Der Charme wilder Opulenz

20. Februar 2011, 18:29
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Die Qualitäten, die Symphoniker und Philharmoniker mit Dirigent Bychkov hervorbringen, leben von der guten energetischen Verfassung aller Beteiligten

Wien - Was die vielbeschäftigten Wiener Philharmoniker dieser Tage in Wien unter anderem absolvieren (der Staatsopernalltag, die Figaro -Premiere), ist ein mehrteiliger "Übungslauf" für die kommende US-Tournee (mit Abstecher nach Kanada). Und man muss dem Kollektiv nur wünschen, dass die Reise erschöpfungsfrei vonstattengeht - dann wird alles gut. Denn die Qualitäten, die sie mit Dirigent Semyon Bychkov hervorbringen, leben von der ziemlich guten energetischen Verfassung aller Beteiligten.

Es schöpfte jedenfalls Mahlers opulent und hitzig inszenierte 6. Symphonie (am Samstagnachmittag) ihre Überzeugungskraft aus signifikanter Vitalität: Luxuriöser Sound, großzügige Legatobögen und Schönklang ergaben eine kulinarische Werkversion, die im Detail mehr Ausdrucksambivalenz und bei Tuttimomenten mehr Sauberkeit vertragen hätte. Da sich die Tragische energisch Musikluft verschaffte, strotzte das Ganze von wirkungsvoller Romantik.

Am Abend, bei den Wiener Symphonikern, gab es an selber Stelle - zumindest in der ersten Konzerthälfte - weniger tragische als enttäuschende musikalische Erlebnisse zu vermelden, gingen doch die emotionalen Schätze von Beethovens Violinkonzert bei Thomas Zehetmairs Interpretation in einem rätselhaften Bermuda-Dreieck aus Reduktion, Raserei und hölzerner Rigidität verloren.

Frei von Freiheit schon das ornamentale Emporranken der Eröffnungssequenz des Soloparts, wenig innig dann das zweite Thema; die Kadenz des ersten Satzes pendelte zwischen Ruppigkeit und klinischer Virtuosität. Im Rondo misste man das musikantische Element, die nach außen dringen wollende, ansteckende Freude. Die Karyatiden an den Seiten des Großen Musikvereinssaals präsentierten sich deutlich üppiger und glänzender als der Geigenton des Salzburgers.

In der zweiten Programmhälfte wurde - zum dritten Mal an diesem Ort innert drei Wochen - Beethovens siebte Symphonie gegeben. Nach den Youngsters Andrés Orozco-Estrada und Gustavo Dudamel, die beide präzise, kluge, sinnliche Deutungen vorgelegt hatten, präsentierte Großmeister Herbert Blomstedt die wildeste Interpretation: Der Beginn des Allegrettos etwa war von einer behutsam-elastischen Vitalität, die sich bis zu grenztumultösen Stimmungen steigern sollte; von einem innig-starken Strömen zeigte sich der A-Dur-Mittelteil erfüllt. Mit Zug auch das D-Dur-Trio des 3. Satzes.

Die Wiener Symphoniker boten, in der von Blomstedt bevorzugten altdeutschen Sitzordnung, eine packende Orchesterleistung; die Verabschiedung von der 83-jährigen, immer noch sehr lebendigen, ausnehmend sympathischen Dirigiergröße enthielt Momente der Rührung. (Ljubisa Tosiæ, Stefan Ender, DER STANDARD/Printausgabe 21.2.2011)

Info

Musikverein: 21. 2.: Die Philharmoniker (Dirigent: Semyon Bychkov) geben Brahms und Schumann. 23. 2.: Die Symphoniker (Dirigent: Kirill Petrenko) spielen Zemlinsky und Skrjabin, 19.30 Uhr.

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    Symphoniker-Dirigent Herbert Blomstedt.

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