"Kurier" meldet 36 Mitarbeiter beim AMS an

18. Februar 2011, 18:09
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25 Kündigungen und elf Änderungskündigungen für Kralinger "unternehmerisch alternativlos" - Betriebsrat bereitet Kampfmaßnahmen vor und spricht von "sozialer Bombe" - Brandstätter: "Eine Emotion zu heftig", will Montag diskutieren

"Ich sehe nicht ein, dass man fürs Älterwerden bezahlt wird", will ein Teilnehmer der Betriebsversammlung von Kurier-Chefredakteur Helmut Brandstätter gehört haben. Ein anderer vernahm, bevor Brandstätter lauter wurde: "Ich habe noch nie verstanden, warum der Kollektivvertrag das Älterwerden belohnt." Er sieht Gehaltssteigerungen alle fünf Jahre vor.

Montag meldet der Kurier 15 Mitarbeiter über 50 zur Kündigung an. "Unsozial" und gegen die Tradition des Kurier, protestiert Betriebsratschef Christoph Silber. Dies sei eine "soziale Bombe".

36 von mehr als 200, etwa aus Chronikressort, Layout, Bildbearbeitung, meldet die Zeitung Montag zur Kündigung an. Ein Sozialplan ist ausverhandelt mit freiwilligen Abfertigungen, Arbeitsstiftung und Fonds für Härtefälle.

Kurier-Manager Thomas Kralinger nennt die 25 Kündigungen und elf Änderungskündigungen "unternehmerisch alternativlos".

Qualität leide "massiv"

Durch den Personalabbau sei "die Produktion der Tageszeitung in der gewohnten Form nicht mehr gewährleistet". Sie führe zur "massiven Einschränkung der Qualität", was "den Kurier nachhaltig am Markt schädigt". Der Betriebsrat sieht in der Kündigungsliste "noch keine endgültige Entscheidung". Ab Montag verhandle er weiter, werde "um jeden Mitarbeiter kämpfen".

Ohne "zufriedenstellendes Ergebnis" droht der Betriebsrat mit "weiteren Aktionen". Einstimmig war die Betriebsversammlung für Urabstimmung über "Kampfmaßnahmen gegen den Personalabbau". Die Gewerkschaft sichert Unterstützung zu.

"Wir sind eine große Familie"

"Wir sind eine große Familie", beginnt Helmut Brandstätters Leitartikel vom Samstag: "wir gehören zusammen, hier ist keiner allein, wir sind eine große Familie, und wir wollen es bleibe, das wird immer so sein." Das war freilich kein Kommentar zur Lage beim "Kurier", ein Liedtext von Peter Alexander. Zum Personalsparpaket wollte er auf STANDARD-Anfrage zunächst nicht Stellung nehmen.

"Eine Emotion zu heftig"

Brandstätter wandte sich später noch per Mail an die Belegschaft: Einige Redakteure hätten ihn darauf angesprochen, dass "manche Ausführung zu kurz und eine Emotion zu heftig" gewesen wäre. Er wolle dazu "gerne noch einmal Stellung nehmen und auch darüber diskutieren". Für Montag 9.30 Uhr lädt er zu diesem Zweck "zu einer erweiterten Redaktionssitzung" im Newsroom ein. "Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele von euch kommen", schickte der "Kurier"-Chefredakteur aus. Gezeichnet: "L, HB". (fid, DER STANDARD; Printausgabe, 19./20.2.2011, online ergänzt)

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