Selbstbefreiung ist möglich

18. Februar 2011, 18:57
80 Postings

Ägypten und Tunesien haben uns gezeigt, dass man auch gegen starke Unterdrückungsapparate erfolgreich sein kann

Wann ist der Wendepunkt, wo man beschließt, auf die Straße zu gehen, "Weg mit dem Diktator!" zu skandieren, der bewaffneten Staatsmacht ins Auge zu blicken und jeden Moment gewärtig zu sein, dass die das Feuer eröffnet?

Nur ganz wenige lebende Österreicher können von sich sagen, ihr Leben im Kampf gegen ein mörderisches Regime aufs Spiel gesetzt zu haben. Die einzige Massendemonstration gegen die Nazis war die vom 7. Oktober 1938, als etwa 7000 Jugendliche "Unser Führer ist Christus!" riefen (darunter mein späterer Lehrer, der dafür auch im KZ büßte). Ähnlich potenziell lebensgefährlich - wegen eines möglichen Eingreifens der sowjetischen Besatzungsmacht - war nur das gewaltsame Vorgehen von sozialistischen Gewerkschaftern gegen Kommunisten, die bei den "Oktoberstreiks 1950" zumindest den ÖGB, wenn nicht den Staat, in die Hand bekommen wollten.

Seither beobachten wir nur noch mit mehr oder weniger Anteilnahme die Befreiungsversuche anderer Völker, wie etwa am südlichen Rand des Mittelmeers und bis weit nach Osten an den Rand des arabischen/persischen Golfs.

Wir hatten gedacht, sie wären dazu nicht imstande: weil sie noch nie wirklich frei gewesen sind; weil die dortigen Unterdrückungssysteme so allumfassend waren/sind; weil wir glaubten, die dort wollten gar nicht frei sein. Aber zumindest in Ägypten und Tunesien haben sie uns gezeigt, dass man auch gegen starke Unterdrückungsapparate erfolgreich sein kann.

Die Chancen sind größer, wenn man weiß, dass es erprobte Techniken des waffenlosen Kampfes gegen die Diktatur gibt. Nach diversen Berichten haben sich die tunesischen, vor allem aber die ägyptischen Widerständler zum Teil dieser Techniken bedient. Nicht allein Twitter und Internet, sondern Handbücher des gewaltlosen Kampfes, die schon länger aus dem Internet heruntergeladen wurden.

In Ägypten stützte man sich dabei auf die Techniken der serbischen Aktivisten, die vor zehn Jahren Slobodan Milošević stürzten. Die aber bezogen ihre Philosophie und Technik aus den Werken des 83-jährigen amerikanischen Intellektuellen Gene Sharp. Der empfiehlt in seinen Schriften (From Dictatorship to Democracy und 198 Methods of nonviolent Action) einerseits einen konzeptuellen Rahmen - "sich nie auf Gewalt einlassen", "dem Regime durch Kooperationsverweigerung die Basis entziehen" -, andererseits ein konkretes Arsenal zivilrevolutionärer Handlungen.

Dass sich der ägyptische Widerstand auf dem zentralen, symbolbeladenen Tahrir-Platz versammelte, war schon ein Teil einer Strategie. Ägypten funktionierte, weil das Regime - die Armee - nicht zum Äußersten bereit war. In Gaddafis Libyen ist das vielleicht anders, aber auch hier ist das Regime in Gestalt seines Führers alt und ausgelaugt.

Jedenfalls haben die letzten Wochen - wie die schon fast vergessenen Volksaufstände in Ost- und Mitteleuropa 1989 - deutlich gezeigt: Selbstbefreiung ist möglich. Sie verläuft nicht ganz ohne Opfer, aber sie muss nicht in einem Blutbad enden. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 19.2.2011)

Share if you care.