Libyen: Scharfschützen töten Demonstranten

19. Februar 2011, 23:29
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Augenzeuge in Benghasi: "Wir erleben ein Massaker"

Tripolis - In der libyschen Stadt Benghasi haben Scharfschützen der Sicherheitskräfte am Samstag einem Augenzeugen zufolge Dutzende Demonstranten getötet. "Wir erleben ein Massaker", sagte ein Anwohner. Er habe dabei geholfen, Verletzte ins Krankenhaus zu bringen.

Nach Angaben eines weiteren Augenzeugen waren Tausende Menschen auf den Straßen der rund 1000 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis gelegenen Stadt, um gegen Machthaber Muammar Gaddafi zu protestieren. Eine unabhängige Bestätigung für die Angaben gab es nicht. Aus Kreisen der Sicherheitsbehörden hieß es, die Situation in Benghasi sei zu 80 Prozent unter Kontrolle.

Der britische Außenminister William Hague verurteilte den Einsatz von Scharfschützen als völlig inakzeptabel und entsetzlich. Beobachter rechneten nicht mit einem Umsturz wie in Ägypten, wo Präsident Husni Mubarak unter dem Druck tagelanger Proteste zurücktrat. Experten zufolge wird Gaddafi in weiten Teilen des Landes respektiert, zudem ziehe er aus dem Ölexport genügend Geld, um soziale Probleme abzufedern.

Das Ausmaß der Proteste ist schwer abzuschätzen, da die Medien einer strengen staatlichen Zensur unterliegen. Ausländische Journalisten sind nicht zugelassen, einheimischen wurde die Reise nach Benghasi verwehrt. Mobilfunkverbindungen in Städte im Osten des Landes waren häufig unterbrochen.

84 Tote

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sind mindestens 84 Menschen bei den Protesten gegen das Regime des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi von Sicherheitskräften getötet worden sein. Wie die Organisation am Freitag in New York auf ihrer Internetseite mitteilte, basiere diese Zahl auf Telefoninterviews mit örtlichen Krankenhäusern und Augenzeugen.

Human Rights Watch forderte die Regierung in Tripolis auf, die Angriffe auf friedliche Demonstranten sofort einzustellen und die Demonstranten vor gewalttätigen Übergriffen von bewaffneten Regierungsanhängern zu schützen. Der stellvertretende Direktor der Organisation für den Nahen Osten und Nordafrika, Joe Stork, sagte, die Sicherheitskräfte Gaddafis feuerten auf libysche Bürger und töteten zahlreiche von ihnen, nur weil sie einen politischen Wandel verlangten.

Internetzugang wieder hergestellt

Nach mehreren Tagen gewaltsamer Proteste hatte Libyen am frühen Samstagmorgen das Internet abgestellt. Mittlerweile ist der Internetzugang aber wieder hergestellt, berichtet renesys.com.

Aufstand erreicht Tripolis

Der Aufstand gegen den libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi hat am Freitagabend die Hauptstadt Tripolis erreicht. Aus mehreren Vierteln im Westen der Stadt meldeten Augenzeugen Proteste. Auch in der westlich von Tripolis gelegenen Stadt Janzur gingen viele Gegner des Revolutionsführers auf die Straßen.

Aus Sicherheitskreisen in der östlichen Region, wo der Protest vor zwei Tagen begonnen hatte, hieß es, rund 1.000 Häftlinge hätten die Unruhen genutzt, um aus dem Gefängnis der Stadt Benghazi (Bengasi) zu fliehen. 150 von ihnen seien inzwischen wieder gefasst worden. (APA/dpa)

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    Eine Protestkundgebung vor dem Weißen Haus in Washington.

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