Amazon: Fünf Sterne für die Guttenberg-Galaxie

20. Februar 2011, 21:22
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Wie Adressaten des Online-Buchversands die Ehre des deutschen Verteidigungsministers retten

Lobeshymnen statt Enthüllungsrausch: Selten war man sich in den Kundenrezensionen so einig. - Eine Auswahl.

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Ein Leser namens Thomas Uerding erklärt, warum der wissenschaftskritische Zugang in der Empörung über Guttenbergs "Copy-and-Paste-Dissertation" völlig verfehlt sei. Tatsächlich handle es sich dabei um eine richtungsweisende Manifestation zeitgenössischen Kunstschaffens.

Kubismus oder einfach nur heiß sprudelnder Fluxus? Trägt Jo Beuys heute Gel im Haar?

Auf jeden Fall ist es ein Wegbereiter, ein Avantgardist, ja, ich scheue mich nicht, es auszusprechen: ein Revolutionär! Wer hätte gedacht, dass es in der heutigen Zeit überhaupt noch möglich ist, eine solch gewaltige spontane und affektive Reaktion durch einfache, fast minimalistische Aktionskunst vibrieren zu lassen?

Guttenberg verletzt auf geniale, dämonisch schmunzelnde Art den Formalismus unserer Zeit, indem er formal die Form wahrt. Sein Sprengsatz ist das Innere des Textes, der gespiegeltes Eingeweide einer selbstverliebten und weltvergessenen Wissenschaftselite ist. Mit der Pranke des Künstlers, der alles darf, zerreißt er den elitären Seidenkokon der faustischen Kerkergesellen, er zerrt die süßmuffigdampfenden Textgespinste, die in Einweckgläsern zwischen Schrumpfköpfen und Tropfwachskerzen dämmerten, ans gleißende Licht des Pressegewitters. Hier! Hier! Hier! Text! Fragmentiert, zerrissen, dekonstruiert und neu geklebt - so wie er's wohl im Grundschulkunstunterricht mit buntem Glanzpapier (neben dem Kartoffeldruck) gelernt haben mag.

Guttenberg erfindet das Rad nicht neu, er lässt es nur anders klingen! Er sammelt Worte, Buchstaben, Texte und präsentiert sie der Welt in meditativer Suggestion. Versunken gleitet Text in Text, schmiegt sich, fügt sich, schmilzt und schwebt. Rastet eine, wird schwer sperrig, kratzt und quietscht - nicht immer schön, aber immer anders, spannend. Fragen und Antworten zugleich stellend, Sinn gebend, nicht suchend. Und wir? Wir suchen! Suchen Bedeutung, Sinn, Perfektion, schließlich: Fehler. Wollen Bruchstellen erkennen, den Meister überführen. Und merken nicht, wie wir uns selbst dabei überführen. Er hat uns entführt, sein Werk ist ein Erpresserbrief, an uns gerichtet. An uns alle, genauer unsere westliche Kultur. Der Titel sagt es ja: Europa/Amerika; das alte Ehepaar der Wissenschaft, der Erfindungen; das Heimatdorf der Doktoren und Professoren, die der Welt Fortschritt und Wahnsinn brachten - das sind wir: seine Rezipienten.

Guttenberg zitiert: Er zitiert die Form, die wir lieben, die wir sind; er präsentiert uns die Seele unserer Kultur der Aufklärung, des Wissens ,der Reformation, der Bürgergesellschaft per se.

Er zeigt uns das Buch.

Der ausgestreckte Finger Johannes Gutenbergs (ist die Namensgleichheit denn nur Zufall?), dessen Erfindung die europäische Welt auf den Kopf stellte, bohrt sich in unsere eingefallenen Rippen. Dies ist nicht die Postmoderne, dies ist das 21. Jahrhundert, Guttenberg sein erster wahrer Künstler. Bald, sehr bald, wird der Künstler in eindrucksvollen Happenings seine vollendete Meisterschaft vor handverlesenem Publikum in Echtzeit präsentieren: Er liest nicht, exzerpiert nicht, diskutiert nicht; er sichtet, sucht, stapelt nicht, nein, er wird live Texte zerreißen, zerfetzen, vermischen und neu dem staunenden Publikum vor die Ohren werfen. Autoren werden sich darum prügeln, in seine Kunstwerke einfließen zu dürfen. - Wen Guttenberg nicht benutzt, der existiert nicht!

Und wir, in Retrospektive, werden wir sagen: Ja, ich war dabei!; oder werden wir dereinst - analog zu der Generation, die von allem nichts gewusst hat -, sagen müssen: "Wir hatten ihn nur einfach nicht verstanden.?

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Auch ein gewisser "Dr. Dale Cooper" spart nicht mit Anerkennung. Denn: Von der ersten bis zur letzten Zeile hat man das Gefühl, dass der Autor viel Routine im Abfassen von Dissertationen hat. An manchen Stellen hat man sogar fast den Eindruck, die Arbeit ist von ihm persönlich verfasst.

Der Rest des Lobes in Schlagworten: "Wegweisendes Werk" ... "Ein Poet in intellektuell dürftigem Umfeld" ... "Gänsefüßchenrevolte" ... "Ersetzt 1000 andere Bücher" ... - Da hilft nur eines: ab in den Einkaufswagen. Einziger Wermutstropfen: der Versandhinweis "derzeit nicht lieferbar" . (red/DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2011)

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