Wie man sich selbst am besten (nicht) lahmlegt

18. Februar 2011, 19:31
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Anfangen, in Alternativen zu denken: Diese Übung wird immer mehr zu einer zentralen Fähigkeit, um im Hochleistungsmarathon des Berufes zu bestehen

Arbeit wird in immer mehr Bereichen zu einem Hochleistungsmarathon. Die sich wechselseitig antreibenden Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft werden immer schneller und sorgen für ein ständig wachsendes berufliches Anforderungsniveau. Gekrönt wird das Ganze noch mit einem ganz speziellen "Sahnehäubchen": dem, so die Fachleute, "durchsetzungsintensiver" werdenden zwischenmenschlichen Wettbewerb.

Da mitzuhalten und im Rennen zu bleiben, das fordert nicht nur einen immer stärkeren Einsatz, sondern auch einen ausgeprägten Anpassungs- und Durchhaltewillen. Dazu braucht es psychomentale Stärke. Die klassische berufliche Weiterbildung allein genügt unter diesen Rahmenbedingungen nicht mehr. Für die persönliche berufliche Werterhaltung wird die Sorge um innere Stabilität und Widerstandskraft, Resilienz in den Worten der Psychologen, immer wichtiger. Und die entsprechende Vorsorge.

Ausgedehnte Vorsorgearbeit

Um Selbstdemontage vorzubeugen, muss die entsprechende Vorsorgearbeit von der rein körperlichen Gesundheitspflege auf die geistig-seelische Ebene ausgedehnt werden. Ein wichtiges Stichwort dazu heißt Gedanken- und Vorstellungs-, Bewusstseinssteuerung also. Die Psychologieprofessorin Carol Dweck von der amerikanischen Stanford University spricht in diesem Zusammenhang von der dringenden Notwendigkeit, das blockierende statische Selbstbild gegen ein dynamisches auszutauschen.

Womit sie nichts anderes anregt, als sich der wie auch immer im Lebenslauf erworbenen Denk- und Handlungsmuster inklusive der dahinterstehenden Überzeugungen bewusst zu werden. Was praktisch nichts anderes bedeutet, als einfach mal anzufangen, in Alternativen zu denken. Für viele eine sehr vernachlässigte Art der Hirnbenutzung. Diese Vernachlässigung ist gefährlich. Beschwört eingeengtes, alternativloses Denken doch geradezu die Gefahr herauf, so der Hinweis von Dweck, sich in einer dynamischen Welt mit statischem Denken zum Strandgut des rasanten Veränderungsgeschehens zu machen.

Der Glaube und die Berge

"Egal, ob wir uns dieser Glaubenssätze bewusst sind oder nicht, sie haben einen großen Einfluss darauf, welche Ziele wir uns vornehmen und ob wir sie schließlich auch erreichen", betont Dweck. Und verweist darauf, dass ihre Untersuchungen zeigen, "dass eine Veränderung scheinbar ganz einfacher Glaubenssätze große Wirkung haben kann". Und zu diesen scheinbar ganz einfachen Glaubensätzen und Grundeinstellungen, sprich Überzeugungen, gehören für sie beispielsweise in viel zu vielen Köpfen herumspukende Vorstellungen wie: "Das geht so oder gar nicht", "Das ist alternativlos", "Man hat mich abgelehnt, ich bin zu dumm, da brauche ich mich gar nicht weiter zu bemühen."

Ratsam wäre also, sich einem Moment Zeit zu nehmen und eine entsprechende Selbstanalyse durchzuführen. Jeder dürfte rasch einschlägig irgendwie fündig werden. Und vermutlich auch erstaunt und erschrocken sein, was so alles an selbstlähmenden, wenig aufmunternd-voranweisenden Vorstellungen im eigenen Kopf herumspukt. Sinnvoll mithin, sich ein entsprechendes Korrekturprogramm zu verordnen.

Wie könnte das gehen? Professor Hans Eberspächer, anerkannter Vordenker und ausgewiesener Fachmann für Fragen des Selbstmanagements in Belastungssituationen und Mentales Training aus Dossenheim bei Heidelberg, hält es für wichtig, zunächst zu erkennen, "dass wir immer als erlebende Personen in erlebten Situationen handeln". Und dass "das jeweilige subjektive Situationsmodell unser Denken wie Handeln regiert". Eberspächers "subjektives Situationsmodell", das ist Dwecks statisches Selbstbild. Glaubenssätze, Grundeinstellungen, Überzeugungen, kurz: Drehbücher im Kopf, die meist einer simplen, gefährlichen Wenn-dann-Logik folgen. Und damit einer der sichersten Garanten dafür sind, sich selber lahmzulegen.

