Zählen, aufzählen, weitererzählen

20. Februar 2011, 17:56
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Der 4. Literaturpreis Wartholz ging an Regina Dürig

Reichenau an der Rax - Reichenau will nicht Klagenfurt werden. Zwar läuft der Literaturwettbewerb Wartholz ähnlich ab wie der Bachmannpreis - Autoren tragen vor Publikum ihre Texte vor, eine Jury bewertet sie -, und doch ist hier in der Schlossgärtnerei Wartholz vieles ganz anders.

Während sich beim Bachmannpreis Autoren bei bestem Büchsenlicht einer zuweilen mürrischen Jury stellen, wird in Reichenau nicht über Texte gerichtet, vielmehr werden die Beiträge (auch Lyrik) von der - mit Franz Schuh, Katja Gasser (ORF), Konstanze Fliedl (Uni Wien) und Bernhard Fetz (ÖNB-Literaturarchiv) illuster besetzten - Jury wohlwollend begleitet und kommentiert.

Was in Klagenfurt das Saiblingessen ist, ist in Reichenau der Kegelabend; und dreht sich im sommerlichen Kärnten jeweils der Literaturbetrieb um sich selbst, trifft sich bei der zweitägigen winterlichen Veranstaltung in Reichenau ein erfrischend gemischtes Publikum - auch Kulturministerin Claudia Schmied gab sich die Ehre. Der Hauptpreis (10.000 Euro) ging schließlich, wie der Publikumspreis (2000 Euro), an die 1982 in Mannheim geborene Schriftstellerin Regina Dürig, die in Biel (Schweiz) lebt, wo sie am Literaturinstitut studierte. Auch wenn die Lyriker (u. a. Semier Insayif) unter Wert geschlagen wurden und die beachtlichen Texte von Jürgen Lagger und vor allem Norbert Müller leer ausgingen, überrascht die Juryentscheidung nur auf den ersten Blick.

Denn mit Inventuren legte Dürig einen präzisen, stillen Text vor, der sich aufzählend - "Die Gärten gibt es. (...). Die Angst gibt es. (...)" - der Welt bemächtigt und sich ihrer vergewissert.

Die Unübersichtlichkeit der Welt, die Auflösung von äußeren und inneren Sicherheiten, aber auch die "entsetzliche Schönheit" des Lebens, wie der in Biel geborene Robert Walser einmal schrieb, klang in vielen heuer gelesenen Texten an. Auch im Beitrag der jungen Autorin Silvia Wolkan, die mit ihrem Text über eine Hochzeit der etwas anderen Art den Newcomerpreis (eine Buchpublikation im Braumüller-Verlag) gewann. (steg, DER STANDARD/Printausgabe 21.2.2011)

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