Atombombensicher total pseudo!

18. Februar 2011, 18:37
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Tanja Dückers schildert in ihrem Roman die Ereignisse in Westberlin im Jahr 1982. Eine ausladende Chronologie

Berlin 1982: Eine Mauer durchzieht die "doppelte Stadt", der Westteil gleicht einer Insel in der DDR. Am Bahnhof Zoo tummeln sich Reisende und Junkies, auf dem Kurfürstendamm konzentriert sich das Leben. Dort und zwischen grauen Altbauten schlendert die 14-jährige Julika Zürn, die Icherzählerin aus Tanja Dückers neuem Roman Hausers Zimmer. Einmal weilt sie, in Melancholie versunken, im "Rattenloch", dann beobachten sie und ihre Freundinnen Männer, die aus der Peepshow kommen.

Das ist der Makrokosmos, die "Höhle namens Berlin", den die deutsche Schriftstellerin und Journalistin in ihrem knapp 500-seitigen Großstadtepos entwirft und der in ständige Abwechslung mit einem Mikrokosmos tritt: eine labyrinthartige, mit Kunstwerken angehäufte Wohnung. Hier wohnt Julika, ein Alter Ego der in Westberlin geborenen Autorin, mit ihrem Bruder, einem kiffenden Self-made-Philosophen, und ihren idealistisch-anarchistischen 68er-Eltern, die sich als bürgerliche Linksintellektuelle bezeichnen, sozusagen Prototypen-Bobos.

Hinzu kommen die mit sämtlichen Schrullen versehenen Nachbarn und das Fenster ins Hawaiitapeten-Zimmer des Motorradrockers Peter Hauser, in das sich die eigenbrötlerische Göre sehnt. Sie erträumt sich ihre Welt und wünscht sich nach Patagonien.

Warum 1982? Einmal heißt es: "Was war das für ein Jahr, in dem so viel zu Ende ging, so viel nicht geschah, so viel in der Schwebe blieb." US-Präsident Reagan besucht Berlin, Peter Weiss und Alexander Mitscherlich sterben, Helmut Kohl bringt eine konservative Regierung. Für ihren Roman wählte Dückers dieses Jahr, weil erst dann, wie sie meint, die 70er endgültig vorbei waren. Florian Illies prägte 2000 den Begriff "Generation Golf" und sagte den um 1970 geborenen Westdeutschen politisches Desinteresse nach.

Dem stellt Dückers Familie Zürn entgegen, die die aufkommenden hedonistischen Zustände anprangert. Jedes politische und kulturelle Ereignis Deutschlands wird zu einer Familienangelegenheit. Julika und ihre Freundinnen finden so ziemlich alles merkwürdig, ihre Mitschüler, Partys, den ganzen Erziehungskäse, alles total pseudo. Atombombensicher. Mit den Modewörtern der Zeit erleben die Teenager "die Eighties", schreiben mit ihren Eltern für Amnesty Protestbriefe, packen Päckchen für Polen oder für Obdachlose ums Eck. Das Buch ist auch ein Jugendroman, der sich intensiv mit den Themen Freundschaft, Außenseitertum und Rebellion auseinandersetzt.

Sämtliche Ereignisse aus dem Jahr 1982 packt Dückers mit großer Anstrengung in ihren vierten Roman und schnürt ihn mit langatmigen Monologen eines Adoleszenz-Ich zu. Blumige Adjektivreihungen begleiten die brav erzählte Chronologie und betonen litaneihaft die Ungewöhnlichkeiten der Figuren. Dückers nimmt mit überbordender Liebe zu Details und einem unbedingten Erklärungswillen den Leser fest an der Hand. Irgendwann fleht man, sie möge doch lockerer lassen. Ironisch gemeinte Kommentare entpuppen sich in vielen Fällen als augenzwinkernde Schenkelklopfer, die nicht eben sinnliche Sprache dient rein dem Zweck. Einzelne Kapitel aber, wie jenes über einen Schulausflug in den Osten, heben sich erzählerisch ab.

Über Ostberlin wurde viel geschrieben, in Hausers Zimmer wird der retrospektiven Darstellung des Westberliner Lebens Raum gegeben und 1982 ein Wendecharakter verliehen. (Sebastian Gilli, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 19./20. Februar 2011)

 


  • Tanja Dückers, "Hausers Zimmer. Roman". € 25,70 / 496 Seiten. 
Schöffling, Frankfurt am Main 2011
    foto: schöffling verlag

    Tanja Dückers, "Hausers Zimmer. Roman". € 25,70 / 496 Seiten. Schöffling, Frankfurt am Main 2011

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