"Unerträgliche Laxheit der Strafjustiz"

21. Februar 2011, 10:52
291 Postings

Breite Kritik an Justizministerin Bandion-Ortner wegen schleppenden Neonazi-Verfahren - Staatsanwaltschaften weisen Kritik zurück

Linz - SPÖ, Grüne, KPÖ, ÖGB, Mauthausen Komitee und Antifa-Netzwerk in Oberösterreich sowie die Israelitische Kultusgemeinden haben am Montag kritisiert, dass in wichtigen Strafverfahren gegen mutmaßliche Neonazis nichts weiter geht. Am 20. August 2009 wurden die "Nationale Volkspartei" (NVP) und die "Bunten" von den zuständigen Behörden von Landtags- bzw. Gemeinderatswahlen ausgeschlossen und wegen Wiederbetätigung angezeigt. Die Strafjustiz habe immer noch keine Ergebnisse erzielt, klagten die Parteien und Verbände in Aussendungen an.

Belastungsmaterial

"Wir fordern, dass es zu Anklagen wegen Wiederbetätigung kommt!" protestierte Raimund Fastenbauer, Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinden. Auch das Mauthausen Komitee Österreich, das die Überlebenden des Konzentrationslagers Mauthausen vertritt, kritisierte, dass in den Strafverfahren nichts weitergehe, dabei liege geradezu erdrückendes Belastungsmaterial vor: "Von Fotos mit Hitlergruß und Nazi-T-Shirts bis hin zu einem Parteiprogramm, das teilweise aus einem SS-Text abgeschrieben wurde." Diese unerträgliche Laxheit der Strafjustiz schade der Demokratie und dem Rechtsstaat, so Bundesvorsitzender Willi Mernyi. Robert Eiter, Sprecher des oö. Antifa-Netzwerks nannte, die Tatsache, dass die Anzeigen wegen Wiederbetätigung bis heute ergebnislos geblieben seien, ein besonders krasses Beispiel für die Untätigkeit der Behörden .

"Rechtsextreme Pamphlete"

Der Verfassungsgerichtshof habe die Wahlausschlüsse längst bestätigt und gegen beide rechtsextreme Gruppen liege massives Belastungsmaterial vor, so die SPÖ. Landesgeschäftsführer Christian Horner wies darauf hin, dass die NVP weiterhin ihr ewig gestriges Gedankengut verbreite und auch "Bunten"-Listenchef Ludwig Reinthaler weiterhin rechtsextreme Pamphlete verschicke. Er forderte Justizministerin Claudia Bandion-Ortner auf, endlich dafür zu sorgen, dass die Staatsanwaltschaften Linz und Wels bei den Ermittlungen Ergebnisse erzielen.

Seit den Anzeigen seien mittlerweile 18 Monate vergangen. Die Grünen wollen nun auch auf Bundesebene aktiv werden. "Die Kollegen werden auf parlamentarischer Ebene alle Mittel ausschöpfen, um hier die behördliche Starre zu lösen und eine möglichst baldige Anklageerhebung wegen Wiederbetätigung zu erreichen", kündigte die oö. Menschenrechtssprecherin Maria Buchmayr an.

"Persilschein für NVP"

KPÖ-Landessprecher Leo Furtlehner kritisierte: "Die Säumigkeit der Justiz ist faktisch ein Persilschein für NVP und die Reinthaler-Liste zur Fortsetzung ihrer einschlägigen Aktivitäten und damit eine Ermunterung für rechtsextreme und neonazistische Betätigung." Die Justizministerin müsse endlich den antifaschistischen Verfassungsauftrag der Zweiten Republik - festgeschrieben im NS-Verbotsgesetz und im Staatsvertrag - ernst nehmen, verlangte die KPÖ.

Für den ÖGB ist es unerträglich, wie träge die Strafjustiz agiere. Der Bund forderte endlich konkrete Schritte der Staatsanwaltschaften. "Rechte Umtriebe sind keine Lausbubenstreiche, sondern gefährden die Demokratie. Wer nichts dagegen unternimmt, macht sich mitschuldig", sagte Landessekretär Walter Haberl.

Staatsanwaltschaften weisen Kritik zurück

Die Sprecher der Staatsanwaltschaften Linz und Wels haben die Kritik Montag zurückgewiesen, berichtete das ORF-Radio Oberösterreich. Das Ermittlungsverfahren gegen die "Bunten" in Wels sei abgeschlossen, sagte Mediensprecher Christian Hubmer. Der Vorhabensbericht, der über das weitere mögliche Vorgehen entscheidet, sei vor einem Monat an die Oberstaatsanwaltschaft und das Justizministerium geschickt worden.

Das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung arbeite derzeit am Abschlussbericht zur "Nationalen Volkspartei" (NVP), sagte Rainer Schopper, Mediensprecher der Staatsanwaltschaft Linz und Leiter der Ermittlungen gegen die NVP. Die Fertigstellung sei in den kommenden Wochen zu erwarten. Die lange Ermittlungsdauer hänge mit den umfangreichen Erhebungen und der Auswertung der komplizierten Fakten zusammen. Den Vorwurf der Untätigkeit wies er wie Justizministeriums-Sprecher Paul Hefelle zurück. Inhaltlich könne und dürfe man zu den beiden laufenden Verfahren nichts sagen. Der Bericht der Staatsanwaltschaft Wels werde so schnell wie möglich bearbeitet, so Hefelle zum ORF-Radio. (APA)

 

  • Teilnehmer einer Gedenkfeier in der KZ-Gedenkstätte Ebensee, anlässlich der 65-jährigen Wiederkehr der Befreiung der Häftlinge.
    foto: rubra

    Teilnehmer einer Gedenkfeier in der KZ-Gedenkstätte Ebensee, anlässlich der 65-jährigen Wiederkehr der Befreiung der Häftlinge.

Share if you care.