Rot-grüne Klausur: "Sie werden staunen"

Lukas Kapeller, 18. Februar 2011, 15:02
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    Vassilakou, Brauner, Häupl: Wo Rot-Grün ist, herrscht Stimmung.

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    Regieren macht in Wien offenbar auch mit Koalitionspartner Freude.

Häupl und Vassilakou immer noch in bester Regierungslaune - Einigkeit herrscht auch in der scharfen Kritik an Fekters Fremdenrechtsplänen

Wien - Erst der Fotografen Blitz, dann des Bürgermeisters Witz. "Ganz genau weiß ich nicht, was Ihre Erwartungshaltung heute ist", flachste Stadtoberhaupt Michael Häupl (SPÖ) den in Fülle versammelten Journalisten entgegen. "Aber ich weiß ganz genau, was zu tun ist für diese Stadt: seriöse Arbeit." Kurz nach Freitagmittag trat die Spitze der rot-grünen Wiener Stadtregierung, neben Häupl die Vizebürgermeisterinnen Renate Brauner (SPÖ) und Maria Vassilakou (Grüne), während ihrer ersten Klausur vor die Presse: mit demonstrativer Gelassenheit und immer noch in Harmonie.

Charta für Integration

Häupl macht den Anfang und parlierte also "in gebotener Kürze" über das Geplante: von neuer Infrastruktur bis noch besserer Integration. Damit diese gelinge, plant Rot-Grün einen "Charta-Prozess für Wien, einen Dialog-Prozess mit der gesamten Bevölkerung", sagte Häupl. Die Debatte, erklärte er einmal mehr, wolle er nicht den Straches und Sarrazins überlassen. Es werde aber nicht in den nächsten Monaten ein Vertrag oder eine Charta formuliert und unterschrieben, vielmehr "wollen wir diesen Prozess behutsam vorbereiten. Das ist keine Verordnung." Die Medienvertreter bat er einzusehen, dass sich das als Thema nicht so einfach vermarkten lasse.

Vor der Ostöffnung des Arbeitsmarktes am 1. Mai fürchtet sich Häupl nicht. Am Nachmittag spricht die Regierung noch über bevorstehende Investitionen der Stadt vom Krankenhaus Nord bis zu noch mehr Kindergartenplätzen, von denen man mit bald 103 Prozent demnächst mehr anbieten werde, als Wien überhaupt Kinder hat. Angesichts der Wirtschaftskrise würden hier "gewaltige Dinge" passieren, die kaum eine andere europäische Stadt sich leisten könne. Seine langgediente Vize und Finanzstadträtin Brauner betonte ebenso, die Krise sei nicht vorbei. Die Arbeitslosigkeit sei seit Beginn der Wirtschaftskrise in Wien bis heute um 11 Prozent gestiegen, in ganz Österreich um 20.

Häupl verbittet sich Show-Politik

Erklärungen zur allgemeinen politischen Stimmung überließ Brauner dem Bürgermeister, obwohl der auch keine sonderliche Lust dazu hatte. "Wo war die Leistung?", hatte etwa der Wiener FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus vor der Klausur gefragt. Das Murren von Medien und Opposition über ein Zu-wenig oder Zu-langsam der rot-grünen Stadtkoalition nahm er demonstrativ nicht ganz ernst. Für oberflächliche Botschaften nach 100 Tagen stehe er nicht zur Verfügung, sagte Häupl auf Nachfrage.

Vor allem die Wiener Grünen mussten sich in den vergangenen Wochen Kritik anhören. Der Wiener Alt-ÖVP-Obmann Erhard Busek spottete in der ATV-Sendung "Am Punkt" über die lahme Performance der Grünen. Politikberater Thomas Hofer meinte am Donnerstag in der "ZiB 2": "Man muss schon sagen, dass die Grünen in Wien derzeit nicht vom Fleck kommen."

