Neuer Job: Teilzeitbanker im Projekt

18. Februar 2011, 19:29
9 Postings

Hunderttausende Banker und Broker suchen in den USA noch immer neuen Job

Auf dem Börsenparkett schlägt der Puls der Wall Street. Bei Harry's schlägt ihr Herz. Seit mehr als vier Jahrzehnten stoßen die Golden Boys der Finanzmeile in dieser Kneipe auf den Feierabend an. Nick Leopard, 30, und Andy Blechman, 27, sehen genauso aus, wie man sich erfolgreiche Investmentbanker vorstellt: jung, Gelfrisuren, perfekte Nadelstreifenanzüge. Exzellente Diplome zieren ihre Lebensläufe. Diplome, die ihnen selbst in Zeiten der Krise immer noch alle Türen öffnen würden.

Dennoch haben die beiden beschlossen, ihre Banker-Karrieren nicht weiterzuverfolgen und sich als Unternehmer zu versuchen. Leopard und Blechman sind die Gründer von Accordion Partners, einer Teilzeitagentur der völlig neuen Art: Sie vermittelt Finanzexperten auf Stundenbasis. Das Konzept funktioniert. Accordion kann sich vor Anfragen kaum retten.

Das hat auch mit den veränderten Marktbedürfnissen zu tun. Viele Firmen zögern aufgrund der immer noch unsicheren Wirtschaftslage, feste Mitarbeiter einzustellen. Andere sind schlicht zu klein, als dass sie sich teure Dauerexpertise leisten wollten.

Bestellte Arbeitskraft

Die New Yorker Datenbank Firma Netik LLC hat kürzlich 95 Stunden Arbeitskraft bei Accordion bestellt, um eine neue Finanzierungsrunde bei den Risikogeldgebern zu organisieren. "Die Jungs, die man uns gab, hatten kein Problem damit, stundenlang bei kalten Pizzen im Konferenzraum auszuharren", schwärmt Netik-CEO Rob Flatley. "Sie wussten, worauf es ankam, wir konnten ihre Expertise spielend leicht in unsere Modelle übertragen."

Auch an Personal mangelt es Accordion nicht. In den Akten der Agentur befinden sich mittlerweile die Lebensläufe von 1700 Bewerbern. Ausschlaggebend für den Zustrom sind in erster Linie die Nachwehen der schweren Wirtschaftflaute. 15 Millionen Amerikaner sind immer noch arbeitslos, für jede offene Stelle gibt es im Schnitt viereinhalb Bewerber. In der Finanzwelt ist die Lage etwas besser, aber auch da gibt es immer noch viel Aufholbedarf. Nach Angaben des Bureau of Labor Statistics sind fast 600.000 Menschen, die vorher bei einer Bank, Brokerfirma oder Versicherung gearbeitet haben, auf der Suche nach einem neuen Job.

Die schwierige Situation am Arbeitsmarkt erklärt aber nur zum Teil, warum Accordion so gefragt ist. Firmengründer Blechman spricht auch von einem generellen Sinneswandel bei den Arbeitnehmern. Die jüngere Generation, sagt er, lehne es ab, ihre Gesundheit und ihr Privatleben für eine Wall-Street-Karriere zu opfern: "Wir bekommen zig Bewerbungen von Bankern, die es einfach satt haben und umdenken wollen." Die Teilzeitfachkräfte von Accordion arbeiten auf Projektbasis. Sie können frei wählen, welchen Job sie annehmen wollen.

Antoine Farris, der seit einem Jahr bei der Vermittlungsagentur ist, nutzt die freie Zeit zwischen seinen Einsätzen für Reisen in seine Heimatstadt Detroit, wo er sich an einem Skate- und Snowboardladen beteiligt hat. Der 32-jährige ist nicht aus freien Stücken, sondern wegen eines Schicksalsschlags zur Teilzeitkraft geworden. Er hat jahrelang für die Investmentbank Bear Stearns gearbeitet. Als diese während der Krise von dem Rivalen J.P. Morgan übernommen wurde, verlor er seine Stelle. Heute ist Farris heidenfroh darüber. "Meine ehemaligen Kollegen schuften immer noch wie blöd, mindestens 80 Stunden in der Woche", sprudelt es aus ihm heraus. "Sie haben kaum Zeit, Sport zu machen, geschweige denn auszuschlafen."

Gutes Geld, kein Bonus

Wer sich bei Accordion qualifizieren will, muss mindestens drei Jahre Berufserfahrung bei einer großen Bank vorweisen können. Die Teilzeitfachkräfte werden nach den in der Branche üblichen Gehältern bezahlt, und sie haben auch Anrecht auf soziale Leistungen und Krankenversicherung. Jahresendboni, die in der Finanzindustrie den größten Teil der Einkommen ausmachen, dürfen sie natürlich nicht erwarten. Allerdings handelt ihre Agentur pro-rata Zusatzzahlungen mit den Arbeitgebern aus. "Monatsgehälter von bis zu 30.000 Dollar sind bei uns keine Seltenheit", versichert Blechman.

Accordion verfügt mittlerweile über einen festen Pool von 20 Analysten, die allerlei Spezialisierungen abdecken. Die einen arbeiten Finanzmodelle aus, andere machen Marktanalysen, wieder andere stellen Investorenprospekte zusammen. Leopard und Blechman planen, dieses Jahr mindestens 100 weitere Finanzexperten einzustellen.

Unorthodox wollen sie aber auf jeden Fall bleiben. Dafür spricht auch der kürzlich erfolgte Umzug in eine neue, größere Firmenzentrale. Accordion entschied sich für ein weiträumiges Loft im New Yorker Szeneviertel SoHo. "Die seelenlosen Wolkenkratzerbüros im Umfeld der Wall Street entsprechen einfach nicht unserer Firmenphilosophie", schmunzelt Leopard. "Wir arbeiten, um zu leben, und nicht umgekehrt."

Der Jungunternehmer spricht aus Erfahrung. Er hat der Wall Street einst aus familiären Gründen den Rücken gekehrt. Es ist fünf Uhr nachmittags, im Harry's beginnt jetzt die Happy Hour, aber Leopard trinkt seinen Martini aus. Er verabschiedet sich mit einem breiten Grinsen und sagt: "Sorry, Vater sein ist eben auch ein Teilzeitjob." (Beatrice Uerlings aus New York, DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.2.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Neuer Trend: Finanzexperten auf Stundenbasis

Share if you care.