Die Botschaft der europäischen Araber

18. Februar 2011, 19:17
68 Postings

Und eine Warnung - von Timothy Garton Ash

Wenn die EU weiter so planlos auf die Vorgänge in Nordafrika reagiert, wie derzeit Spanien und Italien, werden wir dieses Scheitern bald in den
Flüchtlingsvierteln unserer Städte zu spüren bekommen.

*****

Ich dachte, ich sollte mir mit eigenen Augen ansehen, wie sich diese Revolutionen in den arabischen Straßen von Europa niederschlagen. Also bin ich wieder nach Madrid gereist, in die Calle del Tribulete. In dieser engen Gasse mit ihren heruntergekommenen Bars und Telefon-und-Internet-locutoris, von wo aus die Immigranten mit ihren gebeutelten Herkunftsländern sprechen, begegnet man Marokkanern, Tunesiern, Algeriern - und in einem staubigen kleinen Geschäft mit dem protzigen Schild "Haus des Pharaos" traf ich einem jungen Ägypter namens Safy. Er kam vor drei Jahren hier an, aus dem Mittelmeerhafen Rashid, auch Rosetta genant, wo die Truppen von Napoleon einst den berühmten Rosetta-Stein gefunden hatten.

Was Safi mir erzählt, und Mokhtar und Mohammed (diverse Mohammeds) ist folgendes: Zumindest gibt es in ihrer Heimat nun ein wenig Hoffnung. Und wenn diese Hoffnungen sich erfüllen, wenn seine "Mafia-Regierung" , wie sie ein algerischer Migrant nennt, auch abdankt, wenn es eine reale Aussicht auf Jobs, Wohnungen und, natürlich, mehr Freiheit gibt, würden sie heimkehren. Sie sind hier in Spanien auf der Suche nach einem besseren Leben für sich und ihre Kinder. Und es gibt vieles, was ihnen hier gefällt, obwohl die Vorurteile gegen Muslime, sagen sie, sich seit dem Bombenattentat in Madrid 2004 verschlimmert hätten. Aber wenn sie eine Chance sehen, würden sie zurückgehen. Vorerst könneman eben nur hoffen.

Das hier ist übrigens nicht irgendeine arabische Straße - obwohl man ähnliche in jeder größeren Stadt Westeuropas finden kann. Nein, das ist die Straße, aus der einige der Madrider Bombenattentäter kamen. Sie pflegten sich hier im La Alhambra, einem ruhigen Cafe-Restaurant zu treffen. Ein Mann namens Jamal Zougam arbeitete in einem der talk-to-home locutorios. Das war der, der die Mobiltelefone baute, die die Bomben zum Detonieren brachten, die am 11. März 2004 so viele unschuldige spanische Pendler in den Zügen der nahen Atocha-Station töteten. Als ich vor sechs Jahren hier war, traf ich junge Männer, die das Bild von Osama bin Laden auf ihren Handys trugen. Sie sprachen von ihrer Furcht, vom Zorn auf den Irakkrieg und von Verzweiflung.

Heute schwingt in diesen locutorios und Handy eine freudigere Stimmung. Im "Haus des Pharao" bejubeln Safy und Ibrahim dessen Abgang. Und der Mann hinter dem Bar-Tresen vom La Alhambra, ein bedächtiger Marokkaner, mit einem Studium der Geschichte des Mittelalters, spricht vorsichtig von einem möglichen Wandel zum Besseren im Königreich, in das er hineingeboren war. Bei freien Wahlen, sagt er, könnten die marokkanischen Islamisten reüssieren, aber sie wären friedliche, gesetzestreue Islamisten, die die Demokratie anerkennen - so wie die Türken, "nur moderater" .

Chancen und Gefahren

Nun, ganz im Sinne von Herodot ist es meine Aufgabe zu berichten, was die Menschen sagen - aber ich muss es keineswegs glauben. Ich bin der Letzte, der einen Vox-Populi-Nachmittag in einer arabischen Gasse überbewerten würde. Nur ein Narr würde verkennen, das dieser Moment nicht nur Chancen sonden auch Gefahren in sich birgt. Der Weg vorwärts ist für Tunesien und Ägypten bei weitem weniger absehbar als er es für die europäischen Länder einmal war, und an seinem Ende winkt keine Aufnahme in das warme und sichere Haus der EU-Mitgliedschaft.

Auf lange Sicht werden einige Migranten wohl in ihr Ursprungsland zurückkehren, wenn man den Gesprächen in der Tribulete-Gasse Glauben schenkt. Zur Zeit aber landen mehr als 5000 Araber von ihren Flüchtlingsschiffen auf der italienischen Insel Lampedusa, die meisten von ihnen aus Tunesien. "Die Revolution hat nichts geändert" , berichten sie Le Monde - und sie wollen Arbeit finden in Europa.

