Die Ökonomie des Plagiats

19. Februar 2011, 17:41
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Guttenberg hat bei seiner Doktorarbeit nicht bedacht, wie leicht Abschreiben heute entdeckt werden kann 

 

Ich gebe zu: Ich habe ein ganz klein wenig Mitleid mit Karl-Theodor zu Guttenberg. Ich habe auch vor rund acht Jahren eine Dissertation eingereicht, die ursprünglich mehr der Eitelkeit als dem Streben nach einer akademischen Karriere diente. Auch ich habe beim Verfassen sehr darauf geachtet, die Arbeit nicht nur gut, sondern auch schnell und effizient zu erledigen.

Als Journalist war ich beim Schnellschreiben gegenüber einem aufstrebenden Politiker allerdings im Vorteil – und hatte auch Erfahrung mit der Vermeidung von Plagiaten.

Nicht nur in der akademischen Welt, auch im Journalismus gibt es immer die Versuchung, bewusst oder unbewusst mehr zu übernehmen, als man es sollte. Denn ganz neu lässt sich kaum ein gedankliches Rad erfinden.   

Um Guttenbergs Fehltritt bei seiner Doktorarbeit zu verstehen, muss man die Zeit bedenken, in der er seine Arbeit verfasst hat. Ob er wirklich sieben Jahren bis zur Promotion 2007 daran gearbeitet hat, bleibt dahingestellt.

Aber die frühen und mittleren Nullerjahre war die Zeit, in der Plagiate dank der Ausbreitung von Internet-Quellen wirklich einfach wurden – Johannes Hahn musste seine philosophischen Ergüsse noch mit der Schreibmaschine abkupfern –, aber sich viele der Risiken noch nicht so bewusst waren.

Noch war in Deutschland und Österreich – anders als in den USA und Großbritannien – der Einsatz von Plagiatssoftware nicht so weit verbreitet. Um in der Sprache von Guttenbergs Militärstrategen zu sprechen: Die damalige Technologie brachte die Offensive gegenüber der Verteidigung in Vorteil.

Heute wird an kaum noch einer Uni eine Diplom- oder Doktorarbeit angenommen, ohne sie durch ein Plagiatsprogramm laufen zu lassen, das innerhalb von Minuten Ähnlichkeiten mit anderen Arbeiten aufdeckt. An der Uni Wien ist dies seit Sommer 2008 verpflichtend.

(Hinweis in eigener Sache: Ich habe am Freitag meine eigene Dissertation durch eine solche Software laufen lassen: Nach 20 Minuten erhielt ich die Unbedenklichkeitsbescheinigung.)

Heute würde sich selbst ein schwer beschäftigter Bundestagsabgeordneter in großer Eile nicht trauen, kopierte Zeitungsartikel als sein eigenes Werk auszugeben. Und wahrscheinlich werden in Zukunft daher auch weniger Politiker und Manager noch versuchen, sich nebenbei und zeitoptimiert den Doktortitel zu erwerben.

Die Blütezeit des Dr. Plag. ist vorbei. Die Kosten-Nutzen-Rechnung des Plagiats ist negativ.

Guttenbergs besonderses Pech war, dass in Deutschland die Pflicht besteht, eine Disseration veröffentlichen zu lassen (darauf haben mich erst Poster aufmerksam gemacht - in Österreich ist dies anders). Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als er bereits Generalsekretär der CSU war. Ohne Verlagspublikation wäre die Kopierarbeit vielleicht gar nicht ans Licht der Öffentlichkeit gekommen.

Allerdings hätte an der Universität Bayreuth eine Internet-Publikation ausgereicht. Seine Entscheidung zugunsten eines angesehenen akademischen Verlags deutet auf eine diese Mischung aus Überheblichkeit und schlechtem Urteilsvermögen, die seine Qualifikation als Minister wirklich infrage stellen. Denn Guttenberg muss gewusst haben, dass seine Arbeit akademischen, oder auch nur grundlegenden ethischen, Ansprüchen nicht genügt.

Das Buch „Verfassung und Verfassungsvertrag: Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ erschien übrigens am 15. Jänner 2009 – drei Wochen vor seiner Ernennung als Wirtschaftsminister.

Hat Guttenberg damals vielleicht Bauchweh gehabt, konnte aber die Publikation nicht mehr rückgängig machen? Oder hatte er längst vergessen, auf welche Weise er sich seinen Doktortitel erschrieben hatte? Rückblickend bereut er diese Entscheidung wohl. Das einst so viel versprechende Plagiat ist für Karrieristen zu einem sehr schlechten Geschäft geworden.

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    Die Kosten-Nutzen-Rechnung des Plagiats ist negativ.

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