Architektur

In der Höhle des Holzes

Wojciech Czaja , 20. Februar 2011, 20:49
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    Klassischer Werkstoff, neue Technologie.

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    Den genauen Entwurf für das Büro eines Bostoner Investors lieferte ein mathematischer Algorithmus.

Holzbau? Kiste! Die alten Klischees sind nicht umzubringen - Ganz zu Unrecht, wie einige innovative Projekte und neue Bücher beweisen

"Ich bin hier schon dutzende Male ein- und ausgegangen, doch das Beste ist für mich immer noch der Geruch", sagt Mark Goulthorpe. "Man kommt hinein, holt tief Luft und fühlt sich in der Sekunde geborgen und daheim - ganz so, als würde man sich in einen weichen, gefütterten Lederhandschuh reinsetzen." Goulthorpe ist Architekt und Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, Boston, streicht mit der Hand über die Oberfläche: "Einfach perfekt. Das ist die Zukunft von Holz."

Das Büro, das er vor kurzem für das US-amerikanische Unternehmen C Change Investments LLC fertiggestellt hat, ist eine futuristische Schatulle aus nachwachsenden Rohstoffen. Von außen sieht man dem heruntergewirtschafteten Büroklotz aus den Achtzigerjahren nichts an. Doch oben im Penthouse im 14. Stock schmiegt sich eine amorph geschwungene Holzhöhle an die kalten, kantigen Wände aus Beton.

"Die meisten Kunden, die hier reinkommen, glauben sofort, dass der Ausbau unglaublich teuer gewesen sein muss", meint der Architekt, schüttelt verständnislos den Kopf, hebt die Augenbrauen. "Aber nein! Das ist ganz normales, handelsübliches Sperrholz aus dem Baumarkt. Wir haben es nur anders eingesetzt, als man es sonst kennt."

Anstatt den Büroausbau millimetergenau zu planen, entwickelte Goulthorpe in Zusammenarbeit mit MIT-Kollegen einen Algorithmus, der die Form nach strengen mathematischen Vorgaben von allein generiert. "Wir haben lediglich vorgegeben, wo wir bestimmte Funktionen benötigen, wo ein Durchgang sein muss und wo wir Arbeitsplätze ansiedeln wollen. Den Rest macht das Programm."

Anhand einer eigenen Software wurden die einzelnen Kurvenelemente daraufhin so angeordnet, dass der Verschnitt der rohen Sperrholzplatten auf ein Minimum reduziert wird. Goulthorpe: "Wenn Sie ein Einfamilienhaus bauen, so wie es in den USA zu Tausenden anzutreffen ist, dann haben Sie einen Verschnitt von rund 15 Prozent. Die Schnittreste werden einfach weggeschmissen. Ich finde das unverantwortlich."

Beim hölzernen C-Change-Büro machte der Verschnitt circa 20 Prozent aus, was vor allem auf die gebogenen Formen zurückzuführen sei, so Goulthorpe. Doch dafür habe man sogar die Türgriffe aus Holz gefräst. Der restliche Müll wurde eingepackt und ans Sägewerk zurückgeschickt, wo es zum Antrieb der Maschinen verheizt wurde. "Auf diese Weise ist der Kreislauf wieder geschlossen", erklärt der Architekt. "Das Projekt ist konsequent bis zum Schluss."

Neue Technologien

Das Büro von C Change Investments LLC in Cambridge, Boston, ist nur ein Beispiel von vielen. Architekten und Ingenieure aus aller Welt setzen sich immer mehr mit dem Zellulosebaustoff auseinander und treiben die Technologien im Holzbau weiter voran.

Mehr noch als im Innenausbau sind die größten Neuerungen im Rohbau zu verzeichnen. Holzkonstruktionen mit 20 Stockwerken sind heute bereits denkbar - und das sogar unter Einhaltung sämtlicher Sicherheitsbestimmungen. In Berlin wurde vor drei Jahren ein achtstöckiges Holzwohnhaus errichtet. Und auf dem Pyramidenkogel in Kärnten soll ein Aussichtsturm mit 100 Metern Höhe entstehen - komplett aus Holz.

"Die Möglichkeiten im Holzbau sind heutzutage enorm", sagt Kurt Zweifel von proHolz Austria. "Im Industriebau und bei Einfamilienhäusern ist Österreich schon recht umtriebig, nur im mehrgeschoßigen Wohnbau gibt es noch Handlungsbedarf. Während Deutschland und die Schweiz in den Städten bereits in Holz bauen, ist das Material in den österreichischen Ballungsräumen noch recht selten anzutreffen. Die Behörden zieren sich."

