Reisen durch kleine Mythen

18. Februar 2011, 18:28
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Roger Willemsen hat großes Talent, Fernweh zu wecken. Seine Reisestorys werfen poetische Blicke auf die "Enden der Welt"

"Mögen sich die Gegenden an den Enden der Welt auch sonst eher ratlos dem Verschwinden entgegenstrecken, hier ist es anders. Hier zerstreut sich die Landschaft in einer Idylle des Untergangs." So beschließt Roger Willemsen das Patagonien-Kapitel der Sammlung seiner Enden der Welt. Und nachdem man darin von hoffnungsloser Einsamkeit, misstrauischen Bewohnern und Kindern, die Tiere kastrieren, gelesen hat, klingt diese lyrische Stimmungsweitergabe höchst plausibel. Willemsen, der als Literaturwissenschafter über Robert Musil promoviert und als TV-Moderator Gott und die Welt interviewt hat, vereint zwei Welten. Ausgestattet mit dem Feingefühl eines Literaten und der Pragmatik eines Medienmenschen, mag er der Richtige sein, um die Sehnsuchtsräume des Schreibens und des Reisens zusammenzuführen.

Dabei geht es um mehr als das Näherbringen fremder Welten und das Durchdringen anderer Kulturen. Willemsen verbindet seine Beobachtungen nicht nur mit einem beachtlichen Wissensfundus, sondern auch mit einer sehr persönlichen, assoziativen Metaphernwelt.

Die Reisebilder erlangen immer dann eine besondere Qualität, wenn Personenporträts oder ein Handlungsverlauf plastisch hervortreten, wenn er das Welteninventar an Orten, Menschen und Gefühlen zu einer gleichnishaften Erzählung zusammenraffen kann. Etwa wenn er in einsamen Stunden in Tokio eine bevorstehende Reise von Berlin nach Tanger herbeisehnt. Als ihn die weibliche Begleitung bei Gibraltar verlässt und er allein die jenseitige Welt Afrikas betreten muss, verbindet er das mit dem "non plus ultra", das einst Herkules an seinen Säulen am Ende des Mittelmeers angebracht haben soll.

Oder wenn er in einer Wiener Bibliothek auf Clarisse trifft, die, wie er sagt, von Kafka gefangengenommen war. Ihr Vater wird ihn später aus den Abruzzen anrufen und ihn um Hilfe bitten. Der im 19. Jahrhundert trockengelegte Fuciner See in Mittelitalien und Clarisse spiegeln sich in ihren Schicksalen. Sie verschwinden, um in gewisser Weise zu sich selbst zu kommen. Die parabelhafte Sicht solcher Geschichten erhöhen sie zu kleinen Mythen. In anderen Episoden überwiegt ein reportagehafter Zugang über das Erzählen einer Geschichte. Die Beschreibungen und flüchtigen Erlebnisse in der zum Weltkulturerbe gewordenen früheren Sklavenstadt Gorée vor der Küste Senegals, im hintersten Fjord Islands oder in einem abweisenden Minsk profitieren von der Farbenpracht eines plastischen, perspektivreichen Erzählstils und dem assoziativen Blick eines einfühlsamen Beobachters, der dennoch nie in romantischen Exotismus verfällt.

Die Welt-Enden, die Willemsen in seinem Buch zusammenknüpft, geben nicht nur Auskunft über die Lieder, die man in Kamtschatka singt, sondern verhelfen in ihrer literarischen Verklärung, nein, Konkretisierung zu beinahe existenziellen Wahrnehmungen über das Menschsein, egal an welchem Ort. (Alois Pumhösel, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 19./20. Februar 2011)


  • Roger Willemsen, "Die Enden der Welt". € 23,60 / 543 Seiten. 
Fischer, 
Frankfurt am Main 2010
    foto: s. fischer verlag

    Roger Willemsen, "Die Enden der Welt". € 23,60 / 543 Seiten. Fischer, Frankfurt am Main 2010

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