Wenn Ärzte das Weite suchen

18. Februar 2011, 09:57
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In Österreich ist die Zahl der Ärzte, die es wegen der Arbeitsbedingungen ins Ausland zieht, gestiegen

Prag/Wien - Auf der Homepage der Gewerkschaft tschechischer Ärzte (Lok) konnte man auf einer rückwärts tickenden Uhr zusehen, wie die Zeit verrann im Streit um die Entlohnung der Mediziner. 3800 von 20.000 Krankenhausärzten hatten Ende 2010 ihre Auswanderung nach Deutschland oder Österreich in Aussicht gestellt, sollten ihre Löhne nicht angehoben werden. Mit Ende Februar wären die Kündigungen der Mediziner aus dem Nachbarland in Kraft getreten.

Mittwochabend meldeten Medien eine Einigung in dem Streit. Die Massenauswanderung sei abgewendet, die Löhne würden ab März um 8000 Kronen (330 Euro) im Monat erhöht. Spitalsärzte verdienten bisher in Tschechien im Durchschnitt zwischen 30.000 und 40.000 Kronen (rund 1230 bis 1640 Euro). Die Lok hatte im Rahmen der Protestaktion "Danke, wir gehen jetzt!" ursprünglich die rasche Aufstockung der Monatslöhne um 12.000 Kronen gefordert. Die Gewerkschaft sicherte beim nun erlangten Kompromiss zu, die Ärzte dazu aufzufordern, ihre Ende 2010 eingereichten Kündigungen zurückzuziehen.

Dem Beispiel der Ärzte waren in den vergangenen Tagen auch Polizisten und Feuerwehrleute gefolgt. Sie drohten wegen Sparmaßnahmen, die eine Lohnkürzung bei Staatsangestellten von zehn Prozent beinhalten, mit Massenkündigungen.

In Sachen Gesundheitsversorgung hatten die Kreishauptmänner, in deren Kompetenz die Krankenhäuser in Tschechien liegen, sich bereits in den vergangenen Wochen auf den Fall des Falles vorbereitet.

Wären die Ärzte tatsächlich abgewandert, wären nicht akute Operationen um Monate verschoben worden und Patienten früher zu entlassen gewesen. Premier Petr Neèas hatte vergangene Woche nach einer Sitzung des Sicherheitsrates des Landes sogar angekündigt, militärische Ärzte einsetzen zu wollen.

Raus aus Österreich

Diese Maßnahmen zu ergreifen sollte nun nicht notwendig sein. Internationale Wanderungsbewegungen von Ärzten in Länder mit besseren Arbeitsbedingungen, sind aber in ganz Europa längst Realität. Für österreichische Medizinstudenten mit frischem Abschluss, ist, wenn sie ins Ausland gehen, Deutschland das Zielland Nummer eins - Tendenz steigend.

Insgesamt waren Ende 2009 laut Österreichischer Ärztekammer (ÖÄK) 1759 Ärzte aus Österreich im nördlichen Nachbarland beschäftigt, der Großteil in Krankenhäusern. 2002 waren es noch knapp 800 gewesen, 2007 schon doppelt so viele. In dem nördlichen Nachbarland herrscht Ärztemangel. Für österreichische Jungmediziner eine Möglichkeit, rasch an einen - noch dazu überdurchschnittlich bezahlten - Turnusplatz zu gelangen.

Bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung sind es auch, die junge Ärzte in die Schweiz locken. 2003 waren es 78, 2008 hatte sich die Zahl vervierfacht. In Großbritannien arbeiten 285 Ärzte aus Österreich, in Dänemark, Schweden sind es ein paar Dutzend.

"Früher oder später wird es Probleme geben, wenn wir keine Ärzte in Ausbildung haben", lautet die Kritik der Ärztekammer. In zehn bis 15 Jahren könnte es demnach in Österreich zu einem Medizinermangel kommen.

Einer jener Ärzte, die nach dem Studium in Wien ins Ausland gegangen sind, ist der gebürtige Oberösterreicher Roman W. Mittlerweile arbeitet er seit dreieinhalb Jahren in einem Berner Krankenhaus. Grund für die Auswanderung westwärts war, dass er sofort zu arbeiten beginnen konnte: "Ich habe mein Studium im Sommer 2006 beendet und konnte bereits im September meine erste Stelle antreten", erzählt er.

Außerdem suchte er eine gute Ausbildung zum Orthopäden - und das, was er bis zum Abschluss in Österreich beobachtet hatte, habe er schlicht als "sinnlos" empfunden. Mediziner in Ausbildung würden in Österreich oft als "billige Arbeitskräfte oder Lückenbüßer" betrachtet, bekräftigt ÖÄK-Sprecher Martin Stickler.

Die Rechnung bekommen Patienten in Österreich bereits zu spüren: In ländlichen Regionen herrscht ein Engpass an Hausärzten. Verschärft wird das Problem durch die Schließung der Hausapotheken. Otto Pjeta, ÖÄK-Referent für Landmedizin, warnt: Rund 70 Ortschaften dürften ihren Hausarzt verlieren. (Gudrun Springer, Printausgabe, 18.2.2011)

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    Ein Arzt bei einer Protestaktion im tschechischen Tábor. Tschechische Spitalsärzte hielten die Hand für mehr Geld auf - hier eine Pappfigur - und erzielten einen Kompromiss.

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