Bitterböse, bitterernst: Oliver Polaks "Judenspiel"

20. Februar 2011, 17:56
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Der deutsche Kabarettist gastiert mit seiner heftigen Show "Jud süß-sauer" in Österreich

Graz - Oliver Polak, selbstbewusster Jude aus Deutschland, trägt einen gelben Stern. Nein, nicht um sich über den Holocaust lustig zu machen, sondern um Gesellschaftskritik zu üben. Denn von Ebay bekam er für zehn positive Bewertungspunkte einen gelben Stern. Wer also ist geschmacklos?

Keine Frage: Auch Polak, derzeit mit seiner Show Jüd süß-sauer auf Tournee durch Österreich, ist es. Zum Beispiel wenn der Kabarettist, 1976 geboren, über den "Altspermageruch" in katholischen Kirchen spricht. Zumeist aber macht er sich über sich selbst und seine Unzulänglichkeiten, über die Juden und deren Zentralrat lustig. Da will man eigentlich gar nicht mitlachen.

Polak hat sein Publikum aber im Griff. Er bringt es einerseits dazu, mit ihm das eingängige Lied Kommt, lasst uns alle Juden sein! zu singen, und andererseits Menschen aufgrund von Äußerlichkeiten zum "Juden" zu stempeln - und damit für "abnormal" zu erklären. Dies passiert beim "Judenspiel": Polak nennt bekannte Namen, und das Publikum soll entscheiden, ob die Person ein "Jude" ist - oder eben "normal".

Im Grazer Orpheum machten erschreckend viele begeistert mit. Oliver Polak agiert dabei sehr geschickt: Er spielt mit Klischees , er zementiert sie ein - und bricht sie auf. Wenn er "Samuel Polak, mein Vater" ruft, schreit man: "Jude!" Er stimmt zu, bittet aber, das Wort freundlicher auszusprechen, eher zu singen: "Juudee". Er ruft "Pinocchio", man schreit "normal". Warum eigentlich, fragt sich Polak: Diese Holzfigur hat eine lange Nase und lügt. Bei "Alfred Biolek" muss Polak das Publikum korrigieren: "Nein, der ist kein Jude."

Man hat also nichts gelernt aus der Geschichte. Polak führt dies vor Augen. Das ist keine Comedy, das ist brisantes politisches Kabarett. Auch wenn Oliver Polak oft genug ungustiös danebenhaut. (Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe 21.2.2011)

Info

22. 2., Posthof Linz. 23. 2., Salzburg. 24.-26. 2., Rabenhof Wien

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