"Bayern hat eine Rechung mit uns offen"

18. Februar 2011, 15:30
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Mainz trifft auf den Rekordmeister, Christian Fuchs traut seiner Mann­schaft Erfolg zu - Nord-Derby HSV gegen Werder im Zeichen der Krise - Herr Litti greift durch - Pauli will in Dortmund siegen

Hamburg/Mainz - Keine zwei Jahre ist es her, da marschierte der VfL Wolfsburg unaufhaltsam zur deutschen Fußball-Meisterschaft. Werder Bremen und der Hamburger SV standen sich in den Halbfinals sowohl im UEFA-Cup als auch des DFB-Pokals gegenüber. Der Norden stand im deutschen Fußball da, wo er auch auf der Landkarte zu finden ist: ganz oben. Doch die Zeiten haben sich geändert - und das ziemlich dramatisch.

Im Derby zwischen dem HSV und Werder am Samstag geht es diesmal nicht um irgendwelche Hauptpreise. Der Klassiker ist ein Krisengipfel. Werder braucht jeden Punkt gegen den drohenden Abstieg, der HSV muss nach der blamablen Pleite im Stadtduell gegen St. Pauli am vergangenen Mittwoch seine Fans versöhnen.

58 Millionen für nichts

Wolfsburg ist inzwischen nur noch Transfermeister und ebenfalls dick im Abstiegsgeschäft. Seit Dieter Hoeneß dort vor einem Jahr als Sportchef angeheuert hat, gibt er das Geld aus wie ein Kind ohne Taschengeldlimit im Süßigkeitenladen. 58 Millionen Euro hat er in dieser Saison investiert. Alles teuer, aber nichts schmeckt. Der beförderte Assistent Pierre Littbarski ist mittlerweile der vierte Trainer unter Hoeneß nach Armin Veh, Lorenz-Günther Köstner und Steve McClaren. Der Weltmeister von 1990 greift durch. Er lässt sich siezen: "Trainer" oder "Herr Littbarski". Ein "Litti" existiert für die Spieler nicht mehr.

Vor der Partie beim SC Freiburg gab Littbarski den harten Mann und suspendierte er Alexander Madlung und Thomas Kahlenberg. "Ich brauche Spieler, die mit 100 Prozent bei der Sache sind", sagt er. Die Denkpause für Diego ist nach einem Spiel mit der Niederlage gegen den HSV wieder beendet: "Wir wissen, dass wir ihn brauchen. Wir werden am ihm noch viel Freude haben." Ob das Überzeugung ist, oder nur Hoffnung, weiß man nicht.

Pizarro erneut verletzt

Als der Brasilianer vor zwei Jahren noch gemeinsam mit Mesut Özil bei Werder kickte, standen die Grün-Weißen für offensiven Spaßfußball wie kein anderes Team. Die Abwehrschwächen wurden durch die Offensivstärke verdeckt, jetzt sind nur noch die Abwehrschwächen übrig. Sportchef Klaus Allofs und Trainer Thomas Schaaf haben in ihrer langen gemeinsamen Zeit bei Werder  viel richtig gemacht. Seit zwei Jahren aber hat sie augenscheinlich das Glück verlassen. Dass Marko Marin und Aaron Hunt die fehlende Kreativität von Özil ausgleichen könnten, erwies sich als fatale Fehleinschätzung.

Der unersetzliche Torjäger Claudio Pizarro wird älter und verletzungsanfälliger, bei Marko Arnautovic wartet noch viel Erziehungsarbeit. Gegen den HSV fehlt der Peruaner bereits das vierte Mal in dieser Saison wegen einer Muskelverletzung. Dazu kommt noch das Verletzungspech mit Innenverteidiger Naldo, der wegen seiner Knieprobleme noch monatelang ausfällt. Auch Zugang Wesley fiel lange aus.

Der HSV ist also von der Papierform her am Samstag Favorit. Wäre da nicht die akute Krisenstimmung. Was den Gefühlshaushalt betrifft, gleicht Hamburg fast einem Absteiger, tatsächlich liegt es auf Platz sieben und kann trotz der Niederlage gegen St. Pauli bei noch zwölf ausstehenden Spielen sein Saisonziel Europacup locker erreichen. Allein, es fehlt der Glaube an eine Mannschaft, die seit zwei Jahren immer versagt, wenn es drauf ankommt. Vereinsidol Uwe Seeler hat via Bild-Zeitung Konsequenzen gefordert. "Für die neue Saison sollte man richtig neu planen. Man braucht eine Linie und muss wissen, was man will. Das stimmt derzeit nicht", sagte der 74-Jährige: "Im ganzen Verein fehlt der Zug."

Der HSV steht also wieder einmal vor dem großen Umbruch. Nicht nur personell im teilweise überalterten Team. Auch die Zukunft von Vorstandschef Bernd Hoffmann und Trainer Armin Veh ist keinesfalls sicher.

