Teilexplosion und klare Favoriten

18. Februar 2011, 17:41
1 Posting

In seltener Einmütigkeit favorisieren praktisch alle Kritikerrankings den Beitrag des Iraners Asghar Farhadi für eine Auszeichnung

Das Hotel Adlon ist soeben teilexplodiert. Szenenapplaus im Berlinale-Palast. Wobei das Hotel an der Renommieradresse Unter den Linden in Wirklichkeit gottlob noch steht, der Berlinale-Palast allerdings ab kommender Woche wieder seiner Hauptbestimmung als "Theater am Potsdamer Platz" zugeführt wird. Im Foyer wird schon darauf hingewiesen, dass man sich bald wieder um die Bedürfnisse der Fans des Udo-Lindenberg-Musicals Hinterm Horizont kümmert.

Jetzt aber noch bis Sonntag Berlinale, zum Beispiel eben mit dem Actionthriller Unknown von Jaume Collet-Serra, natürlich außer Konkurrenz. Ausreichende Qualifikation dafür ist, dass der Film Hollywoodstars und europäische Charakterköpfe wie Liam Neeson, Bruno Ganz und Karl Markovics versammelt, im Studio Babelsberg gedreht wurde und viele Berliner Originalschauplätze als Hintergrund für ein abgehangenes Verschwörungskomplott und wilde Verfolgungsjagden nutzt. Unknown verfügt über den Glamour und die unfreiwillige Komik von Mark Robsons The Prize (mit Paul Newman und Elke Sommer).

Am Samstagabend wird außerdem noch die Verleihung der Goldenen und Silbernen Bären vollzogen. In seltener Einmütigkeit favorisieren praktisch alle Kritikerrankings den Beitrag des Iraners Asghar Farhadi, Nader and Simin, A Separation / Jodaeiye Nadar az Simin, für eine Auszeichnung. Dann wird das Feld auch schon deutlich dünner. Am umstrittensten ist A Torinói Ló / The Turin Horse, die angeblich letzte Kinoarbeit des exzentrischen Ungarn Béla Tarr, welche manche für einen Solitär der Filmkunst halten, den man aber auch als kunstgewerbliches Blendwerk in diesem nicht eben mit Glanzleistungen gesegneten Berlinalejahrgang sehen kann.

Vielleicht sollte man dafür einen eigenen Preis ausloben. (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 19./20. Februar 2011)

Share if you care.