Die Nerven liegen blank

20. Februar 2011, 18:27
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Im wahnhaften Siegesdrang tritt das manische Über-Mädchen Lena ständig gegen sich selbst an

Am 14. Mai wählt Europa. Nein, kein Parlament oder ähnlich Langweiliges. Nein, wir schauen, wer den besten Schlager zusammenbringt. Dass für ein derart bedeutendes Ereignis wie den Song Contest schon drei Monate davor die Wellen hochgehen, ist angesichts der sozialen und politischen Bedeutung des Events nur gerechtfertigt. Hier kann man niemanden abschieben oder auf Brüssel schimpfen. Hier kann keiner sagen, dass das schwedische Modell (Abba) nicht anwendbar wäre. Hier müssen wir unsere kulturelle Identität in die Waagschale werfen.

Wer soll so viel Druck aushalten? Sicherheitshalber richtete der ORF am Freitag eine Art Gedenkdienst zu früheren Letztplatzierungen ein, um vorsichtig auf die vielleicht drohende Niederlage vorzubereiten. Der nationale Zusammenhalt rechtfertigt natürlich, dass mit Österreich wählt das öffentlich-rechtliche Gebührenfernsehen mit einem weiteren Trash-Format verwässert wird. ORF-"Promis" sollen auch halblustige Kommentare zu alten Videoclips abgeben dürfen. Wer will nicht hören, wie Jazz Gitti Toni Vegas "Sautrottel" nennt? Wer nicht Mirjam Weichselbraun, die ihre Anwesenheit in der Show und auf dieser Welt im Chili-Boulevard so rechtfertigte: "Ich glaube, die brauchen noch eine Blondine mit zwei Brüsten auf der Couch."

Alles nichts gegen Deutschland, wo die Nerven völlig blank liegen. Im wahnhaften Siegesdrang tritt das manische Über-Mädchen Lena dort ständig gegen sich selbst an, was Puppenspieler Stefan Raab in stundenlangen Wutreden gegen mediale Kritik verteidigt: "Der größte Wahn liegt in den Köpfen der Journalisten. Die drehen durch" , sagt er in der Süddeutschen. Beängstigend: Österreichs Ausscheidung ist kommenden Freitag. (Alois Pumhösel/DER STANDARD; Printausgabe, 21.2.2011)

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    Deutschlands "One Woman Show" mit Lena.

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