In den Wirrnissen einer neuen Halb-Freiheit werden manch hässliche alte Würmer aus dem Gebälk kriechen. Einen Vorgeschmack davon gab mir ein junger Marokkaner, den ich an einer Bushaltestelle traf. Aus dem Nichts heraus begann er mir zu erklären, "dass "an allen Probleme der Welt die Juden Schuld sind." Und dieser junge Mann geht zum Gottesdienst in eine Moschee, dessen oberster Imam - wie haben Sie das nur erraten? - ein Saudi ist.

Der Versuch, einen Deckel auf die manifeste Unzufriedenheit junger Araber zu setzen, indem man korrupte Autokratien stützt, wie es Amerika und Europa allzu lange betrieben haben - inklusive Saudi Arabien - ist ein Handel, bei dem man schlimme Probleme der Gegenwart gegen schlimmere von Morgen eintauscht. Wir müssen jetzt die Chance ergreifen, Risiko übernehmen und unsere besten Köpfe daran arbeiten lassen, wie wir den nach Freiheit hungernden Arabern bei ihrer Suche nach einer bestmöglichen Lösung helfen können.

Aber wie? Ich hatte gehofft, in Spanien ein paar Antworten auf diese Frage zu hören Denn kein europäisches Land steht der arabischen Welt näher: Nur 13 Kilometer Seeweg trennen es von Marokko. Hier sind Europa und der Nordafrika an der Hüfte zusammengewachsen.

Kurzsichtiger "Realismus"

Was ich bisher von spanischen Politikern und Analysten zu hören bekam, ist allerdings enttäuschend. Ja, dieses Land besitzt Expertenwissen über den Maghreb, speziell über Marokko, aber seine Politik ist geprägt von der Furcht vor einer Überflutung durch Einwanderer, islamistischem Terror, Drogen und Kriminalität.

Eine nicht unbedenkliche Rolle spielen dabei auch Sicherheitsfragen für Spaniens nordafrikanische Exklaven Ceula und Mellila und die engen Beziehungen zur marokkanischen Monarchie. Sollte sich die für Sonntag geplante Demonstration in Marokko als Auftakt zu großen Umwälzungen herausstellen, werden sie wirklich nicht wissen, wie sie reagieren sollen.

Wenn Spanien keine Strategie parat hat, dann hat Frankreich noch weniger zu bieten: nämlich eine schlechte Strategie. Im Namen eines kurzsichtigen sogenannten Realismus haben sich die politischen und wirtschaftlichen Eliten in diebischer Komplizenschaft mit den Herrschern Nordafrikas. gemein gemacht. Und wie Wikileaks mit seinen Informationen öffentlich bewusst gemacht hat, ist der Begriff "diebisch" in diesem Kontext wörtlich zu nehmen. - Zudem hat Präsident Sarkozy Europa mit einer mehr als sinnlosen Einichtung namens Mittelmeer-Union beglückt, deren Mitgründer und Co-Präsident niemand anderer ist als Hosni Mubarak. Diese Quatschbude, der sich 43 Länder angeschlossen haben, schmückt sich mit einer Sammelsurium von schwerfälligen, dysfunktionalen Komittees und Projekten an, die allesamt zu absolut gar nichts taugen. Also sollten wir, da wir gerade jetzt eine Vereinigung der Mittelmeer-Länder brauchen, schleunts damit beginnen, die bestehende abzuschaffen.

Ein weitsichtiger spanischer Politiker meinte mir gegenüber, dass das, was wir jetzt als Angebot für den Mittelmeerraum brauchen, ein Marshall-Plan sei, mit einer starken politischen Komponente. Für die unter Druck geratenen Europäer, die den Gürtel enger schnallen müssen, wäre das in der Tat eine Alternative zu der Aussicht, ihre Jobs den tunesischen Flüchtlingen auf Lampedusa überlassen zu müssen.

Soweit eine nüchterne Analyse, die einen skeptisch stimmt sowohl hinsichtlich einer europäischen Antwort auf die arabische Generation 1989 als auch hinsichtlich des Ausgangs der Umwälzungen.

Aber wenn die EU sich nicht jetzt eine großzügige und einfallsreiche strategische Antwort auf die Geschehnisse am anderen Ufer des Mittelmeers einfallen lässt, wird dieses Scheitern uns eines Tages einholen als Schreckgespenst in allen arabischen Gassen Europas. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.2.2011)

Timothy Garton Ash ist Schriftsteller, Historiker und Professor für europäische Studien an der Universität Oxford; Übersetzung: Elisabeth Loibl.

Share if you care.