Hella von Sinnen: Die Flugbegleiterin

20. Februar 2011, 21:41
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Hella von Sinnen flog nach Wien und sorgte dafür, dass jeder andere Passagier das mitbekam

Ich habe keine Ahnung, was Hella von Sinnen am Wochenende in Wien tat. Und in Wirklichkeit weiß ich auch nicht, was Frau von Sinnen derzeit treibt - abgesehen davon, Frau von Sinnen zu sein. Aber im Grunde ist das ja egal: Hella von Sinnen ist längst in jener Kategorie von Prominenten, in der es nicht nötig ist, etwas zu tun: Man ist. Und das ist genug.

Freilich ist es in einer Welt, in der alle Umstehenden so funktionieren, nicht unwichtig, auch beständig darauf hinzuweisen, dass man da ist. Dass man etwas Besonderes ist. Dass, weil man ja etwas Besonderes ist, man nicht nur besondere Aufmerksamkeit verdient, sondern auch die eigenen - besonderen - Bedürfnisse zu erfüllen sind.

Berufsschrill

Das - um Frau von Sinnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen - ist allerdings nicht das Verhaltensprivileg von Personen, die Adjektiva wie "schrill" oder " schräg" zur eigenen Jobdescription gemacht haben: Mittlerweile gehört es zum Standard-Beratungsprogramm jedes zweiten Coaches, Klienten zu empfehlen, sich durch Sonderwünsche/Zickigkeit unvergesslich zu machen. Schon Der (tatsächlich große) Curd Jürgens soll das gewusst haben: "Hauptsache der Name ist richtig geschrieben" soll der ja gesagt haben.

Zurück zu Hella von Sinnen. Die saß am Donnerstag am Flughafen Köln/Bonn in der Abendmaschine nach Wien - und war sich allem Anschein nach nicht sicher, ob es nicht genügte, optisch eindeutig als Frau von Sinnen erkannt worden zu sein: Obwohl der Lärm im am Boden auf Starterlaubnis wartenden Flieger enden wollend war, plauderte die in der ersten Reihe Sitzende laut genug, dass man auch noch bei den Notausstiegsitzen in der Holzklasse jedes Wort aus der ersten Reihe Business hörte - und verstand.

Frau von Sinnen haderte lautstark mit der de facto Normalverspätung und der Unbill, die diese ihr - nur ihr - bereitete. Die Flugbegleiterin tat, was sie konnte. Sie bot (allem Anschein nach - die Stimme war hinten nicht zu hören) Getränke an. "Champagner", forderte Frau von Sinnen mit der Stimme der geknechteten Vielfliegerin. "Champagner", wiederholte sie: Hier, verriet ihre Stimme, litt ein Mensch. Und zwar elendiglich.

Minderer Sprudel

Doch herrje: Kurz- und Mittelstreckenflüge sind nicht, was sie einst waren. Nicht an diesem Abend. Nicht auf diesem Flug: Sie könne der Berühmtheit leider keinen Champagner offerieren. Ob es ein Glas Sekt sein dürfe, dürfte die Flugbegleiterin geantwortet haben. Zum Unmut der von Sinnen: Sekt, tönte es durch dem Flieger, käme nicht in Frage. Aber sowas von gar nicht - da sei ihr Schlichtheit lieber: Wasser. Man möge ihr Wasser reichen.

Kurze Zeit später war Frau von Sinnen wieder in Not: Der Flieger stand am Vorfeld. Boarding war completed. Und da das Flugzeug abgefertigt war, waren die Türen längst verschlossen und verriegelt. Jeder kennt das - bis auf Frau von Sinnen.

Die Stewardess, hörten die staunend zu unfreiwilligen Ohrenzeugen gemachten Mitfliegenden bis (mindestens) Reihe 15, möge die Türe öffnen. Sie (Hella von Sinnen) brauche Luft. Frischluft. Sofort. Die umgewälzte Luft im Flieger sei dem bekömmlichen Atemholen nicht zuträglich. Oder so ähnlich.

Atemnot

Nicht, dass Frau von Sinnen mit dieser Luftqualitätsanalyse prinzipiell Unrecht gehabt hätte war es, was die hinter dem (vorstartprozederebedingt ) geöffneten Vorhang zur Businessclass Sitzenden die Köpfe heben oder in den Gang stecken ließ: Wie die bemitleidenswerte Flugbegleiterin mit diesem Auftrag umgehen würde, wollte man dann doch nicht versäumen.

Der Kabinenhase stand bei Frau von Sinnen. Machte bedauernd-entschuldigende Handbewegungen. Schüttelte den Kopf. "Ach so? Meinen Sie?" tönte es durch den Flieger. Bedauernde Gesten. "Das glaube ich nicht. Gehen Sie zum Piloten. Sagen Sie ihm, was ich will. Dann werden wir ja sehen." Die Flugbegleiterin war vermutlich froh über die Forderung: Von sich aus einen Abgang zu machen, wäre als grobe Unhöflichkeit gewertet worden. Sie klopfte an die Cockpittür - und verschwand.

Sonderwunschkonzert

Was sie dem Piloten sagte und was der darauf antwortete, wird wohl für immer hinter der Cockpittüre bleiben. Jedenfalls blieb die Stewardess dort ein bisserl länger, als ein schlichtes "sonst noch Wünsche?" braucht. Und während Frau von Sinnen wartete, vermieden die anderen Flugbegleiter es, in die Nähe der ersten Reihe zu kommen. Als von Sinnens Stewardess endlich aus der Pilotenkanzel zurückkam, war es zu spät: Man möge sich zum Start fertig machen, die Airline bedaure die Verspätung, etc ...

Nach der Landung würdigte Frau von Sinnen niemanden eines Wortes oder Blicks. Ihre Begleiterin schon: Ihre Miene lag zwischen Entschuldigung und Fremdschämen. Aber dass Hella von Sinnen derlei Normaloverhalten ihrer Frau überlässt, hat Grund und Sinn: Wenn sie sich wie jeder normale Mensch verhalten hätte, hätte niemand von ihrer Präsenz im Flieger Notiz genommen. Niemand hätte mir diese Geschichte gesteckt. Und kein Airlinemitarbeiter hätte sie ("offiziell hat dir das nie wer erzählt geschweige denn bestätigt, ok?" ) bestätigt. Das wäre schlecht. Auch für Frau von Sinnen: Sogar jene Fluggäste, die vorher nicht gewusst hatten, wer oder was Hella von Sinnen ist, würden in Zukunft bei jeder Erwähnung dieses Namens wissen, von wem die Rede ist. Und nur darum geht es. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 20.2.2011)

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  • Wer weiß schon, was Hella von Sinnen sonst tut
    foto: epa carstensen

    Wer weiß schon, was Hella von Sinnen sonst tut

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