"Das Gericht polarisiert ein bisschen": Harald Fidler zollt einem unerschütterlichen Kellner Respekt
Es lag vielleicht an der Fete im Keller, wo das Floß freundlicherweise seine Raucherzone verstaut hat. Oder vielleicht haben wir nicht den besten Tag erwischt, des Lokals oder auch unseren eigenen. Jedenfalls erlebten wir in dem Lokal am Wiener Börseplatz eine interessante Überraschung.
Fidler, naturtrüb und säuerlich
Dass mich der Kellner kannte oder zu kennen glaubte oder auch nur angesichts des vergleichbaren Haarschnitts duzte, störte mich nicht gravierend, auch bei ikea trage ich das ja mit Fassung, auch wenn ich deshalb noch lange keine Köttbullar nehme. Erfreulicher die Überraschung, jedenfalls in der Fastenzeit, dass er zwölf verschiedene Fruchtsäfte im Programm hat, auch wenn ich trotzdem finde, dass der Naturtrübe vom Apfel am besten zu mir passt. Vor allem, wenn er vom Braeburn stammt, dem ja besten Apfel von überhaupt, und säuerlich ist. Trüb von Natur und säuerlich, ideal für den Fidler. Nein, das sagte nicht der Kellner, das auszusprechen, überließ er mir.
Ein Baum von einem Knödel
Erfreulich auch (für mich, weniger für die betroffenen Tiere), dass Beuschl und Ochsenschlepp auf der Karte stehen. Das Beuschl anständig, der Semmelknödel dazu ähnelte halt leider nicht nur in der Form einem sauber schräg gekappten Baumstamm, sondern auch in der Konstistenz, wobei ich mir frisch geschnittene Baumstämme zwar so, nun, kompakt, aber etwas weniger trocken vorstelle. Aber gut, rundum war ja genug Beuschelsaft, und der gar nicht schlecht.
Das könnte man übrigens auch vom Wurzelfleisch* sagen: Mein Kostbissen erschien mir schon eher auf der trockenen Seite daheim zu sein, was mir meine Tischnachbarin bestätigte, die das Gericht bestellt hatte. War ja genug Suppe rundherum.
Die Schaumrolle an der Wurzel packen
Dass genau der Beuschelsemmelstamm Fülle im Ochsenschlepp wiederkehren würde, hätte ich ahnen können, hab ich aber nicht. Zwei gewaltige Wirbelstücke vom Ochsenschwanz außen reichten aber locker auch ohne die Semmelei zum Sattwerden, ich konnte gerade eines derschleppen. Dreierlei Püree dazu, avisiert als (Rotkraut, Sellerie, Brokkoli), blieb mir nicht besonders in Erinnerung, am ehesten die Sellerie.
Womöglich lag das am "Dreierlei" von der Sellerie, das ich vorweg gekostet hatte, in Gestalt von Terrine, Schaumrolle und Salat. Von denen verlangte mir jedenfalls die Schaumrolle viel Fantasie ab, welche Wurzel sie gehabt haben soll. Einerlei, umso klarer schmeckte man die Knolle - beim Dessert.
Sie haben wohl eine Zwiebel in der Birne
Nougatknödel mit Birnenkompott bestellte eine Tischnachbarin, und machte nach dem ersten Bissen große Augen: Zwiebelgeschmack im Birnenkompott? Kostlöffel wurden verteilt, ich kann bestätigen: Zwiebel. Ich glaube ja sogar die Konsistenz von Zwiebel ausgemacht zu haben. Theorie 1 (unsere): Schneidbrett nicht gewechselt oder gewaschen. Theorie 2 (Kellner, mit dem Teller auf dem Weg ): Hat in der Küche wer die für den Käse gedachte Zwiebelmarmelade mit dem Birnenkompott verwechselt? Theorie 3 (Kellner, auf dem Rückweg aus der Küche, durchaus ernsten Blicks): "Das gehört so. Altwiener Art, mit Zwiebel." Respekt dafür. Und für den Nachsatz: "Das Gericht polarisiert ein bisschen."
Hilfe!
Mir als Universaldilettanten kann man ja alles sagen (ich muss es ja nicht glauben). Aber Ihnen, geschmackssichere wie welterfahrene und blitzgescheite Schmecks-Userinnen und -User? Was halten Sie vom Altwiener Birnenkompott? (fid)
* PS: Ich wurde gerade von Frau Katharina aufmerksam gemacht, dass der Tafelspitz ein Wurzelfleisch war - wie ich sogar im Bildtext richtig geschrieben hatte. Ist nun auch im Text korrigiert. Frau Katharina wirkte auch ein bisschen enttäuscht, dass ihre Eiernockerl nicht vorkamen. Das holen wir natürlich sofort nach: Frau Katharina hatte an diesem Abend Eiernockerl, die mir gar nicht schlecht schmeckten, sie fand sie nicht herausragend. Wobei sie gerade das waren: ein Berg von Mehl und Ei, dass man nur so staunt. Ein klarer Fall für ein Doggy Bag. Aber das ist schon wieder reine andere Geschichte.
Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und
Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als
Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache
um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht
immer gelingt.