Vassilakou "stolz auf Tempo"

Vizebürgermeisterin Vassilakou wollte bei der Pressekonferenz davon naturgemäß nichts wissen. "Dieses Tempo kann sich nicht nur sehen lassen, darauf sind wir stolz." In ihrem Ressort seien Studien über die autofreie Mariahilfer Straße in Auftrag gegeben worden, die Kommission für Parkraumbewirtschaftung - eine Ausweitung ab 2012 ist wahrscheinlich - sei eingesetzt, und die neue Magistratsabteilung 20 für Energieplanung gebe es schon. Neue Fußgängerzonen, neue Straßenbahnlinien und Stadtgebiete seien aber "nicht über Nacht" realisierbar. Vassilkou: "Schauen Sie sich das in einem Jahr an! Sie werden staunen."

Wiens Grünen-Chefin versprach für nächstes Jahr ein ausgereiftes Carsharing nach dem Vorbild deutscher Großstädte. Dieses werde weit über eine Wohnanlage hinausgehen. "Wir alle gehen gerne auch einmal ins Wirtshaus etwas trinken, deswegen kaufen wir uns aber kein Wirtshaus", legte Vassilakou dar. "Wir finden eins vor, wenn wir eins brauchen." So solle das in Wien auch mit Automobilen werden.

Widerstand gegen Fekter

Einig waren sich Häupl und Vassilakou in der Kritik an der geplanten Fremdenrechtsnovelle von Maria Fekter (ÖVP). "Es tut mir leid, Frau Innenministerin", sagte Häupl. "Wir halten Deutsch vor Zuzug für einen völlig falschen Weg." Vassilakou kritisierte außerdem die geplanten hohen Anforderungen für Ausländer, die ihr Studium abgeschlossen haben und in Österreich bleiben wollen. Dass diese sofort ein relativ hohes Mindesteinkommen erreichen müssen, findet Vassilakou "Unsinn". Nach dieser Regelung hätte sie in den Neunziger Jahren selbst nicht in Österreich bleiben dürfen. (Lukas Kapeller, derStandard.at, 18.2.2011)

Kommentar posten
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Pessimist-Realist
 
00
25.3.2011, 12:54
"Sie werden staunen"

Das deren Ego noch ins Rathaus passt - schon erstaunlich. ;-)
Warten wir mal das erste Jahr ab - bis jetzt ist die Zeit ja nur durch grüne Umfaller gekennzeichnet (und Rügen durch den Häupl ;-) ).
Insofern: Wird die FPÖ bei der nächsten Wahl nicht "nur" so wenige %-Pkt.e haben. ;-)

Gerhard Schwarz
 
25
19.2.2011, 18:55

das politische tempo der grünen ist äusserst umweltfreundlich, die ankündigungen sind vielversprechend und die unaufgeregtheit ist seriös. die vertrauensseligkeit gegenüber dem sp-magistratsapparat ist ein naiver pragmatischer vertrauensvorschuss, aber nicht unbedingt falsch.
die soziale komponente ist entwickelbar, da sollte nachgeholfen werden. insgesamt haben sie noch nichts falsch gemacht. sauer werd ich falls sie den neoliberalen ausgliederungsschmus kommunaler dienstleistungen mitmachen wollen. ab dann wären sie politische gegner einer sozialen stadtpolitik. aber noch kann man das den grünen nicht unterstellen.

Mathias
 
00
24.2.2011, 15:17
die Grünen machen es wie Apple ;-)

junjunjun
33
19.2.2011, 18:42
hä?

ich habe von den grünen seit der koalitionsbildung sehr viel gehört. für mich sind sie seit dem präsenter denn je und ich habe auch den eindruck, dass sich immens was tut. die alten spö-strukturen werden aufgelockert und es beginnt ein umdenken, ja sogar ein neuer schwung, freude, wieder in die gänge kommen.

ich freue mich sehr, dass die roten mit den grünen und umgekehrt so gut können. hoffentlich bleibt das so.

USV
00
19.2.2011, 18:04
armer Michel...

er tut mir wirklich leid!
Da hat er jetzt zwei Weiber links und rechts neben sich - und nicht eine ist sein Typ....

USV
01
19.2.2011, 18:01
"Sie werden staunen"

ich habe schon genug gestaunt!

rroobbeerrtt
511
19.2.2011, 16:58
verantwortungslos

wer sarrazin nicht ernst nimmt, treibt die wähler geradezu in die hände der FPÖ!

Tintifax2000
134
19.2.2011, 17:01
wow ...

