsatz: "Wenn man schon einmal Kunde bei uns war." Die Kunden kämen mittlerweile, im achten Betriebsjahr, aus allen "Klimazonen der Welt". Eines der größten Projekte, das man bisher betreut habe, war etwa der Hochgeschwindigkeitszug Velaro aus Russland. 

Extrembedingungen in Dubai

Außerdem betreue man öffentliche Verkehrsmittel aus Singapur, Taiwan und auch Dubai. Für das letztgenannte Land müsse man aber unter "Extrembedingungen" testen. So würden die Betreiber verlangen, dass zum Beispiel ein Bus Temperaturen von 50 Grad Celsius problemlos standhalten und dabei im Fahrgastraum konstant 24 Grad Celsius herrschen soll.

Damit der Test durchgeführt werden kann, müssen im Innenraum des Busses an den unterschiedlichsten Plätzen Messgeräte angebracht werden. Außerdem wird auch die Temperatur der Fahrgäste simuliert. Dazu werden Heizmatten auf den Sitzen angebracht und am Boden Dampfdüsen aufgestellt. "Bei einem voll besetzten Waggon, sind das immerhin 10 KW mehr im Fahrgastraum", so Haller. 

Aber nicht nur "seelenlose" Dinge werden laut Haller im Klima-Wind-Kanal getestet, auch SportlerInnen nutzen die Anlage, um ihre Geräte und Körperhaltung unter Wettkampfvoraussetzungen zu testen. Vor allem die SchispringerInnen des ÖSV und auch RadfahrerInnen geben im Kanal sich selbst den letzten Schliff. Für Haller sind das immer "besondere Abwechslungen" zu den alltäglichen Aufträgen. (Bianca Blei, derStandard.at, 21.2.2011)

Hintergrund:

Der Klima-Wind-Kanal wurde durch öffentliche Hand finanziert und nun von einer Betreibergesellschaft genutzt. Diese Gesellschaft besteht aus den Unternehmen Siemens, Austrian Institute of Technology, Bombardier, Alstom, Ansaldobreda und Firema Transporti. Die jährlichen Ausgaben (inklusive Nutzungskosten) betragen über sechs Millionen Euro, die über externe Projekte finanziert werden.

 

derStandard.at/Panorama auf Facebook

  • Um ein Projekt im Klima-Wind-Kanal zu überprüfen, reicht laut Haller "prinzipiell ein Anruf".
    foto: rta rail tec arsenal

    Um ein Projekt im Klima-Wind-Kanal zu überprüfen, reicht laut Haller "prinzipiell ein Anruf".

  •  Eines der größten Projekte, das man bisher betreut habe, war der Hochgeschwindigkeitszug Velaro aus Russland.
    foto: rta rail tec arsenal

    Eines der größten Projekte, das man bisher betreut habe, war der Hochgeschwindigkeitszug Velaro aus Russland.

  • Messgeräte in den Fahrzeugen geben exakte Auskunft über die Innenraumtemperatur.
    foto: rta rail tec arsenal

    Messgeräte in den Fahrzeugen geben exakte Auskunft über die Innenraumtemperatur.

Share if you care.