Südkorea: Roboter übernehmen Englischunterricht an Schulen

19. Februar 2011, 10:21
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Import von englischsprachigen Lehrern zu teuer - 27 Millionen Dollar an Investitionen für Entwicklung von Dienstleistungsrobotern

Gebannt lauschen die Schüler ihrer Englischlehrerin. "Not good this time!", tadelt diese einen von ihnen: "You need to focus more on your accent." Klingt wie normaler Schulalltag, doch in diesem südkoreanischem Klassenraum besteht die Lehrerin ausschließlich aus Plastik, Stromschaltkreisen, einem LED-Bildschirm und hört auf den Namen EngKey.

Lehrer-Import

Zu Tausenden hat Korea, das förmlich davon besessen ist, seinen Kindern Englisch beizubringen, bereits Lehrer aus den USA, Kanada und Großbritannien importiert. Doch während die meisten von ihnen die Hauptstadt Seoul bevölkern, verirrt sich so gut wie keiner in die ländlichen Regionen im Süden des Landes.

Diesem Mangel soll EngKey entgegensteuern. Der ein Meter große, pinguinförmige Roboter funktioniert jedoch nicht autark, sondern wird von einem Englischlehrer aus den Philippinen ferngesteuert. Dieser kann die Schulkinder via Videokamera sehen, hören und mit ihnen sprechen. Im Vergleich zu anderen Ländern sind gut ausgebildete Englischlehrer auf den Philippinen äußerst billige Arbeitskräfte.

Entwicklung

Entwickelt wurde EngKey vom "Korea Institute of Science and Technology" (Kist), bis März wird jetzt der menschengesteuerte Roboter in einem dreimonatigen Pilotprojekt an 21 Grundschulen getestet. Sollten die Ergebnisse der Studie positiv ausfallen, könnte EngKey bald großflächig in ganz Südkorea eingesetzt werden. Time Magazine reihte die südkoreanischen Englischlehrerroboter auf Platz neun der 50 besten Erfindungen des Jahres 2010.

Kosten einsparen

EngKey soll auch in entlegenen Regionen für gleiche Bildungschancen sorgen. Positiver Nebeneffekt für den Staat: Die Betriebskosten des Roboters sind im Vergleich zu Lehrern aus dem englischsprachigen Ausland nur halb so hoch, erklärte Kim Mun-sang, Direktor des Center for Intelligent Robotics dem Korea Herald. Der Preis für ein Exemplar des Roboters beträgt derzeit noch 6500 Euro, soll aber auf die Hälfte reduziert werden können. Bis 2013 sollen auch alle 8400 Kindergarten des Landes mit Englischlehrerrobotern ausgerüstet werden.
Staubsauger und Soldaten

Roboterproduzent

Nach Japan, Deutschland und USA ist Südkorea der weltweit viertgrößte Produzent von Robotern, mit einem Marktanteil von zehn Prozent. Zunehmend verlagert sich der Markt von Industrie- zu Dienstleistungsrobotern für Haushalt und Büro. Das größte Segment bilden Staubsaugerroboter, die preislich immer erschwinglicher werden. Neben seiner Elektronik- und Telekomindustrie sieht das Land hier ein großes Wachstumspotenzial.

Investitionen

Erst vor kurzem hat die Regierung eine Investition von knapp 27 Mio. Dollar für die Entwicklung und Vermarktung von Dienstleistungsrobotern beschlossen. Weitere geplante Projekte des Korea Institute of Science and Technology sind unter anderem Soldaten-Roboter zur Bewachung der nordkoreanischen Grenze sowie Kiosk-Roboter, die in Freizeitparks Dienst machen und den Besuchern Tickets verkaufen. (Fabian Kretschmer aus Seou/DER STANDARD, Printausgabe; 19. Februar 2011)

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