... ein spd-versorgungsposten-typ schreibt ein buch mit thesen die allesamt sofort widerlegt sind - und Sie meinen man solle ihn "ernst nehmen" - da Sie ja offenbar ein profundes Fachwissen haben, lassen Sie uns teilhaben: welche maßnahmen soll man denn von Herrn Sarazin ableiten ?

teflon
 
10
19.2.2011, 19:03

..er meinte: wer die von Sarrazin ausgehende Gefahr nicht Ernst nimmt. So versteh ichs wenigstens. Und damit hat er Recht.

byron sully
32
19.2.2011, 18:41

ich denke sehr wohl, daß man sarrazin ernst nehmen sollte - aber in dem sinn, daß man sich von seinen abstrusen rassismen ganz klar distanziert. der mensch ist leider (aufgrund der sympathien, die er in teilen der bevölkerung genießt) höchst gefährlich und nicht bloß der unbedeutende siebte zweg von rechts.

Enrico Furioso
03
19.2.2011, 21:21
"aufgrund der sympathien, die er in teilen der bevölkerung genießt"

Die Frage ist: warum genießt er diese Sympathien? (übrigens nicht nur "in Teilen der Bevölkerung", sondern, wie Umfragen ergaben, sogar in der Bevölkerungsmehrheit)

Dieser Frage müsste man sich mal ehrlich stellen.

byron sully
31
19.2.2011, 21:54

warum? weil rechtspopulistische stimmungsmache gegen migrantInnen heute mehrheits- und salonähig ist und zum guten ton gehört. zum glück spiegelt sich das in deutschland (im unterschied zu österreich) bislang nicht in wahlergebnissen wider.
in der arbeiterschaft steckt eher keine originär böse absicht dahinter, da werden berechtigte sorgen um die eigene soziale situation anstatt am kapitalismus an den migrantInnen ausgelassen (an schwächeren läßt es sich halt elichter auslassen als an stärkeren). daß aber leider auch ein teil des bürgertums, der sozial nicht so gefährdet ist, auf diesen zug aufspringt, könnte sehr fatale folgen haben.

zkk
 
00
21.2.2011, 10:41
diese "stimmungsmache" belegt er anhand von einschlägigen zahlen aus seiner zeit als finanzsenator in berlin.

lesen sie das buch (ich weiß, ist mühsam, lohnt sich aber).

auch wenn sie nicht mit ihm in seinen schlußfolgerungen übereinstimmen so sind die zahlen nicht "getürkt" (und nein, das ist nicht ras.sis.tisch ... ;o) ).

wenn die rot-grüne stadtregierung der schrankenlosen zuwanderung weiterhin das wort redet, wird 2015 in wien es zu einer dramatischen wählerverschiebung hin zu den blauen kommen, die "migrationsentwicklung" in wien entscheidet die nächste wahl, daher sollten rot-grün dieses thema ernster nehmen als radstrassen in der innenstadt (denn in den bevölkerungreichsten bezirken - 10,21,22 - wird die wahl entschieden und dort sind radstrassen in der priorität ganz unten), sie sollten sich FÜR eine gezielte zuwanderung einsetzen.

byron sully
00
21.2.2011, 13:22

"wenn die rot-grüne stadtregierung der schrankenlosen zuwanderung weiterhin das wort redet..."

ich frag mich, ob diese unwahre behauptung auf dummheit oder auf blödheit basiert...

zkk
 
00
21.2.2011, 13:35
geh bitte, wer sich hier du*m stellt ist wohl offenkundig.

herr häupl sagt "deutsch vor zuzug" geht nicht.

zur erinnerung: mit der rwr-card wird ja höher qualifizierten die deutschpflicht nicht auferlegt, minder qualifizierte müssen jedoch zumindest die deutsche sprache beherrschen, sonst ist es eine reine zuwanderung ins sozialsystem oder führt zu lohndumping bei ungelernten hilsfarbeitern, was ja auch nicht im sinne einer sozialen arbeitsmarktpolitik wäre, oder?

wenn also die rot-grüne wr. stadtregierung gegen die vom bund geplante rwr-card mit "deutsch vor zuzug" ist, dann lese ich daraus, dass sie für eine "schrankenlose zuwanderung" ist (also mehr oder weniger den wr. status quo beibehalten will).

nur meine interpretation der aussagen häupls und vassilakous.

ihre?

