Ein Herz wie ein Bergwerk und eine Faust fürs Gesicht

20. Februar 2011, 18:08
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Franzobel erzählt das Lebensdrama des Exboxers Hans Orsolics mit herzhaften Figuren nach: Regisseur Niklaus Helbling macht daraus im eine Farce zwischen Trauer und Triumph

Wien - Das Pech-und-Pleiten-Leben des österreichischen Box-Europameisters Hans Orsolics ist in seiner ganzen Unglücksraben-Pracht jetzt auch Teil der Theaterliteratur: Im Auftrag des Burgtheaters hat Franzobel die Geschichte des heute 63-jährigen Exboxers aus Ottakring zu einem wienerischen Volksstück verdichtet, in dem ein kleiner Kobold (Sarah Viktoria Frick im roten Kapuzenzweiteiler) als Orsolics' zwiespältiger Einflüsterer die Fäden zieht.

Im Kasino des Burgtheaters, wo das Stück am Samstag unter Anwesenheit des echten Titelhelden seine Uraufführung erlebte, ging es darum, zwischen tragischem Schicksal und grotesker Komödie die Balance zu halten. Und das ist trotz Probenquerelen geglückt.

Den Franzobel'schen Farcegrundton greift Regisseur Niklaus Helbling (in der Schlussphase: Stefan Bachmann) auf und führt ihn - in einigen Vorhangszenen (etwa im Gefängnis; Bühne: Dirk Thiele) bis an die Kasperliade heran. Mit super Slapstick: Jürgen Maurer etwa geht in präzisen Zeitlupenfaustschlägen zigfach zu Boden. Der Boxer oder Die zweite Luft des Hans Orsolics, so der Titel, hält die Waage zwischen Trauer und Triumph, vom Gesangsintro der Mutter (aus dem Werner-Schwab-Universum: Barbara Petritsch), bis hin zum liebevoll-brutalen Trinkduett mit dem Vater (echt wienerisch: Peter Wolfsberger).

Man sieht ein Volksstück mit herzhaften Figuren, die in all ihren charakterschwachen Eigentümlichkeiten dem Abend glänzen helfen - über wenige Plattheiten hinweg (zu denen gehört etwa die simple Überblendung mit historischem Filmmaterial). Eine Inszenierung, die man so gerne am Volkstheater sehen würde!

Sie lebt weitestgehend von einem versierten Ensemble, in dem Johannes Krisch der Titelrolle das ungestüme Kämpfertum eines Underdogs angedeihen lässt und beweist, dass er der Joaquín Phoenix des Burgtheaters ist. Oder: Dietmar König, der der Krämerseele eines Trainers mit bedenklich hüft-steifen Bewegungen beikommt, und - neu - Sandra Lipp, die mit aller Anmut eines Seventies-Girls in Minirock und Plateauschuhen Orsolics' Herz - nun ja - vielfach bricht. Das macht auch Daniel Jesch als geldgierige Svetlana.

Obwohl Der Boxer aufgrund seines legendenbildenden Charakters eingängig wirken mag: Er ist ziemlich gut gemacht. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe 21.2.2011)

 

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    Hohe Frequenz von Slow-Motion-Faustschlägen: Johannes Krisch (li.) und Juergen Maurer. Hinten: Petritsch und Frick (re.)

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