Warum durften Mädchen keine Hosen tragen?

    18. Februar 2011, 18:31
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    Das Aufbegehren der Jugend gegen autoritäre Strukturen fand in den 1950er-Jahren auch durch Übertretung der Kleidervorschriften statt

    Etwa, wenn Mädchen Hosen trugen. Eine Erinnerung. Von Hilde Schmölzer

    Wir waren eine völlig unpolitische Jugend. Die Katastrophe des "Dritten Reiches" ließ jedes Interesse sinnlos erscheinen, unsere Eltern, meist ehemalige Nazis, schwiegen, die Lehrer schwiegen ebenso, bemühten sich aber um eine gewisse Heimattümelei, die Österreich zu einer eigenen Identität verhelfen sollte, über die wir uns nur lustig machten. Es wurden Scheinwelten aufgebaut, deren Verlogenheit wir ahnten.

    Dieser Staat war in unserer Vorstellung jämmerlich, kaputt, bemitleidenswert, trotz sich anbahnenden Wirtschaftswunders, da war nichts, an dem sich ein junges Selbstverständnis orientieren konnte. Das gelobte Land war Amerika, dort konnte jeder, wie er wollte, dort gab es James Dean, Coca-Cola und grellroten Lippenstift. Dort stürzte Elvis Presley die Massen in Begeisterung, dort tanzte alles Rock 'n' Roll und Boogie- Woogie, und dort durften Mädchen lange Hosen tragen. Das wollten wir auch.

    Das Aufbegehren der Jugend gegen gesellschaftliche Zwänge, autoritäre Strukturen und triste Familienverhältnisse fand in den 1950er-Jahren vornehmlich durch Übertretung der Kleidervorschriften statt. Auf diesem Gebiet gab es genug Tabus, die zu brechen waren und deren geringste Übertretung schnell zu einem Skandal führen konnte.

    Ich habe 1956 in der oberösterreichischen Kleinstadt Steyr maturiert. Es war in der siebten oder achten Klasse, als wir, sechs besonders mutige Mädchen, beschlossen, mit sogenannten Fischerhosen (Hosen, die bis knapp unter das Knie reichten) in der Schule aufzumarschieren. Die Reaktion war vorhersehbar. Der Direktor, zu dem wir beordert wurden, brüllte "Revolution" und schickte uns mit dem Vermerk nach Hause, wenn wir uns nicht schulmäßig kleiden würden (Röcke bis zur Wade), müssten wir gar nicht erst wieder kommen. Das war durchaus ernst gemeint.

    Lange Hosen begannen um die Mitte der 50er-Jahre für "fortschrittliche" Mädchen auch in der Provinz Mode zu werden, aber lediglich in der Freizeit, keinesfalls während des Unterrichts. Das verstieß gegen jenen kultivierten "Weiblichkeitswahn", den Betty Friedan in ihrem gleichnamigen Bestseller so treffend kritisiert hat. Das gab es auch in Amerika: Kritik, die den Anfang der Frauenbewegung bildete. Davon waren wir allerdings Lichtjahre entfernt. Aber wir protestierten damit nicht nur gegen das Verbot eines Kleidungsstücks, das wir angenehm fanden, sondern gleichzeitig gegen Regeln und Verbote ganz allgemein, die wir als einschränkend erlebten.

    Der sprichwörtliche "Onkel aus Amerika" schickte mir eines Tages eine Hose, und das war keine gewöhnliche Hose, denn sie war kariert (Schottenmuster). Obwohl ich mir über die Waghalsigkeit meines Unternehmens im Klaren war, spazierte ich damit über den Stadtplatz, was zu Unruhe und Aufsehen führte: "Da kommt die Hose", sollen Passanten getuschelt haben, wie mir später hinterbracht wurde.

    Ich habe mich öffentlich mit dieser Hose nicht mehr gezeigt, es war mir zu unangenehm. Aber sie erfüllte einen guten Zweck bei privaten Kostümfesten, vor allem bot sie bei den akrobatischen Einlagen des Rock 'n' Roll, damals absoluter Bürgerschreck, eine notwendige Alternative zum wadenlangen Glockenrock. Wobei mir vornehmlich der sogenannte "Hüftschwung" noch gegenwärtig ist und das etwas bängliche Gefühl, wenn zu wilden Rhythmen meine beiden Beine links und rechts von der Hüfte des Jungen, der mich mit beiden Händen fest um die Taille hielt, hochgeschleudert wurden, während mein Kopf nach unten hing.

    Im Tanz fühlten wir uns frei, erlöst, berauscht. Wir tanzten bis zur Erschöpfung. Die Schule empfand ich als langweilig, und ihre autoritären Strukturen habe ich gehasst. Ich galt als rebellisch, und war, mit Ausnahme des Fachs Deutsche Unterrichtssprache, in dem mir ein gütiges Schicksal einen Lehrer bescherte, dem ich viel zu verdanken habe, eine schlechte Schülerin.

    Aber die Möglichkeiten eines Protestes waren beschränkt, denn gleich drohte die Eintragung in das Klassenbuch oder der Karzer. Dass ich dort als Achtzehnjährige 30- bis 40-mal "Ich darf nicht schwätzen" schreiben musste, hat mich im Bewusstsein einer absoluten Blödheit noch amüsiert, weit unangenehmer war es, wenn ich bei einer Prüfung im genauen, vom Professor vorgegebenen Wortlaut seine Fragen beantworten musste, was mich wegen der Unterstellung, zu keiner eigenen Wortwahl fähig zu sein, derart erboste, dass ich mich mit trotzigem Schweigen total verweigerte und mit einer Fünf bestraft wurde.

