Verlockungen

18. Februar 2011, 18:07
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Kaum war der Gedanke, der "für die Jugend verlockend sein sollte", in der "Kronen Zeitung" propagiert, machten sich die Grünen auf, mittels parlamentarischer Anfrage ...

Kaum war der Gedanke, der für die Jugend verlockend sein sollte, in der "Kronen Zeitung" propagiert, machten sich die Grünen auf, mittels parlamentarischer Anfrage nach einschlägigen Vordenkern aus der Politik zu forschen. Die Idee dazu war keineswegs neu. Wann immer in den letzten Jahrzehnten das Bundesheer im Gerede war, stand auch die Verteidigungsbereitschaft des politischen Personals männlichen Geschlechts zur Debatte, gewöhnlich unter dem Aspekt der Drückebergerei. Wer nun glaubt, die Grünen würden jene Denker, für die der Gedanke, es gibt eine Wehrpflicht und niemand geht hin, schon vor Jahrzehnten verlockend war, in den Rang von Vorkämpfern gegen unmenschlichen Zwang erheben, wurde indes enttäuscht. Pure Häme war das Motiv, und noch dazu stark verspätete. Denn schon 2007 hat, wie die Krone" nacherzählte, "profil" berichtet, in welchen Formen sich die Verlockung, niemand geht hin, für einzelne realisieren ließ.

Um niemandem Unrecht zu tun, soll nicht ausgeschlossen sein, dass manche entschlossen waren, der Verlockung zu widerstehen, sich aber höherer Gewalt beugen mussten, wie etwa: Wolfgang Schüssel befreit wegen öffentlichen Interesses (ÖVP-Parlamentsmitarbeiter) - nicht auszudenken, die Verlockung wäre größer gewesen als das öffentliche Interesse, und Schüssel hätte den Gipfel seiner Laufbahn statt als Bundeskanzler als Brigadier erreicht! Niemals wäre die Nation in den Genuss des besten Finanzministers aller Zeiten gekommen: Von Jugend auf ein Wrack - K.-H. Grasser, wegen chronischer Gastritis vom Präsenzdienst entbunden - konnte er sich dank Schüssel ausheilen.

Der Verlockung einer chronischen Gastritis den Vorzug vor der Verlockung zur Wehrpflicht zu geben, zeugt von einem Heldenmut, den Michael Häupl, der mächtige Wiener Bürgermeister, nicht aufgebracht hat. Wie er der "Krone" Dienstag gestehen musste, hat er seinen Wehrdienst abgeleistet. Aber ich muss sagen, dass ich mit einer besseren Meinung über das Bundesheer herausgegangen bin, als ich sie vorher hatte. Diese Scharte hat er inzwischen ausgewetzt, er will nun Ergebnisse bei der Diskussion um die Wehrpflicht sehen. Zum Glück dieselben wie die "Krone".

So viel Anhänglichkeit an eine Zeitung findet man nicht immer und überall, wie Donnerstag eine Leserin der "Presse" in einem Rundumschlag gegen das, was auf diesen Seiten zuletzt zu lesen war, erkennen ließ. Nachdem ich mir nun eine Woche lang verkniffen habe, einen Leserbrief zu schreiben, platzte mir nun doch der Kragen. Welche Verlockung! Ausbaden mussten es arme Kolumnisten des Blattes.

7. Februar: Kommentar von Herrn Schulmeister (nicht der Ökonom): logisch inkonsequent, christlich dogmatisch, intolerant.

9. Februar: Herr Schulmeister erhält neuerlich eine Gelegenheit auf einen Leserbrief vom Vortag zu antworten - in ähnlich ansprechender Weise wie oben: Bühne frei fürs Schulmeistern!

13. Februar Kommentar "Theologenkrise" von Michael Prüller: Ich bin auch dafür, dass sich die katholische Kirche so lange gesundschrumpft, bis alle in diesem Kreis verstanden haben, was der "mystische Leib Christi" bedeutet. Denn dann sind Strukturänderungen nicht mehr notwendig. Noch nie was von glaubens-, vertrauens-, bindungsfördernden Strukturen gehört, wie!

Und dann Valentinstag: Ein Kommmentar von Thomas Chorherr (Gott sei Dank hatte ich schon etwas gegessen): bildungsarrogant, frauenfeindlich, männerwichtlerisch. Also grundsätzlich bin ich ja schon dafür, die österreichische Politik mit Theater in Verbindung zu bringen, aber die Commedia dell'Arte ist ja dann doch zu hoch gegriffen, eher ist diese sogenannte Politik als kabarettistische Comedy zu bezeichnen, zu der der Autor eindeutig sehr gut passt. Aber, aber!

Auch der Gastkommentar einer Dame, die meint, dass die Veröffentlichung ihres Leserbriefes vor zwei Wochen ein Beweis der Objektivität der "Presse" sei, bekommt sein Fett ab. Manchmal gibt es schon putzige Ansichten! Ob ihre Verehrung der Herren Schulmeister (der aus der großen Ära) und Chorherr auch dazu zählt, fällt mir allerdings schwer zu entscheiden. Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht, ob sie dies etwa ernst meint. Da war sie nicht die einzige. Der fromme Wunsch zum Schluss: Wenn schon nicht Qualitätszeitung, dann vielleicht Originalitätszeitung - aber solange die alten Herren regieren . . . So alt ist Fleischhacker auch wieder nicht. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 19./20.2011)

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