Eine Orgie des Reichtums

18. Februar 2011, 18:43
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In London übertrafen die Zeitgenossen-Auktionen Spitzenwerte aus besseren Zeiten, anno 2008

Aktionen wie diese sind stets minutiös geplant: Ende Jänner spazierten vier Mitglieder der Künstlergruppe IOCOSE mit echten Sonnenblumenkernen "bewaffnet" in die Tate Gallery und postierten sich vor Ai Weiweis Installation, zückten kleine Katapulte und schossen ihre echten Kerne auf die 100 Millionen handbemalten aus Porzellan. "Sunflower Seeds on Sunflower Seeds" aktualisierten sie die Beschriftung und zogen von dannen. Ein Feldzug der anderen Art trug sich dieser Tage ebenfalls in London zu, konkret in der noblen Bond Street, im Auktionssaal bei Sotheby's.

 

Zum Auftakt hatte man hier am Abend des 15. Februars 100.000 solcher Ai-Weiwei-Sonnenblumenkerne für 350.000 Pfund, also für etwa vier Euro je Stück weitergereicht. Zwischendurch sicherte sich ein Art-Adviser deutscher Herkunft im Auftrag eines Kunden Juan Muñoz' Bronzeskulptur Conversation Piece (1993) für 1,88 Millionen Pfund, und für Gerhard Richters Großformat Abstraktes Bild (1990) bewilligte ein Telefonbieter mit 7,2 Millionen Pfund den höchsten Zuschlag der Sitzung.

Charmante Störaktion

Soeben starteten die Gebote für Andy Warhols Nine Multicoloured Marilyns bei 1,5 Millionen, als dem Publikum plötzlich kopierte 50-Pfund-Banknoten um die Ohren flogen und unter orgiastischen Rufen und ekstatischem Gestöhne ein Banner gelüpft wurde: "Orgy of the Rich" stand dort zu lesen und bezeichnete die gleichnamige Aktion einer Gruppe von Demonstranten, die auf diese Weise nicht nur gegen Budgetkürzungen protestierten. Einiges Gelächter, verhaltener Applaus und zwei Minuten später ging Auktionator Tobias Meyer wieder zur Tagesordnung über, und die Kunstkäufer frönten wieder unberührt ihrer Leidenschaft: 54 von 59 angebotenen Kunstwerken wechselten schließlich zum Gegenwert von 44,36 Millionen Pfund (52,96 Mio. Euro) den Besitzer. Am Abend des 16. Februar übernahm Christie's den Vorsitz an der Versteigerungsfront und schickte 63 Post-War-&-Contemporary-Protagonisten ins Rennen, die theoretisch um die 46 Millionen Pfund einspielen sollten, ein Wert den man in der Praxis mit der stärksten Bilanz seit Juni 2008 übertraf.

Zum Total von 61,38 Millionen Pfund (73,1 Mio. Euro) die man für 58 von 63 offerierten Werken notierte, trug auch der Spitzenwert der Woche nicht unwesentlich bei. Das knapp 183 mal 183 große Selbstporträt Andy Warhols, eines von elf in dieser Größe existierenden, brachte letztlich weit mehr als die erwarteten drei bis fünf Millionen Pfund. Exakt 10,79 Millionen Pfund (12,85 Mio. Euro) ließ Galerist Larry Gagosian für diese Trophäe springen, Warhol-Sammler Jose Mugrabi schlurfte als Verlierer vom Feld. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 19./20. Februar 2011)

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    Andy Warhols Selbstporträt für 12,85 Mio. Euro.

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