Des Kaisers neues Interieur

18. Februar 2011, 18:52
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Auktion im Dorotheum: Kunst und Antiquitäten? Der Begriff Varia täte treffender konvenieren

Ein Potpourri von origineller Beschaffenheit präsentiert das Dorotheum seit einigen Tagen in dem nach Franz Joseph benannten Saal. In nobel abgedunkelter Illumination wartet eine Komposition von 190 Objekten, der Sparte Kunst und Antiquitäten fielen diese laut Auktionskalender anheim. Demzufolge ist des Kaisers neues Interieur von temporärer Beschaffenheit. Am 24. Februar ist es wieder Geschichte, dann wird es per Versteigerung in alle Winde zerstreut.

Zuvor gilt es diese märchenhafte Inszenierung der "Salons à la Visconti" bitte reichlich zu bewundern, diese "Bilder für die Seele" , mit ihren "guten Proportionen" , die "behaglichen Stimmungswelten" , die zwischen Eleganz, Zurückhaltung und Gemütlichkeit changieren. Selected by Philip Hohenlohe nennt sich dieses Sammelsurium, bei dem neben ästhetischen Kriterien auch die großbürgerlich-aristokratische Idee der Grand Tour Pate gestanden haben soll.

In der Realität hat die Hohenlohe'sche Bildungsreise wohl von Ottakring über Wels nach Gumpendorf geführt, stöberte der jahrelang in New York tätige Interiordesigner eher bei Kunsthändlern und im Dorotheumslager in Favoriten: Hier ein fabrikneues, "naturalistisch behauenes" Mohrenpaar, dort chinesische Dekorationshunde (made in Schanghai). Zwischendrin nach dänischem Biedermeiervorbild geschreinerte Stilsesserln oder kirschhölzerne Konsoltische, für die es - "unter Verwendung teilweise originaler Biedermeier-Gestellteile" - neuzeitliche ungarische Meisterhand zu mutmaßen gilt. Der Putz bröckelt.

Vielleicht hilft als Wandschmuck ja die angestückelte flämische Tapisserie, wiewohl hier schon "die brüchige Seide teils herausfällt" . Immerhin zeigt man Konsequenz, wo Hohenlohe draufsteht, ist auch solcher drin: Hängeleuchte, Onyxbeistelltischchen oder drei Laufmeter Bibliothekstisch designed by ...

Kunst und Antiquitäten? Der Begriff Varia täte treffender konvenieren. Selbst der Interieurkontext vermag das Niveau dieser Selektion nicht zu heben. Dafür verfügen die sonst auf Qualität getrimmten Experten jetzt über eine raffinierte Waffe: Dem in dieser Liga üblichen "für eine Auktion nicht geeignet" schickt man ein verheißungsvolles "vielleicht nimmt's ja der Hohenlohe" hinterher. (kron, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 19./20. Februar 2011)

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