Was Alkohol wirklich kostet

20. Februar 2011, 17:10
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Der Griff zur Flasche kostet die Schweizer Wirtschaft jährlich hunderte Millionen Euro - Für Österreich gibt es bislang keine gesicherten Daten

Wien, U-Bahn-Station Karlsplatz: Vor dem Südeingang sitzt ein schmuddelig gekleideter Mann auf dem Boden. Er redet grummelig vor sich hin, neben ihm steht eine Flasche Billigwein - zwei Liter trügerische Flucht aus dem Elend. Niemand nimmt von dem Betrunkenen Notiz. Warum auch? Ein Sandler halt, ein Außenseiter.

Doch so einfach ist es nicht. Alkoholsucht befällt bekanntlich nicht nur diejenigen, die schon längst nicht mehr am Wirtschaftsleben teilnehmen können. Da gibt es den Briefträger mit dem Flachmann in der Tasche, den Bauarbeiter, der schon um zwei sein viertes Bier öffnet, und den Manager mit der whiskygefüllten Kristallkaraffe im Büroschrank - wesentlich häufiger, als viele wahrhaben wollen. Der alltägliche Alkoholismus zerfrisst nicht nur die Gesundheit von Zigtausenden, er schadet auch der Ökonomie. Über das Ausmaß dieses Problems streiten sich Experten allerdings seit Jahrzehnten. Manche Studien beziffern die gesamtwirtschaftlichen Kosten von Alkoholmissbrauch im Berufsleben auf über ein Prozent des Bruttosozialprodukts, andere wiederum geben Werte von unter einem Promille an, je nach Staat und Erhebungsmethode. Die meisten Kalkulationen sind gleichwohl veraltet oder basieren auf geringen Datenmengen.

Eine neue Studie aus der Schweiz bietet nun einen aktualisierten Einblick. Das eidgenössische Bundesamt für Gesundheit (Bag) und die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva) haben gemeinsam eine großangelegte Untersuchung zu den alkoholbedingten Kosten am Arbeitsplatz durchgeführt. Die Ergebnisse wurden Anfang dieses Monats der Öffentlichkeit vorgestellt. Das wichtigste Fazit: Durch den Alkoholkonsum ihres Personals erleiden Schweizer Firmen jährlich Kosten von insgesamt einer Milliarde Schweizer Franken (773 Millionen Euro), eine gewaltige Summe, auch wenn sie nur circa 0,2 Prozent des Bruttosozialprodukts der Eidgenossenschaft ausmacht.

15 Prozent weniger Leistung

Im Rahmen der Erhebung wurden unter anderem die Personalverantwortlichen von 1300 Unternehmen befragt. Ihren Aussagen nach entsteht der Löwenanteil von 83 Prozent der alkoholbedingten Wirtschaftsschäden durch Produktivitätsverluste im Arbeitsverlauf. Menschen mit Alkoholproblemen leisten laut Untersuchung durchschnittlich 15 Prozent weniger Arbeit als ihre "trockenen" Kollegen. Die Betroffenen haben dafür deutlich höhere Fehlzeiten - etwa vier Stunden mehr pro Monat. Das entspricht einem jährlichen zusätzlichen Komplettausfall von mehr als einer Woche. Dieser Aspekt verursacht rund 13 Prozent der Gesamteinbußen. Alkoholbedingte Betriebsunfälle spielen ökonomisch nur eine geringe Rolle, aber sie sind meistens leider besonders gravierend.

Inwiefern sich die Schweizer Studienergebnisse auf Nachbarländer wie Österreich übertragen lassen, ist zurzeit nicht genau abschätzbar, erklärt der Wiener Präventionsexperte Artur Schroers im Interview. Die Datenlage sei hierzulande viel zu gering. Im Trinkverhalten dürften sich beide Nationen allerdings wohl nicht sehr unterscheiden, auch nicht am Arbeitsplatz. In Österreich geben Fachleute den Anteil der Problemtrinker an der erwerbstätigen Gesamtbevölkerung mit circa fünf Prozent an, sagt Schroers. Dieser Wert gilt ebenfalls für die Schweiz.

Interessanterweise jedoch beziffern die befragten Schweizer Personalchefs die Alkoholikerquoten mit nur zwei Prozent. "Es ist anzunehmen, dass ein Teil des problematischen Trinkverhaltens für diese nicht erkennbar ist", schreiben die Bag/Suva-Experten in ihrem Studienbericht. Mit anderen Worten: Die Dunkelziffer könnte auch bei den berechneten Kosten sehr hoch sein. Womöglich betragen die Gesamtschäden sogar das Doppelte des angegebenen Wertes. Nicht berücksichtigt wurden übrigens die Ausgaben für Präventionsprogramme, wie sie seit Jahren in immer mehr Unternehmen Praxis sind.

Branchenunterschiede

Das Problem "Alkohol am Arbeitsplatz" betrifft nicht alle Branchen in gleichem Maße. Ganz oben auf der Liste der gefährdeten Berufsgruppen steht die Gastronomie mit mindestens 5,1 Prozent Problemtrinkern. Kein Wunder, ist hier doch der Umgang mit Alkohol meist Teil der täglichen Arbeitsabläufe. Rang zwei belegt die Baubranche. Hier greifen den Angaben nach 3,9 Prozent der Mitarbeiter zu oft zur Flasche. Und auch hier muss man von erheblichen Dunkelziffern ausgehen. Am wenigsten ist der Alkoholismus unter Beamten und Angestellten der öffentlichen Verwaltung sowie unter Lehrern verbreitet. In den Amtsstuben und Klassenzimmern beträgt der registrierte Trinkeranteil lediglich 0,5 Prozent. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD Printausgabe, 21.02.2011)

  • Job und Flasche sind schwer vereinbar.
    foto: standard/christian fischer

    Job und Flasche sind schwer vereinbar.

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