Hirnstimulation für Zwangsneurotiker

21. Februar 2011, 12:05
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Chirurgen pflanzen Patienten hauchdünne Elektroden ins Gehirn - Je länger der Reiz, desto stabiler die Patienten

Washington - Wenn Menschen von ihren Zwangsneurosen fast in den Wahnsinn getrieben werden, können Chirurgen jetzt die Notbremse ziehen.

Sie pflanzen den Patienten hauchdünne Elektroden tief ins Hirn. Dort stimulieren elektrische Impulse dann den Schaltkreis, der mit Depressionen, Neurosen und anderen psychiatrischen Krankheiten in Verbindung gebracht wird. Das berichteten US-Experten bei der Jahrestagung des amerikanischen Wissenschaftsverbandes AAAS am Freitagabend in Washington. In den USA wurden ihren Angaben nach bisher etwa 50 Zwangsneurotiker dem riskanten Eingriff unterzogen.

Bei drei von vier Patienten 25-prozentige Verbesserung

Eine Studie mit 26 besonders schweren Fällen in den USA und Belgien zeigte nach Angaben des Psychiaters Benjamin Greenberg von der Brown Universität, dass der Eingriff bei jeweils drei von vier Patienten eine 25-prozentige Verbesserung herbeiführte.

Je länger die Elektroden ihr Hirn reizten, desto stabiler wurden sie. Aber selbst eine Verbesserung von 25 Prozent kann schon ausreichen, um die Behandlung wieder auf Medikamente und Verhaltenstherapien zurückzufahren, sagte der Neurologe Michael Okun von der Universität von Florida.

Hilfe auch bei Morbus Parkinson

Die Stimulation des Hirns über Elektroden hatte sich zuvor bei Patienten mit Morbus Parkinson oder anderen Ursachen von Tremor (Zittern) als erfolgreich erwiesen. Die ersten Studien wurden nach Angaben von Mahlon DeLong an der Emory Universität in den Niederlanden gewagt.

Inzwischen hätten etwa 70.000 Menschen Hilfe von den elektrischen Impulsen erhalten. Bei Erkrankungen des motorischen Systems wie Parkinson werde aber ein anderes Zentrum im Hirn angesprochen, erläuterte DeLong.

Etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen

Zwangsneurosen sind nicht unüblich, sagte DeLong im Gespräch. Etwa ein Prozent der Bevölkerung leide unter ihnen, die meisten aber an milden Formen.

Manche Betroffenen hätten Angst vor Bakterien, müssten sich ständig die Hände waschen, ließen sich ungern angreifen und hätten den Drang zum Putzen. Andere werden laut DeLong von der Sorge geplagt, etwas vergessen zu haben. Sie prüften laufend nach, ob sie die Tür verschlossen und das Gas abgedreht haben.

Eine weitere Form der Zwangsneurose sei die Sucht nach Ordnung und Gleichmaß. Die davon Betroffenen könnten beispielsweise keine verrückten Möbel ertragen, sagte DeLong. Zum möglichen Kandidaten für den Hirneingriff wird ein Zwangsneurotiker aber erst dann, wenn er nicht mehr in der Lage ist, zu arbeiten und menschliche Kontakte zu halten. (APA)

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    Etwa ein Prozent der Bevölkerung leidet an Zwangsneurosen.

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