Angriff des Killerjoghurts

18. Februar 2011, 17:37
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Über ein schmieriges Alltagsmissgeschick

Das Leben ist an sich anstrengend genug, aber die Vorsehung ist grausam. Zu allem Überdruss bestraft sie uns zusätzlich mit Alltagsmissgeschicken. Man stößt sich die Zehe am Bettpfosten und hüpft vor Schmerz minutenlang wie ein Kretin durch die Wohnung. Man vergisst den Schlüssel und wirft die Tür ins Schloss. Man schneidet sich in den Finger und zieht eine Blutspur durch drei Zimmer.

Man verliert die Kreditkarte. Man schaltet den Fernseher ein und sieht Karl-Heinz Grasser seine Unschuld beteuern. Das Füllhorn der Missgeschicke ist prallgefüllt und ergießt seinen Inhalt in den unpassendsten Momenten über uns.

Eines der misslichsten Alltagsmissgeschicke ist der Angriff des Killerjoghurts. Er lässt sich auf einfache Art und Weise provozieren. Man kaufe in einem beliebigen Supermarkt eine große Menge Lebensmittel ein, darunter mehrere Joghurts in Halbliterbechern. Man verstaue die Lebensmittel in Tragetaschen und mache sich auf den Heimweg. Auf dem Heimweg knalle man mit der Tragtasche gegen eine scharfe Kante (Kofferraum, Hauswand, Wohnungstür) und vernehme das sanft knackende Geräusch, welches einem blitzartig verrät, dass in dieser Tragetasche soeben etwas schiefgegangen ist.

Ich habe diese Schweinerei in den vergangenen Monaten zweimal erlebt, einmal in der Geschmacksrichtung Vanille, einmal mit einem rechtsdrehenden Ja-natürlich-Joghurt. Beide Male war ich verblüfft über die Besudelungskraft dieses Nahrungsmittels. Natürlich, auch das gemeine Hühnerei ist imstande, eine gewaltige Tragtaschenferkelei zu verursachen, vor allem, wenn es in größerer Anzahl zerbricht. Unterm Strich aber toppt das Killerjoghurt das Ei. Sämig umspielt es alle anderen Lebensmittel, cremig verbreitet es sich bis in die letzte Taschenritze. Putzen Ende nie; eine Sauerei der absoluten Sonderklasse.

Keinesfalls möchte ich das wieder erleben. Ein Consultant muss her, einer der mit Rat und Tat zur Seite steht, wie man geplatzten Bechern und rundum besudelten Einkäufen vorbeugt. Anforderungsprofil: Ich brauche einen Profi aus dem Beratungsgeschäft (Obacht, hehe: Hier kündigt sich eine Polit-Pointe an!), der viel Erfahrung mit schmierigen Angelegenheiten hat. Meischberger wäre keine schlechte Wahl. Ich hoffe, er hat noch Termine frei und ich kann ihn mir leisten. (Christoph Winder, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 19./20. Februar 2011)

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