"Der Koran wurde von fanatischen alten Männern interpretiert"

18. Februar 2011, 14:55
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Drei Musliminnen sprechen über das Kopftuch, über ihre Auffassung des Islams und über die österreichische Debatte zu diesen Themen

Das Kopftuch der muslimischen Frau ist Gegenstand hitziger Debatten. Meistens wird es als Symbol radikaler Religiosität bzw. als Zeichen der Unterdrückung von Frauen, die in einer Parallelwelt leben, interpretiert. daStandard.at hat mit drei muslimischen Frauen über ihre persönlichen Ansichten und Erfahrungen zu diesem Thema diskutiert.

Religion als Ausreisegrund

Rukiye Sancar stammt aus Ankara, studiert Bildungswissenschaften an der Universität Wien und arbeitet in einem religiösem Jugend- und Kinderverein als Pädagogin. Sie lebt seit sieben Jahren in Wien und trägt seit ihrem 14. Lebensjahr ein Kopftuch. Süreyya Ateş-Genc ist in Istanbul geboren und in Österreich aufgewachsen. Die Handelswissenschafterin ist seit zehn Jahren in der Finanzbranche beschäftigt und Leiterin der Frauensektion des Atatürk-Vereins in Wien, der u.a.  am Laizismus, der Trennung von Religion und Politik, festhält.

Zohreh Ali-Pahlavani ist kurz nach der Islamischen Revolution, 1980, aus dem Iran nach Österreich ausgewandert. "Religion war mein Grund auszuwandern, nach meiner Ausreise wurde der Kopftuchzwang verhängt", sagt Pahlavani. Auch Sancar ist aus religiösen Gründen nach Österreich eingewandert. Sie hat allerdings das Kopftuchverbot an öffentlichen Gebäuden in der Türkei dazu bewogen, in Österreich weiterzustudieren, denn hier kann sie sich mit dem Kopftuch frei an der Universität bewegen.

"Ich fürchte mich"

Mit Ali-Pahlavani und Sancar sitzen sich zwei Frauen gegenüber, die aus zwei sich absolut widersprechenden Gründen ihr Herkunftsland verlassen haben. "Wir sind Gott sei Dank jetzt in einen demokratischen Land, in dem wir uns diese Demokratie zu Nutzen machen können: Sie (Fr. Sancar, Anm. der Red.) sind nach Österreich gekommen, um das Kopftuch tragen zu dürfen und ich, um es nicht tragen zu müssen. Wir können uns hier gegenseitig tolerieren", erklärt Ali-Pahlavani. Die islamische Revolution und die Erlebnisse während ihrer Besuche im Iran in den 1980er Jahren haben sie allerdings sehr geprägt. Mit leichtem Schmunzeln gesteht sie in Richtung Frau Sancar: "Ich würde aber niemals die Macht ergreifen und sagen du musst dein Kopftuch abnehmen. Ich fürchte mich aber, dass du wenn du an die Macht kämest und hier Präsidentin wärest, dass du zu mir vielleicht sagen könntest: 'Du solltest ein Kopftuch tragen'."

Was wird bekämpft?

Für Ali-Pahlavani geht aus der aktuellen medialen Debatte rund um das Kopftuch nicht klar hervor, "was wir da bekämpfen wollen? Bekämpfen wir alle religiösen Symbole oder den Islam und das Kopftuch als Symbol des Islams?" Sie verweist auf die verfassungsrechtliche Verankerung der Religionsfreiheit, die auch das Mittragen religiöser Symbole umfasse, macht aber gleichzeitig deutlich klar, dass "Religion etwas absolut Privates ist und in der öffentlichen Debatte keinen Platz hat."