Das Bemühen, das eigene Denken und das daraus hervorgehende Verhalten nicht von automatisierten statischen Vorstellungen und den so oft damit verbundenen Ängsten und Befürchtungen steuern zu lassen, entpuppt sich somit als die eigentliche Kunst der Bewährung und Behauptung im Beruf. Diese vorprogrammiert ablaufende Gedanken- und Handlungssteuerung, warnt Eberspächer, "ist der wirkungsvollste berufliche Stolperstein den man sich nur denken kann". Weshalb? Weil es weniger die Ereignisse an sich seien, die uns in Schwierigkeiten brächten, sondern unsere Ansichten davon. Und unsere daraus hervorgehenden hilflos-resignativen Einweg-Lösungsversuche.

Stolpern beginnt im Kopf

Dieser Hinweis sollte zum persönlichen Mantra erhoben werden. Das Wort kommt aus dem Sanskrit, bedeutet wörtlich "Instrument des Denkens" und bezeichnet eine meist kurze, formelhafte Wortfolge, die als Bewusstseinsbildner und -stabilisator anhaltend wiederholt wird. Herausforderungsfest in herausfordernder Zeit im Beruf zu stehen, das, wiederholt Eberspächer, heiße zu begreifen: Weniger das, was auf uns einstürmt, was bewältigt, durchgestanden, gelöst werden muss, laugt aus als die Art und Weise, wie im Kopf damit umgegangen wird. Stolpern, ob im Beruf oder sonst wo im Leben beginne immer im Kopf.

Um diese Gefahr "jede Minute am Tag zu bannen", empfiehlt er, sich "wenigstens" zwei wesentliche Elemente des mentalen Trainings aus dem Hochleistungssport zu eigen zu machen: die Selbstgesprächs- und die Vorstellungsregulation. Selbstgespräche und Handeln seien nicht voneinander zu trennen. Weniger Erfolgreiche legten sich mit Selbstzweifeln lahm, sie konzentrierten sich auf ihre Ängste und Befürchtungen. Erfolgreiche hingegen machten sich mit zuversichtlichen Gedanken Mut, fokussierten sich in ihren Selbstgesprächen auf ihre Aufgabe und brächten sich so voran. Zweckmäßig geführte Selbstgespräche, erläutert Eberspächer, "sollen das, was bewältigt oder erreicht werden muss, im Hinblick auf die Befindlichkeit, Motivation und Handlungsstrukturierung stützen und nicht stören".

Entsprechendes gelte für die Vorstellungen. Schließlich beeinflussten sie maßgeblich das, was nachfolgend von einem Menschen erlebt werde. Vorstellungen, erläutert Eberspächer, "schaffen die Erwartungshaltung, die sich auf Auftreten, Handeln und Überzeugungsfähigkeit, mithin auf die gesamte Performance auswirkt". Vorstellungen seien somit wichtige Prüf- und Führungsgrößen für das Handeln. Mit den Worten Carol Dwecks gesprochen, in einem statischen Selbstbild gefangene Vorstellungen machen passiv und verhindern jedes aktiv-kreativ-innovative Handeln. Und rufen in der persönlichen Außendarstellung im Gegenüber leicht die Vermutung von Unwillig-, oder, schlimmer noch, von Unfähigkeit hervor.

Csikszentmihalyi in Kürze

Zahlreiche Forschungsarbeiten belegen mittlerweile die Macht subjektiver Denkweisen. Zu den bekanntesten zählen die Untersuchungen des amerikanischen Motivationsforschers Mihaly Csikszentmihalyi. Unter dem Begriff "Flow" sind sie weltweit bekannt geworden. Knapp zusammengefasst lauten die Erkenntnisse des international renommierten Psychologieprofessors:

  • Alles, was wir erleben, wird im Bewusstsein als Information dargestellt. Können wir diese Informationen kontrollieren, können wir bestimmen, wie wir uns fühlen. Freude am und Offenheit gegenüber dem Leben hängt letztlich davon ab, wie der Verstand die tagtäglichen Erfahrungen filtert und deutet.
  • Ein Mensch kann sich glücklich oder unglücklich machen, unabhängig davon, was tatsächlich "draußen" geschieht, indem er den Inhalt seines Bewusstseins verändert. Immer wieder trifft man auf Menschen, die durch die Kraft ihres Denkens eine schwierige Situation in eine Herausforderung verwandeln und bewältigen.
  • Diese Fähigkeit, allen Hindernissen, Rückschlägen und Unsicherheiten zum Trotz nicht zu resignieren, ist die vermutlich wichtigste Voraussetzung für den Erfolg, die Lebensfreude und die Zufriedenheit. (Hartmut Volk, DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.2.2011)
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