byron sully
00
21.2.2011, 13:44

auf so einen primitiven unsinn mag ich echt nicht mehr eingehen. weder gibt es heute einen schrankenlosen zuzug noch spricht sich die wiener stadtregierung für einen solchen aus.

zkk
 
00
21.2.2011, 13:53
gut, wie immer der gute mensch glaubt,

realitätsverweigerung per sempre. ignorieren ist auch ein pol. statement.

wünsche ein schönes erwachen nach dem nächsten wahltag.

btw: dachte bis dato, sie sind ein ernst zu nehmender gesprächspartner, habe mich offensichtlich geirrt. mein fehler.

byron sully
00
21.2.2011, 16:35

wenn sie ihre unwahrheit (die behauptung mit der schrankenlosen zuwanderung) zurücknehmen, können wir ja weiterdiskutieren. auf basis von bewußter verdrehung der tatsachen seh ich aber keinen sinn darin. außer, für sie ist (wie es offenbar der fall sein dürfte) jegliche zuwanderung, die größer als null ist, eine schrankenlose.

Mag.a Draude Resom
05
19.2.2011, 19:20
Selbst Alt BK Helmut Schmidt gibt Sarazin in weiten Strecken Recht, nur die Sarrazins Thesen der Vererbung trägt Schmidt nicht mit.

Byron ist bleibt ein Extrem Linker, dem es schwer fällt andere Standpunkte als die seinen zu akzeptieren.

Walter J. Ferstl
00
23.2.2011, 13:05
Zu der hohen Zustimmung,...

... die Sarrazin erschreckenderweise findet, siehe:

Die Verrohung der Mittelschicht
Jens Berger 23.12.2010
Kann sich Geschichte wiederholen? Die Krise hat Deutschland getroffen und das Bürgertum setzt seine hässlichste Fratze auf: Sozialdarwinismus, Fremdenfeindlichkeit und die Ablehnung der Demokratie

...zeigte beispielsweise eine Podiumsdiskussion anlässlich Thilo Sarrazins Buchvorstellung in der Münchner Reithalle im September dieses Jahres. Neben dem ehemaligen Bundesbanker nahmen der Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart und der Soziologie-Professor Armin Nassehi an der Diskussion teil - doch die beiden gemäßigten Diskutanten wurden vom Publikum selbst bei sehr neutral formulierter Kritik an den sarrazinesken Ausfällen...

Walter J. Ferstl
00
23.2.2011, 13:15
FS: "Die Verrohung der Mittelschicht"

... gnadenlos ausgebuht und ausgepfiffen. All dies wäre wenig überraschend gewesen, wenn das Publikum auf Einladung eines rechtsextremen Blogs gekommen wäre. Das Reithallenpublikum [...] bestand jedoch aus dem gediegenen Münchner Bürgertum, die Diskussionsrunde wurde vom Münchner Literaturhaus veranstaltet. Nicht nur Steingart und Nassehi waren sichtlich schockiert von der demonstrativen Verrohung des bürgerlichen Publikums. Der SZ-Journalist Fahrenholz ließ sich gar zu dem vernichtenden Kommentar hinreißen, dass "in der Reithalle ein Hauch von Sportpalast [...]"

http://www.heise.de/tp/r4/art... 857/1.html
http://www.sueddeutsche.de/muenchen/... -1.1006734

byron sully
31
19.2.2011, 22:00

helmut schmidt gehört auch nicht unbedingt zu den personen, für die ich viel übrig hab (von den beiden helmuts ist mir kohl eigentlich der noch liebere).

Franz Klug
10
19.2.2011, 21:20
Ach, geh: Lord Byron ist ein

aufgeklärter Mensch und kein extremer Linker!
Und ich habe nur selten, bis gar nicht erlebt, dass hier im Forum jemand seinen STandpunkt ändert.
Ist ja auch okay, sonst wäre ja das Forum überflüssig, wenn jeder den Standpunkt der anderen akzeptiert bräuchten wir hier ja gar nicht diskutieren!

Gus N. Power
315
19.2.2011, 16:10
Häupl weiß was zu tun ist

noch mehr Türkenviertel!

Mick_Jagger
40
19.2.2011, 17:44
na jedenfalls besser

als so mancher einheimischer Primitivo

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