Pauli will "Sieg in Dortmund"

Lokalrivale St. Pauli als beste Mannschaft der Bundesliga-Rückrunde reist dagegen voller Selbstvertrauen zu Leader Dortmund. "Wir wollen mit einem Sieg in Dortmund den nächsten Schritt zu unserem Ziel, 40 Punkte plus, gehen", ließ Trainer Holger Stanislawski wissen.

Die Ausbeute des Underdogs von elf Punkten nach drei Siegen und zwei Unentschieden seit der Jahreswende haben auch bei BVB-Coach Jürgen Klopp Eindruck hinterlassen. "Sie haben auch in Hamburg leidenschaftlich gekämpft und ihr Spiel durchgezogen", resümierte der 43-Jährige. "Wir haben in der Rückrunde auch noch nicht verloren und neun Punkte geholt, das ist nicht dramatisch schlecht. Außerdem haben wir in den letzten vier Spielen nur zwei Gegentore bekommen. Sollte wir diese Statistik aufrechterhalten, wäre das ein relativ großes Qualitätsmerkmal, und das ist für mich wichtig", ergänzte Klopp in Anspielung auf die zahlreichen vergebenen Torchancen.

Fuchs: Können Bayern schlagen

Seinem Amtskollegen Thomas Tuchel aus Mainz steht ein besonders stressiges Wochenende bevor. Denn ausgerechnet am Samstag (18.30 Uhr), wenn Rekordmeister Bayern München am Bruchweg aufläuft, soll nach den Prognosen der Ärzte sein zweites Kind geboren werden. Seine Mannschft konnte von den letzten sechs Heimspielen nur eines gewinnen (zuletzt 3:0 gegen Nürnberg am 26. November). "Dennoch wird das kein Selbstläufer", warnte Bayern-Kapitän Philipp Lahm.

"Wir stehen vor entscheidenden Wochen. Wenn wir nicht gewinnen, wir es eng. Aber in Mainz ist es eher logisch, dass wir gewinnen", meinte Bayern-Trainer Louis van Gaal. Der Niederländer versucht, die Neuauflage des Champions-League-Finales im Achtelfinale des Wettbewerbs am Mittwoch bei Inter Mailand vorerst aus den Köpfen der Spieler zu verbannen: "Wie gut das gelungen ist, werden wir sehen."

Christian Fuchs weiß: "Bayern hat mit uns eine Rechnung offen, das ist uns klar". Er spricht damit den 2:1 Sieg in München im letzten Herbst an. "Natürlich sind auch wir mit den letzten Spielen nicht zufrieden. Aber spielerisch hat es mit Ausnahme des Köln-Spiels immer gut geklappt", sagt der Österreicher über die bisher nicht ganz gelungene Rückrunde der Mainzer. Er zählte auch in den letzten Partien zu den Aktivposten, war an einigen Treffern beteiligt, zuletzt bereitete er das 2:4 gegen Köln vor.

Robben, Ribéry, Müller und Gomez lassen Fuchs nicht in Ehrfurcht erstarren: "Robben musst du sofort attackieren, wenn du ihn auf den ersten Metern nicht störst, ist er weg. Du musst ihm schon bei der Ballannahme auf den Zehen stehen", weiß der Linksverteidiger. "Ich traue uns einen Sieg gegen Bayern München zu. Voraussetzung ist, dass jeder einzelne von uns die Vorgaben des Trainers voll konzentriert und diszipliniert erfüllt."

Pogatetz vor neuen Zielen

Emanuel Pogatetz trifft mit Hannover 96 auf Kaiserslautern und meint: "Das ist wahrscheinlich unser wichtigstes Match der Saison, fast ein Matchball. Wenn wir gewinnen, haben wir 41 Punkte und uns endgültig oben festgesetzt. Dann können wir ein Ziel abhaken und uns neue stecken. Mit 41 Zählern müssen wir einen Europacup-Startplatz anvisieren." Der Innenverteidiger wird sich mit dem Kroaten Srdjan Lakic auseinander setzen müssen. "Ein sehr kampfstarker Stürmer mit Qualitäten in der Luft", zeigte Pogatetz vor seinem Gegenspieler Respekt, der in der kommenden Saison in Wolfsburg spielen wird.

"Es wird sehr schwer, weil sich Lautern hinten reinstellen wird und wir das Spiel machen müssen. Und das ist nicht unbedingt unsere größte Stärke", sagte  Pogatetz. Lautern erwartet ein ausverkauftes Stadion und eine enthusiastische Stimmung. "Die Fans spüren, dass in dieser Saison noch sehr viel für uns drin ist. Wir müssen Geduld haben und dürfen uns nicht auskontern lassen, wenn uns das Publikum nach vorne treibt", warnte Pogatetz seine vierplatzierten Niedersachsen gegen den Drittletzten. (red/sid)

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    Christian Fuchs und die Bayern: "Robben auf den Zehen stehen"

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