"Muslimische Frauen sind unterschiedlich"

Ali-Pahlavani plädiert dafür, zu differenzieren, denn auch "muslimische sind Frauen unterschiedlich, manche kommen aus der Oberschicht, haben unterschiedliche Bildungshintergründe, sind aus unterschiedlichen Ländern mit den jeweiligen Traditionen." Die Iranerin hat auch viele Freundinnen, die aus Afrika stammen, und sich ein Tuch um die Haare binden und den Kopf bedecken, "aber das stört niemanden, bei muslimischen Frauen ist das gleich Pfui, ist das gleich Unterdrückung." Pahlavani betont jedoch, dass das Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung sein kann, aber eben nicht immer sein muss.

Kopftuch als politisches Symbol?

Ateş-Genc stimmt hier mit Frau Pahlavani überein: "Kopftuch ist nicht gleich Kopftuch, meine Großmutter trägt auch ein Kopftuch. In der Türkei sind es aber Massen von jungen Frauen, die den "Türban" tragen, das ist eine bestimmte Art des Tragens, die als Symbol für etwas steht, 'ich präsentiere mich, ich stehe jetzt für etwas!'." Damit meint sie den politischen Islam, für sie ist es klar, dass der "Türban" als ein politisches Symbol getragen wird. Sie betont, dass bei all den Debatten die individuelle Geschichte und aktuelle Politik eines Landes nicht genug berücksichtigt werde. Die Regierung in der Türkei verwende bewusst religiöse Motive, was für Ateş-Genc eine sehr gefährliche Entwicklung darstellt.

Oder als Reaktion auf Ablehnung?

Ali-Pahlavani verbindet die vielen jungen Kopftuchträgerinnen in Europa mit der generell ablehnenden Haltung der Europäer gegenüber Einwanderern aus muslimischen Ländern. "Wenn man sie diskriminierend behandelt, kommt eine Reaktion, das ist die neue Jugendrevolte." Für sie ist das Kopftuch auch oft als Reaktion auf die Ablehnung zu verstehen, als "stiller Protest". Sie habe viele junge Mädchen beobachtet, die ein Kopftuch aufsetzen, "um zu demonstrieren, dass sie es mit der Bevormundung und Diskriminierung aufnehmen wollen und als ein Signal - wir gehören zusammen." Die Jugendlichen der zweiten MigrantInnen-Generation seien außerdem sehr anfällig für Manipulation, meint Ali-Pahlavani: "Sie stoßen auf Ablehnung in der Mehrheitsgesellschaft und suchen Anschluss".

"Meine Mutter war mein Vorbild"

Sancar, die einzige Kopftuchträgerin in der Diskussionsrunde, reagiert gelassen auf den Vorwurf, dass das Kopftuch als politisches Symbol missbraucht werde und als Abgrenzung nach außen diene. Als sie mit 14 Jahren begann, das Kopftuch zu tragen, habe sie sich nicht viel mit den religiösen Hintergründen beschäftigt. "Meine Mutter war natürlich mein Vorbild, auch meine ältere Schwester hat das Kopftuch getragen", schildert sie ihre ersten Beweggründe.

Auf die Frage, was sie den jungen Mädchen, die sie in ihrem Verein unterrichtet, rate, wenn sie, sie um Rat fragen, ob sie nun ein Kopftuch tragen sollen oder nicht, meint Sancar: "Ich bin keine Religionswissenschaftlerin sondern Pädagogin, das ist nicht meine Aufgabe. Solche Fragen kommen auch nicht. Die jungen Frauen in Wien tragen das Kopftuch, weil sie sehen, dass ihre Mutter, ältere Schwestern oder Freundinnen es tragen. Sie imitieren das und fragen auch nicht nach."

 Hinterfragen oder Nachahmen?

Für sie selbst war das Hinterfragen allerdings ein wichtiger Schritt: Als sie an der Schule an der Universität mit dem Kopftuchverbot konfrontiert wurde, begann Sancar zu hinterfragen, warum sie eigentlich ein Kopftuch trägt und habe nach Hinweisen im Koran gesucht und sei auch fündig geworden. Für Sancar persönlich ist das Kopftuch eine Regel wie jede andere Regel im Islam, wie zum Beispiel das Fasten, und symbolisiert für sie eine Form und Ausdrucksweise der Religion, aber nicht den Islam als Ganzes, denn ein Symbol müsse die Botschaft einer Religion auf den Punkt bringen, was sie beim Kopftuch nicht gegeben sieht.

