Euro-Risse werden immer tiefer

20. Februar 2011, 18:14
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Eurozone zwischen Boom und Rezession: Die massiven Wachstums­unterschiede werden zur Gefahr für die Steuerung der Währungszone

Das Europa der zwei Geschwindigkeiten - was politisch seit langem debattiert wird, ist in einem zentralen Bereich schon Realität, bei den Wirtschaftswachstumsraten nämlich, die innerhalb der EU und noch stärker in der Währungsunion immer weiter auseinanderklaffen. Für den Euroraum, ohnehin durch die Staatsschuldenkrise und den damit verbundenen Argwohn der Finanzmärkte schwer angeschlagen, lauert damit die nächste Gefahr.

Ökonomen verweisen zusehends darauf, dass die unterschiedlichen Tempi den Zusammenhalt der Zone erschweren. Einerseits geht die Schere bei der Wettbewerbsfähigkeit weiter auseinander, andererseits agiert die Europäische Zentralbank zunehmend im luftleeren Raum: Sie kann ihre Geldpolitik auf die schwächeren oder stärkeren Staaten ausrichten oder die Mitte anpeilen - für alle passen werden die Maßnahmen der Institution nie. Dazu kommt die Gefahr, dass die angeschlagenen Staaten mit ihren Sparpaketen das Wachstum derart abwürgen, dass das eigentliche Ziel - die Sanierung der Haushalte - in weite Ferne rückt.

Wiederholung der Geschichte

"Die Geschichte scheint sich zu wiederholen", meint der Ökonom Ansgar Belke. Von 1999 bis 2006 lag der Realzins (Nominalzins abzüglich Inflation) in Deutschland durchschnittlich 1,7 Prozentpunkte über dem spanischen. "Die niedrigen Zinsen in Spanien führten zur Immobilienblase", erklärt der Professor für Makroökonomie an der Universität Duisburg-Essen im Gespräch mit dem Standard. Jetzt seien die Vorzeichen exakt umgekehrt. Deutschland mutierte vom "kranken Mann" zum Konjunkturmotor, Spanien oder Italien stagnieren, Griechenland und Portugal stecken tief in der Rezession fest. "Deutschland könnte schon eine Zinserhöhung vertragen", findet Bernhard Felderer, der Leiter des Instituts für Höhere Studien. Für andere Regionen sei der geldpolitische Rahmen "nicht locker genug", wie Belke assistiert.

Was sind nun die Folgen dieser Divergenz? "Die gute Entwicklung der deutschen Unternehmen wird die Forderung nach kräftigen Lohnerhöhungen bald lautwerden lassen", ist Belke überzeugt. Dazu kommt der aus dem Anstieg der Rohstoff- und Energiepreise rührende Teuerungsdruck. Das geldpolitische Ventil dürfte trotzdem aus Rücksicht auf die sogenannte Euro-Peripherie längere Zeit geschlossen bleiben.

Banken am Tropf der EZB

Zudem hängen viele Banken zu einem beträchtlichen Teil am Tropf der EZB, die sie nach wie vor mit günstigem kurzfristigem Geld versorgt, das die Institute gewinnbringend - nicht zuletzt wieder zur Finanzierung der Staaten - veranlagen. Zudem beeinflussen die Währungshüter mit ihren Entscheidungen indirekt die Kosten des Schuldendienstes: Ein Anstieg des Zinsniveaus um einen Prozentpunkt bedeutete beispielsweise für Österreich mittelfristig eine Budgetbelastung von annähernd drei Milliarden Euro.

Die Haushalte der Euro-Kernländer werden aber ohnehin schon stark von den schwächeren Staaten der Währungsunion belastet, weil die Zone über den Rettungsfonds zunehmend zu einer Transferunion wird. Seit klar ist, dass jedem strauchelnden Land unter die Arme gegriffen wird, haben auch die Zinsen auf deutsche und österreichische Staatsanleihen merklich angezogen. Belke sieht darin eine klare "Subventionierung der Randstaaten und eine Überlastung der Geberländer", die sich auf die Risikoprämien auswirke.

Ein Zinssatz, unterschiedliche Wirtschaftsräume - kein Problem, ist oft mit Verweis auf die USA zu hören. In der Realität ist diese Theorie nie aufgegangen, wie auch eine Untersuchung von Barclays Capital zeigt. Die Investmentbank hat anhand der "Taylor Rule", bei der der "richtige Zinssatz" aus der Inflation und der Produktionslücke abgeleitet wird, seit 1999 große Unterschiede zwischen den Wirtschaftsräumen festgestellt. Die Abweichung des "optimalen" Zinssatzes für Spanien, Griechenland, Portugal, Italien und Irland von der tatsächlichen EZB-Rate war bedeutend größer als jene einzelner US-Bundesstaaten vom Leitzins der amerikanischen Notenbank, nicht zuletzt weil die USA nicht nur eine Währungs-, sondern auch eine politische Union sind. Zudem werden Ungleichgewichte durch die große Mobilität der Arbeiter besser ausgeglichen als in Europa. Um langfristig den Zusammenhalt des Euro-Raums zu gewährleisten, wird großes Augenmerk auf die Wettbewerbsfähigkeit und die Reduktion von Ungleichgewichten gelegt.

Keine Investitionen

Doch momentan geht der Trend in die Gegenrichtung. Weil die Wirtschaft in mehreren Staaten lahmt, wird dort auch nicht investiert. Ohne neue Anschaffungen in Maschinen oder Technologie vergrößert sich der Abstand nachhaltig, schreibt Standard & Poor's in einer Analyse. Selbst wenn Staatsinsolvenzen in Europa abgewendet werden, bleibt die ökonomische Pleite der Währungsunion virulent. (Andreas Schnauder, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 21.2.2011)

  • Eurodebatte an der Burg: EU-Kommissarin Viviane Reding, Finanzminister Josef Pröll, Griechenlands Außenminister Dimitris Droutsas, Dennis J. Snower und Alexandra Föderl-Schmid (v. li.)
    foto: standard/cremer

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