Immer mehr Unternehmen lagern Kreativprozesse aus und setzen auf Ideen von Internetnutzern - das Schlagwort lautet Crowdsourcing
Die Grazer Rockband Kugelblitz war auf der Suche nach einem Logo - und hat es im Internet gefunden. Eine Gruppe von Einzelunternehmen hat sich zu einem CoWorking Space zusammengetan - Räumlichkeiten, die sie je nach Bedarf nutzen können. Sie suchten Name und Logo - und wurden ebenfalls im WWW fündig. Das Schlagwort für diesen neuartigen und alternativen Weg der Ideenfindung lautet "Crowdsourcing": Man nutzt mithilfe des Mediums Internet das Talent und die Kreativität vieler, um ein gewünschtes Ziel zu erreichen.
Auf www.neurovation.net können Internetuser im Rahmen von Wettbewerben ihre Vorschläge einreichen und dafür Geld, Gutscheine oder Sachpreise gewinnen. Die Online-Plattform besteht seit rund fünf Jahren und beschäftigte sich ursprünglich mit der Erforschung von Innovationen. Im Vorjahr wurde erstmals ein Crowdsourcing-Projekt gestartet, heute hat die Plattform 4.000 registrierte User.
Kreativitit von außen
Reinhard Willfort, Mitbegründer der Plattform und Innovationsforscher aus Graz, erklärt wie es zur Umsetzung kam: "Wir haben bei Workshop-Moderationen gesehen, dass viele Firmen mehr Kreativität brauchen - aber viel zu wenig Zeit dafür haben. Das hat uns auf die Idee gebracht, diese elektronische Schiene mit einzubringen." Menschen würden heute sehr offen mit Wissen umgehen sich im Internet engagieren. "Diese Effekte wollten wir nutzen."
Ziel, Jobs zu kreieren
Firmen oder Organisationen holen sich also Ideen von außen herein. Wer die besten Vorschläge liefert, kann Sachpreise oder Geld gewinnen. "Das ist aber nicht unbedingt der Ansporn. Das Wichtigste ist für die Menschen, dass sie sichtbar werden, dass man ihre Leistungen anerkennt", sagt Willfort. Das A und O für einen Kreativen sei die Umsetzung seiner Ideen. Wer sich engagiert, kann am Ende unter Umständen auch bei der Verwirklichung mitwirken. "Die Überlegung geht in die Richtung, dadurch Jobs zu schaffen", sagt Willfort. Aber das ist in Österreich noch Zukunftsmusik.
Dass Unternehmen engagierte Ideengeber ausnutzen, um möglichst billig an neue Produkte oder Ideen zu kommen, glaub Willfort nicht. Für gute Unternehmen seien nämlich beide Welten nötig: Die eigene, interne Entwicklungsabteilung und der Input von außen. Matias Roskos, Crowdsourcing-Fachmann und Inhaber der Berliner Internetagentur VOdA, sieht das anders: Natürlich würden viele Unternehmen hoffen, dadurch Geld zu sparen. "Es ist ja auch nicht verwerflich, wenn man versucht effektiver zu arbeiten." Wirklich billig sei gut gemachtes Crowdsourcing aber ohnehin nie.
Aufwand nicht unterschätzen
Roskos beschäftigt sich schon seit mehr als vier Jahren professionell mit Crowdsourcing. Die Frage, warum Internetnutzer ihre Ideen im Netz überhaupt preisgeben sollen, müssten eindeutig die Unternehmen beantworten. "Das muss Teil der strategischen Planung sein." Crowdsourcing könne jedenfalls viel mehr als Ideen zu generieren, etwa in punkto Marketing-Effekt, Kundenbindung oder Innovationsmanagement. Dessen seien sich viele Unternehmen aber nicht bewusst.
In die Hose gehen könne Crowdsourcing zum Beispiel dann, wenn Unternehmen den Aufwand unterschätzen, schließlich muss die Community betreut und gemanaged werden. "Ebenso wichtig ist eine spannende und als fair wahrgenommene Incentivierungs-Strategie, um tatsächlich echte Mehrwerte gemeinsam mit einer Community generieren zu können."
Kunden kreieren Werbespots
Mittlerweile sind zahlreiche Unternehmen auf den Zug Crowdsourcing aufgesprungen. Dazu zählt die US-amerikanische Getränkemarke Pepsi, welche die extrem teuren Werbespots während der Super Bowl bereits gänzlich von Konsumenten kreieren lässt. Teilnehmer konnten für die gerade beendete NFL-Saison 2010/2011 ihre Beiträge online stellen, zehn Finalisten wurden gewählt. Aus diesen zehn besten Spots kürten die Konsumenten ihre Lieblings-Werbungen, die später bei der Super Bowl-Übertragung gezeigt wurden. Alle Finalisten erhielten 25.000 US-Dollar Preisgeld und eine Reise zum Ort des Geschehens nach Dallas. Die sechs Gewinner sollen ein weitaus höheres, erfolgsabhängiges Preisgeld erhalten, sowie einen Vertrag, weitere Spots zu entwerfen.
Sprungbrett für Jungdesigner
Auch die Modebranche hat die Kraft des Web 2.0 für sich entdeckt: Design Crowdsourcing heißt das Schlagwort. Laien designen gemeinsam Kleidungsstücke, oder junge Professionelle stellen ihre Entwürfe online und User stimmen darüber ab, was gefällt und was produziert werden soll. Ein Beispiel dafür ist die Website Garmz: Junge Designer schicken ihre Entwürfe ein, diese werden ohne weitere Vorauswahl auf die Website gestellt. Die über Facebook oder Twitter betreute Community stimmt ab. Wenn sich ein Produkt durchsetzt, übernimmt Garmz das Prototyping und kümmert sich um Stoffe, Produktion und Verkauf - die Modeschöpfer müssen kein Geld aufbringen weil nur geliefert wird, wenn vorher bestellt wird.
Umweltprobleme lösen
Sogar gemeinnützige Organisationen bedienen sich bereits des Crowdsourcings: Im Herbst 2010 startete der WWF mit Unterstützung von Sony ein Projekt mit dem Titel "Open Planet Ideas". Gesucht wurden Ideen, wie man mit den bestehenden Technologien Umweltprobleme lösen kann. Die User sendeten 329 Inspirationen ein und erarbeiteten in der Folge 400 Konzepte, von denen ein Expertenteam jene acht mit dem größten Potenzial auswählte, eine weitere Vorauswahl folgte.
Ende Jänner wurde dann die beste Idee bekanntgegeben: "GreenBook", ein Online-Magazin, mit dessen Hilfe die ehrenamtliche Arbeit und das Kampagnenwesen rund um die Umwelt gefördert und vereinfacht werden soll. Durch Community-Aktivitäten erfahren User, wo es Umweltprojekte in der Nähe gibt und wie man sich einbringen kann. Derzeit arbeiten Ingenieure von Sony gemeinsam mit anderen Partnern an der Umsetzung. (Maria Kapeller, derStandard.at, 15.3.2011)