Es steht nirgendwo "Du sollst ein Kopftuch tragen"

Pahlavani und Ateş-Genc widersprechen hier vehement. Für Pahlavani gehört das Kopftuch nicht zu den fünf Säulen des Islams. Für Ateş-Genc hat das Kopftuch ebenfalls nichts mit den Geboten des Islams zu tun: "Es ist keineswegs so, dass es explizit im Koran zu lesen ist, dass man ein Kopftuch tragen muss." Beide, Pahlavani und Ateş-Genc machen darauf aufmerksam, dass der Koran unterschiedlich und falsch interpretiert werde. "Der Koran wurde bisher immer nur von fanatischen alten Männern übersetzt und interpretiert. Die Rechte der Frauen wurden immer beschnitten. Erst in den letzten paar Jahren setzen sich Frauen damit auseinander und es wurde noch keine Stelle gefunden an der es heißt "Du sollst ein Kopftuch tragen", bekräftigt Pahlavani.

"Für mich interessiert sich niemand"

Ali-Pahlavani und Ateş-Genc wünschen sich eine differenziertere Islam-Debatte in den österreichischen Medien. "Wann auch immer über Islam geredet wird, sind Vertreter der IGGiÖ (Islam. Glaubensgemeinschaft, Anm. Red.) in den Medien. Wenn Muslime in der Zeitung abgebildet werden, dann auch nur immer Frauen mit Kopftuch. Es sind immer übergewichtige türkische Frauen mit einer Schar Kinder und betende Männer auf den Knien. Ich habe das Gefühl, man will sich bewußt über bestimmte Bilder lustig machen. Ich wurde niemals als Muslimin angesprochen, das ist das erste Mal. Das müsste Schule machen", meint Ali-Pahlavani. Die Mehrheit der Musliminnen in Österreich lebe ohne Kopftuch, doch für diese interessiere sich niemand, bedauert Ateş-Genc. (Güler Alkan und Olivera Stajić, 18. Februar, daStandard.at)

  • Zohreh Ali-Pahlavani, Süreyya Ateş-Genc und Rukiye Sancar.
    foto: jasmin al-kattib

    Zohreh Ali-Pahlavani, Süreyya Ateş-Genc und Rukiye Sancar.

  • Zohreh Ali-Pahlavani ist kurz nach der Islamischen Revolution, 1980, aus dem Iran nach Österreich ausgewandert.
    foto: jasmin al-kattib

    Zohreh Ali-Pahlavani ist kurz nach der Islamischen Revolution, 1980, aus dem Iran nach Österreich ausgewandert.

  • Süreyya Ateş-Genc ist in Istanbul geboren und in Österreich aufgewachsen. Die Handelswissenschafterin ist seit zehn Jahren in der Finanzbranche beschäftigt. Religion ist für sie "eine Sache zwischen mir und Gott".
    foto: jasmin al-kattib

    Süreyya Ateş-Genc ist in Istanbul geboren und in Österreich aufgewachsen. Die Handelswissenschafterin ist seit zehn Jahren in der Finanzbranche beschäftigt. Religion ist für sie "eine Sache zwischen mir und Gott".

  • Rukiye Sancar stammt aus Ankara, studiert Bildungswissenschaften an der Universität Wien. Sie trägt seit ihrem 14. Lebensjahr ein Kopftuch.
    foto: jasmin al-kattib

    Rukiye Sancar stammt aus Ankara, studiert Bildungswissenschaften an der Universität Wien. Sie trägt seit ihrem 14. Lebensjahr ein Kopftuch.

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