Zweifel: "Innovative Projekte in Holz sind wichtige Zugpferde fürs ökologische Bauen, denn die Potenziale sind noch lange nicht ausgeschöpft." Ein Argument, das oft zu hören ist: Ja, wenn alle so bauen, dann gebe es ja bald keine Wälder mehr. Kurt Zweifel und Mark Goulthorpe unisono: "Diese Sorge ist unnötig. Der Baumnachwuchs ist weltweit um ein Vielfaches größer als die Entnahme."

Laut Institut für Waldinventur betrug der Waldbestand in Österreich im Jahr 2009 rund 47,4 Prozent. 2002 waren es noch 46,6 Prozent. Anders ausgedrückt: In nur einer Sekunde wächst zwischen Bodensee und pannonischer Tiefebene ein Kubikmeter Holz nach. An einem Tag wäre das genügend Material, um mehr als 2000 Einfamilienhäuser zu bauen. (Wojciech Czaja, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 19./20. Februar 2011)

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17 Postings
ugo tognazzi
00

gibts auch wo echte photos von dem büro ?

raucherl
00
22.2.2011, 10:42

Schön, aber gefählich. Empfehle die permanente anstellung eines arztes.

Doktor Leid
01
21.2.2011, 17:01
Und Sperrholz ist ja auch 100% bio, besonders der Kleber ...

Chief Cohiba
00
Verwechseln Sie...

...da nicht was mit Spanplatten?

natoll
00
22.2.2011, 08:53

muss ja nicht sperrholz sein.

Chief Cohiba
00
Massivholz...

...in der erforderlichen Qualität (Verzug) ist in dieser Menge nicht erschwinglich. Sperrholz ist hier schon eine gute Wahl...

Johann Dau
02
21.2.2011, 14:45

Stolperfallen in Form von 5-10cm hohen Faltenverwerfungen im Boden, schiefer Boden direkt neben dem Besprechungstisch (die zwei Sessel dort werden sicher heiß begehrt sein :D), dafür aber unheimlich geborgen...

Geh!danke
00
21.2.2011, 14:14
Holzhochhaus in Berlin gebaut mit österr. (vorarlbg.) Know-how

moonmad
 
00
21.2.2011, 13:58
sehr elegant ...

sobald sich jedoch menschen darin aufhalten, die nicht farblich abgestimmt sind, verlierts. die hängen dann vielleicht auch noch bilder auf und stellen irgendwo sichtbar ordner ab - und schon ist der eindruck dahin.
mir gefällt es sehr gut. ob es ein angenehmer arbeitsplatz ist, dazu müsste man die leute befragen, die dort arbeiten müssen.

Für eine werbungsfreie Welt
02
21.2.2011, 10:35
Leider wird Holzbau durch unsere blahden Politiker immer noch blockiert.

Die bangen, dass ihre Haberer aus der Styropor-, Kunststoff- und Giftindustrie dann weniger Geschäft machen, wenn sich herumspricht, dass Holzhäuser ökologischer und gesünder sind.

Der Dekwandel wird dennoch nicht ausbleiben.

gaisbock
01
21.2.2011, 10:17
CAD-Laubsäge-Tastatur ab sofort erhältlich.

An diesem Wesen wird die Welt genesen.

alexanderletten
 
02
21.2.2011, 08:23

Beeindruckend.

Lustig finde ich das "schwebende" Keyboard samt der Maus auf Bild 2.
Ebenfalls ein Lacher, wenn bei mehreren gezeichneten AP die eine oder andere Tastatur links den Nummernblock hat.;-)

schwer von Begriff
02
21.2.2011, 08:22
Etwas zu dunkel zum Arbeiten.

Ob es dann so angenehm ist darin zu arbeiten? Die Lichtspiele während des Sonnenlaufes könnten wahrscheinlich mit der Zeit auf die Nerven gehen.

Aber so sieht es genial aus

Beim Barte des Proleten!
00
21.2.2011, 07:25
lol

Der rechte Winkel ist aber kein CAD Diktat.
Der ist Älter als Papier und Stift.

"Das haben wir immer so gemacht."

Truhe
 
11
21.2.2011, 05:48

Schaut absolut grandios aus und auch, Alogrithmus hin oder her, wunderbar organisch und weg vom CAD Diktat des rechten Winkels...

Beim Barte des Proleten!
00
21.2.2011, 07:26
PS: Dank CAD(3D)

Ist dieses Haus überhaupt möglich geworden.

mooon
02
21.2.2011, 20:49

haus? das ist ein raum im raum. nix anderes. nix besonderes.

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