    Unsere Clique hieß "die Horde", das klang draufgängerisch. Als ich, ein – begütertes – Mädel unserer "Horde", in der achten Klasse den Führerschein machte und ein Auto bekam, war das die Sensation. Es muss ein etwas plumpes Gefährt gewesen sein, denn wir nannten es die "Wuchtel". Weil es in Steyr kaum Lokale gab, in denen wir tanzen konnten, fuhren wir, zu fünft in die "Wuchtel" gepfercht, in den Kurort Bad Hall, wo ein Orchester in einem ziemlich trübseligen Tanzsaal aufspielte. Rock 'n' Roll haben wir dort sicher nicht getanzt, der blieb privaten Partys vorbehalten, aber wenn die "Horde" einfiel, brachte das kurzfristig Leben in eine steife Gesellschaft. Zumindest empfanden wir es so.

    Ich bitte dich: Kein Kind!

    Ein Verehrer von mir, der auch provozieren wollte, trug die Haare im Nacken ungewöhnlich lang, bis knapp über dem Haaransatz, was als zarter Vorbote der wilden Männerhaartracht in den Siebzigern betrachtet werden kann, damals aber noch höchst ungewöhnlich war. Er hieß bei uns "der Schlurf". Als ich den "Schlurf" abgewiesen hatte (er war nicht mein Typ), schrieb er mir einen Brief (ich habe ihn aufbewahrt), worin von der großen Enttäuschung die Rede ist, dass ich nicht "etwas Besonderes" sei, wie er angenommen habe, sondern im Gegenteil: ganz gewöhnlich. Offenbar hat er meine Hose mit seinem "Schlurf" in Verbindung gebracht und beide in den Bereich des Außergewöhnlichen verwiesen, womit er nicht ganz unrecht hatte.

    Aber meine erste Liebe galt einem netten Jungen mit artigem Haarschnitt. Wir saßen an lauen Mai-Abenden auf einer Parkbank unter Kastanienbäumen in süßem Schweigen, und es war der Himmel. "Ich bitte dich: kein Kind", sagte meine Mutter. Ein uneheliches Kind war das absolute Schreckgespenst jedes Mädchens in diesen pillelosen Jahren. Dieser Schimpf, diese Schande! Abtreibung illegal, Strafverfolgung, schlimmstenfalls Tod durch eine Engelmacherin (eine Mitschülerin, die sich nicht beherrschen, die nicht "Nein" sagen konnte, ist daran als Studentin gestorben). Auf jeden Fall aber aus der Traum von einem unabhängigen Leben, einer entsprechenden Berufsausbildung, dafür gezeichnet, ohne große Chance auf eine spätere Heirat, das Leben verpfuscht! Ende!

    Bei mir allerdings waren derartige Mahnungen überflüssig, niemals wäre ich dieses Risiko eingegangen, über Schmusereien auf einer Parkbank im Dunkeln (die offenbar Anlass für die Ängste meiner Mutter waren) ging das nicht hinaus. Das war klar!

    Die Sommerferien verbrachte "die Horde" – auch an trüben Tagen – in der Steyrer "Schwimmschule", die 1874 von Josef Werndl erbaut wurde und damit das älteste öffentliche Schwimmbad Europas ist, zu dem auch Arbeiter und Arbeiterinnen Zugang hatten. Es besaß eine Liegewiese, auf der sich Holzpritschen befanden und rundherum Holzkabinen, deren eigenartiger ranziger Geruch nach trockenem Holz, Schweiß und Urin mir heute noch gegenwärtig ist. Das Becken wurde so selten geleert, dass sich darin ein grüner Algenteppich gebildet hatte, den wir mutig durchschwammen – und natürlich gelegentlich auch schluckten. Wir mussten eine hervorragende Gesundheit gehabt haben, ich kann mich an keine Krankheit erinnern, die auf das Wasser der "Schwimmschule" zurückgeführt wurde. Ich fand es dort auf jeden Fall spannender als in der zwei- bis dreiwöchigen obligatorischen "Sommerfrische" mit Familie an irgendeinem Kärntner See oder im Gebirge. Urlaube im Ausland waren nicht üblich und auch viel zu teuer.

    Aber den Aufbruch der Jugendlichen in die große weite Welt Ende der Fünfzigerjahre – Autostopp natürlich -, den Kontakt mit Angehörigen vieler Nationen in den Jugendherbergen vieler Länder habe ich als eine Befreiung erlebt, die heute nicht mehr nachvollziehbar ist. (Hilde Schmölzer, DER STANDARD/ALBUM – Printausgabe, 19./20. Februar 2011)

    Hilde Schmölzer, geb. in Oberösterreich. Studium der Publizistik und Kunstgeschichte in Wien, Promotion 1966. Etwa 25 Jahre freiberufliche Journalistin für österreichische und deutsche Zeitungen, Arbeiten beim ORF. Ab 1990 ausschließlich als Autorin tätig. "Phänomen Hexe" (1986) und "Die verlorene Geschichte der Frau" waren Bestseller. Sie war Mitinitiatorin des österreichischen Frauenvolksbegehrens. Zuletzt erschien "Frauenliebe. Berühmte weibliche Liebespaare der Geschichte" (Promedia).

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      Das gelobte Land war Amerika, dort stürzte Elvis die Massen in Begeisterung, dort tanzte alles Rock 'n' Roll, und dort durften Mädchen lange Hosen tragen. Das wollten wir auch.

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