11.000 Jahre alter Turm war "Wächter gegen die Mächte der Finsternis"

21. Februar 2011, 13:07
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Neue Theorie zum "ältesten Hochhaus der Geschichte" aus der Zeit des Übergangs zur Sesshaftigkeit

Jersualem - Der neolithische Turm von Jericho ist eines der ältesten Stein-Monumente in der Geschichte der Menschheit. Das etwa 8,5 Meter hohe Bauwerk wurde vor etwa 11.000 Jahren in einem kleinen Dorf von Jägern und Sammlern errichtet, die gerade den Übergang zur Sesshaftigkeit und Landwirtschaft vollzogen. Seit seiner Entdeckung im Jahr 1952 werten Historiker den Turm als erstes steinernes Manifest der neuen neolithischen Gesellschaftsordnung - zugleich könnte es das erste öffentliche Gebäude überhaupt sein; der genaue Zweck des Turmes und die Art und Weise, wie er errichtet wurde, beschäftigt die Wissenschafter allerdings bis heute.

Zwei israelische Archäologen wollen nun die Funktion des "ersten Hochhauses der Welt" enträtselt haben: Roy Liran und Ran Barkai von der Universität in Tel Aviv stellen den Bau in Zusammenhang mit der Sommersonnenwende. Der kegelförmige Turm sei als eine Art "Wächter gegen die Mächte der Finsternis" errichtet worden, meinen die Wissenschafter in der Fachzeitschrift Antiquitiy.

Alte Thesen

Frühere Forscher haben spekuliert, dass der Turm und die anschließenden Mauern ein System von Befestigungsanlagen bilden und als Maßnahme gegen Hochwasser dienten. Andere haben die Bauwerke als geografische Markierungspunkte angesehen, die den Einflussbereich der frühen Bewohner von Jericho anzeigen und ein Symbol des Reichtums und der Macht des alten Dorfes repräsentieren.

Nach der aktuellen Theorie dürfte der Zweck des Turmes jedoch ein völlig anderer gewesen sein: Nach Beobachtungen der Archäologen liegt das am Westrand der neolithischen Siedlung errichtete Gebäude in einer Fluchtlinie mit dem Punkt des Sonnenuntergangs am 21. Juni und dem Gipfel des benachbarten Dschebel Quruntul, der später in der christlichen Tradition auch als "Berg der Versuchung" Jesu verehrt wird. Mit Hilfe einer Computersimulation wiesen die Wissenschafter nach, dass der Schattenkegel des Quruntul-Gipfels am Abend des längsten Tages genau auf den Turm trifft.

"Symbol der Stärke"

"Wir glauben, dass der Turm als ein irdisches Element die Bewohner des Ortes mit den Hügeln um sie herum und mit dem himmlischen Element der untergehenden Sonne verbindet," erklären die beiden Wissenschafter. Nach ihrer Deutung ist der Turmbau damit ein "Symbol der Stärke" der neusteinzeitlichen Bewohner und ein Ausdruck ihrer "Fähigkeit, den furchteinflößenden Kräften der Natur Widerstand zu leisten".

Zugleich spekulieren die Archäologen, dass die Erbauer die kollektive Furcht der Bewohner vor den Kräften der Natur nutzten, um sich Macht über die Bevölkerung zu verschaffen. Insofern sei der Turm aus der frühesten Phase menschlicher Sesshaftigkeit auch ein erster konkreter Hinweis auf "die Nutzung von Architektur als Mittel kalkulierter menschlicher Kontrolle". (red/APA)

  • Querschnitt durch den Turm in Blickrichtung Norden (a) und Aufnahmen der Treppe im Inneren von unten (b) und oben (c).
    foto: tel aviv university

    Querschnitt durch den Turm in Blickrichtung Norden (a) und Aufnahmen der Treppe im Inneren von unten (b) und oben (c).

  • Außenansicht des neolithischen Turms von Jericho.
    foto: tel aviv university

    Außenansicht des neolithischen Turms von Jericho.

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