Wenige Lichtblicke, viel Blendwerk

20. Februar 2011, 17:50
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Der iranische Beitrag "Jodaeiye Nader az Simin" von Asghar Farhadi ist mit dem Goldenen Bären und zwei Silbernen Bären für die Schauspieler verdientermaßen der große Gewinner bei der 61. Berlinale

Seine Filme seien letztlich Abfallprodukte seiner Liebesgeschichten - das sagt der im Vorjahr verstorbene, bedeutende deutsche Filmemacher Werner Schroeter einmal im Dokumentarfilm Mondo Lux. Schroeters jahrzehntelange künstlerische Weggefährtin Elfi Mikesch hat diese filmische Erkundung seiner "Bilderwelten" erstellt. Im Panorama der Berlinale wurde sie uraufgeführt.

Die Bemerkungen Schroeters, die Erinnerungen vieler seiner Mitstreiter und die Beobachtungen während letzter Probenarbeiten mit einem Darstellerinnenquartett an der Berliner Volksbühne setzten sich zu einer dichten Arbeitsbiografie zusammen, einer Haltung voller intellektueller Genauigkeit und sinnlicher Hingabe.

So kostbarer "Abfall", solche kleinen, konzentrierten Höhepunkte waren heuer in Berlin rar gesät. Konnte man sonst verlässlich mit Gewinn aus dem Hauptwettbewerb in die anderen Sektionen flüchten, wird man sich an 2011 wohl als einen insgesamt schwächelnden Berlinale-Jahrgang erinnern. Zwischen Venedig vergangenen September - mit eigenwilligen, kontroversen, souveränen Beiträgen von Newcomern wie Athina Rachel Tsangari oder Kelly Reichardt bis zu Veteranen wie Monte Hellman oder Jerzy Skolimowski - und Cannes im kommenden Mai, wo auf einen All-Star-Wettbewerb mit den Dardenne-Brüdern, Pedro Almodóvar, David Cronenberg und anderen spekuliert wird, nahm sich vor allem der Berlinale-Hauptbewerb mittelmäßig aus.

Das war am Ende trotz gegenteiliger Höflichkeiten von Präsidentin Isabella Rossellini auch den Entscheidungen ihrer Jury anzumerken. Acht Preise wurden an sechs Filme vergeben, dabei wurde vor allem der Beitrag des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi hervorgehoben, der bereits unmittelbar nach der ersten Vorführung am Dienstag als haushoher Favorit angesehen worden war.

Der Intensität, mit der Inszenierung und Schauspiel die verhängnisvolle Geschichte zweier Familien vorantreiben, konnte man sich auch nur schwer entziehen. Schon mit der ersten Szene des Films setzt Farhadi einen Grundton höchster Dringlichkeit. In weiterer Folge kommen weder die Figuren noch die Zuseher kaum einmal zur Ruhe. Das Drama, das mit dem Engagement einer einfachen, strenggläubigen Frau als Pflegerin eines dementen alten Mannes seinen Anfang nimmt, konfrontiert Klassen und Weltanschauungen, bleibt aber in erster Linie bei den Figuren und vermeidet so jede Thesenhaftigkeit.

Wie das Branchenblatt Variety vermeldete, war Farhadis fünfter Spielfilm auch auf dem Filmmarkt der große Abräumer mit den meisten Verkäufen. Für Österreich sicherte sich der Verleih Filmladen die Rechte, ein Starttermin steht allerdings noch nicht fest. Auch Ulrich Köhlers Schlafkrankheit wird man hierzulande sehen können, der Stadtkino-Filmverleih hat ihn in sein Programm aufgenommen.

Dass die Jury die elliptische, vielschichtige Erzählung um Westeuropäer in Kamerun mit einem Regiepreis auszeichnete, zählte zu den schönen Überraschungen am Samstagabend bei der Preisverleihung im Berlinale-Palast. Köhlers Landsmann, der Dokumentarist Andres Veiel, erhielt für sein Spielfilmdebüt Wer wenn nicht wir den Alfred-Bauer-Preis. Angesichts des relativ konventionell gebauten Films, der anhand der Biografien von Bernward Vesper und Gudrun Ensslin von der Politisierung und Radikalisierung der westdeutschen Nachkriegsjugend erzählt, wird allerdings nicht ganz klar, worin die "neuen Perspektiven der Filmkunst" liegen, denen diese Auszeichnung gilt.

Über weitere Silberbären durften sich El Premio und The Forgiveness of Blood freuen - zwei Filme, die auf redliche, aber auch uninspirierte Weise von Erfahrungen und Konflikten ihrer (kindlichen) Protagonisten mit der Militärjunta in Argentinien beziehungsweise dem Kanun, einem albanischen Ehrenkodex, handeln.

Den Spezialpreis der Jury holte sich grußlos, aber bewegt der ungarische Regisseur Béla Tarr ab - seine schwarz-weiße, nahezu sprachlose Elegie über einen armen Kutscher und dessen Tochter (und das Turiner Pferd von Friedrich Nietzsche) war in der Tat einzigartig im Wettbewerb.

Filmische Annäherung

Seine Filme brächten ihn bestimmten Menschen näher, sagt der fiktive Regisseur in Joe Swanbergs Silver Bullets. Die kurzweilige und kluge No-Budget-Film-im-Film-Studie war im Doppel mit Art History, einer weiteren Arbeit des umtriebigen 28-jährigen Amerikaners, im Forum zu sehen. Und trotz allergrößter Unterschiede: Ein bisschen hatte man da doch den glücklichen Eindruck, etwas von der Schroeter'schen Abfallproduktion ginge weiter. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe 21.2.2011)

Die Preisträger

Goldener Bär

Jodaeiye Nader az Simin von Asghar Farhadi (Iran)

Silberne Bären

Großer Preis der Jury: A torinói ló von Béla Tarr (Ungarn)

Beste Regie

Ulrich Köhler (Deutschland) für Schlafkrankheit

Beste Darstellerin & Beste Darsteller

gesamtes Ensemble von Jodaeiye Nader az Simin

Herausragende künstlerische Leistung

Wojciech Staron (Kamera) und Barbara Enriquez (Produktionsdesign) für El Premio (Argentinien/Mexiko)

Bestes Drehbuch

Joshua Marston und Andamion Murataj (USA/Albanien) für The Forgiveness Of Blood

Alfred-Bauer-Preis

Wer wenn nicht wir von Andres Veiel (Deutschland)

(DER STANDARD/Printausgabe 21.2.2011)

  • Die Lage spitzt sich zu, die Auseinandersetzungen werden heftiger: 
Shahab Hosseini (Mi.), Mitglied des mit zwei Silbernen Bären belohnten 
Ensembles von "Jodaeiye Nader az Simin".
    foto: berlinale

    Die Lage spitzt sich zu, die Auseinandersetzungen werden heftiger: Shahab Hosseini (Mi.), Mitglied des mit zwei Silbernen Bären belohnten Ensembles von "Jodaeiye Nader az Simin".

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    Regiepreisträger Ulrich Köhler.  

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