"Plastiksackerl ist ein Symbol der Wegwerfgesellschaft"

18. Februar 2011, 18:14
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Auf das Sackerl kommt eine Zerreißprobe zu. Die einen fordern seine Abschaffung, für andere hat sein schlechter ökologischer Fußabdruck kaum Gewicht. Über kaputte Motorboote, Müllberge und ungeliebte Kartoffelstärke.

Das Plastiksackerl scheitert in Italien an Motorbooten. Millionenfach ins Meer verweht, pflegt es Schiffsschrauben zu blockieren. Was den Italienern dann doch zu bunt wurde. Nicht zuletzt auf Betreiben der Schifffahrt hin sind sie seit heuer landesweit verboten.

Heiße Debatten um die Sackerln entzünden sich nun auch in Österreich. Umweltorganisationen und Grüne sprechen sich für generelle Verbote aus. Handel wie Industrie begehren auf und berufen sich auf Konsumenten, die aus ihrer Sicht Wahlfreiheit wünschen. Keinerlei Handlungsbedarf sieht ob guter Entsorgung die Abfallwirtschaft.

Neue Studien schüren den Konflikt zusätzlich. Die jüngste liefert der Verband europäischer Kunststofferzeuger Plastics Europe, dessen mehr als 100 Mitglieder rund 90 Prozent des Kunststoffs der EU produzieren. Resümee der "Denkstatt"-Studie: Bei Obst- und Gemüsesäcken sei Plastik dem Papier vorzuziehen. Papier bringe auch bei herkömmlichen Taschen keine Verbesserung: Bezogen auf den Klimafußabdruck, schnitten beide Varianten gleich gut ab. Im übrigen sei mehrmalige Nutzung weniger eine Frage des Materials als des Kundenverhaltens.

Jährlich 350 Millionen Plastiktragtaschen in Österreich

Alles in allem machten Plastiksackerln gerade einmal 0,02 Prozent des Hausmülls in Österreich aus, rechnet die Wirtschaftskammer vor. Fast 100 Prozent würden verwertet, entweder stofflich oder in Verbrennungsanlagen, wo sie Energie liefern.

Der Uniprofessor Gerhard Vogel vom Institut für nachhaltiges Produktmanagement zieht eine völlig konträre Bilanz: Der Anteil der Säcke im Müll sei aufs Volumen bezogen drei- bis viermal höher. Und ihre Produktion benötige zudem ein Vielfaches der Energie jener, die bei der Verwertung gewonnen werde. "Der Wirkungsgrad ist lächerlich." Die Rechnung der Kammer bringe Scheinargumente, sagt auch Christian Pladerer, Vorstand des Österreichischen Ökologie Instituts. Zumal die Plastiksäcke in Österreich kaum recycelt würden.

Sie werden in Wien und Salzburg durchwegs mit dem Restmüll verbrannt. Andere Bundesländer sammeln sie: Verwertet wird Sortenreines, der Rest verbrennt.

Österreichs Handel bringt nach Schätzungen von Global 2000 jährlich an die 350 Millionen Plastiktragtaschen unters Volk. Das sei sehr wohl eine relevante Größe, wenn es darum gehe, Müllberge zu verkleinern, sagt Jens Karg, Sprecher der NGO. Es gehe insgesamt um neue Verhaltensmuster, ergänzen die Grünen. Und Pladerer, Verfechter der Stofftasche: "Es braucht mehr Alternativen und Chancengleichheit."

Illusion des Gratissackerls

Für Vogel ist das Plastiksackerl "ein Symbol der Wegwerfgesellschaft". Dass der Handel nur wenig Interesse an seinem Ende ha-be, sei klar. Schließlich sei es ein wichtiger Werbeträger. Die Sache mit den Gratissackerln sei im Übrigen eine reine Illusion: Der Konsument bezahle sie über Produktpreise und Müllgebühren.

Ganz untätig ist der Handel freilich nicht. Rewe, Spar und Hofer etwa bieten kompostierbare Kartoffelstärkesäcke. In Zeiten steigender Lebensmittelpreise stößt das bei Umweltexperten auf wenig Gegenliebe. Pladerer: "Biokunststoff ist nicht per se besser."

Technisch seien viele Alternativen dazu möglich, aber der Markt verlange sie nicht, erzählt ein Unternehmer. Biokunststoff habe einen Anteil von unter einem Prozent, sagt Hasso von Pogrell, Chef des Verbands European Bioplastics in Berlin. Die Industrie erforsche mit Ersatzstoffen wie Abfällen, Holz oder Stroh. Vieles hänge aber von politischen Rahmenbedingungen ab - und hier dominiere noch gefährliches Halbwissen. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.2.2011)

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    Rund 350 Millionen Plastiktaschen bringt Österreichs Handel jährlich in Umlauf. Umweltschützer fordern ein Umdenken.

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