Wachsende Industrialisierung wissenschaftlicher Arbeit

18. Februar 2011, 15:49
51 Postings

Wissenschaftsforscherin sieht Bildung neuer akademischer Arbeiterschicht ohne Perspektive

Wien - Eine wachsende Industrialisierung wissenschaftlicher Arbeit und eine "stark an buchhalterischen Prinzipien ausgerichtete Neuorientierung des akademischen Denkens" ortet die Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt. Akademische Forschung werde an Vorstellungen des "New Public Managements" ausgerichtet. Dies bringe eine an Effizienzkriterien orientierte Organisation des wissenschaftlichen Arbeitens mit sich, wachsende, vielfach auf quantitative Indikatoren ausgerichtete Beurteilungsstrukturen, eine starke Projektorientierung und eine in zeitliche Kleinstrukturen eingeteilte Forschung, erklärte Felt Donnerstag Abend bei einer Veranstaltung in Wien.

Arbeitsalltag in der Forschung

Die Veranstaltungsreihe "Club Research" widmete sich unter dem Titel "Von der Forschung leben: Arbeitsverhältnisse in der Wissensproduktion" dem Arbeitsalltag von Forschern. Dass dieser zunehmend industrialisiert wird, belegte Felt u.a. mit dem massiven Anwachsen der Zahl der nur befristet zu besetzenden Stellen für Forscher im Bereich Doktorat und frühe Postdocs. Diesem würde allerdings kein entsprechendes Wachstum bei den längerfristigen Beschäftigungsmöglichkeiten gegenüber stehen. "Durch die verstärkte projektorientierte Arbeitsweise hat sich eine neue akademische Arbeiterschicht gebildet", so Felt, die kritisiert, dass "das System für seine Arbeitsweise im jüngeren Segment massiv Arbeiter benötigt, für die allerdings nie Möglichkeiten des Aufstiegs auch nur angedacht sind".

Dennoch gelte es nach wie vor als "der Königsweg für die Besten", im akademischen System zu bleiben. Alles andere werde daher implizit als eine zweitbeste Lösung gesehen, so Felt, die Vorstand des Instituts für Wissenschaftsforschung an der Uni Wien ist und mehrere Projekte über die Arbeitsbedingungen von Forschern geleitet hat.

Quantitative Leistungserhebung

Felt kritisierte weiters die zunehmende Verankerung von meist quantitativ orientierten Systemen zur Erfassung wissenschaftlicher Leistungen, etwa die von den Unis jährlich geforderten Wissensbilanzen. Dies bedeute, dass jede Tätigkeit von Wissenschaftern "auf ihre Passform mit dem System hinterfragt werden muss. Man muss sich die Frage stellen, habe ich etwas, was ich da eintragen kann." Dadurch würde fast ausschließlich messbaren Aufgaben wie Publikationen, Impact-Faktoren, Drittmittel usw. Bedeutung zugemessen.

Auch Zeit sei in der Wissenschaft zu einer kargen und umkämpften Ressource geworden, beklagte Felt den "Verlust der Zeit zum Nachdenken". Wenn doch jemand diese Zeit habe, werde dies "meist hinter vorgehaltener Hand als Luxus erzählt". Nach Ansicht der Wissenschaftsforscherin werde mit den Initiativen zur Exzellenzförderung durchaus erkannt, dass dieser Zeitmangel ein Systemproblem ist. Schließlich gehe es bei dieser Exzellenzförderung darum, über längeren Zeitraum in Ruhe forschen zu können. Im Rahmen der Industrialisierung der Forschung werde also "die Zeit als Privileg neu erfunden, aber nur mehr einer kleinen Gruppe von Personen frei zugestanden". (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt: Zeit ist in der Wissenschaft zu einer kargen und umkämpften Ressource geworden.

Share if you care.