SPÖ will Sitzenbleiben komplett abschaffen, ÖVP zögert noch

18. Februar 2011, 12:17
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ÖVP-Wissenschaftsministerin wartet nun auf "konkreten Vorschlag" der SPÖ

Wien - Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) startet einen neuen Versuch das "Sitzenbleiben" abzuschaffen. Das Wiederholen ganzer Schuljahre soll verhindert werden, die Umstellung auf ein Kurssystem ebnet den Weg dazu. Die Wissenschaftsministerin Karl (ÖVP) kündigt Gesprächsbereitschaft an, wartet aber auf einen konkreten Vorschlag Schmieds.

Grundsätzliche Unterstützung für die von Unterrichtsministerin Claudia Schmied angekündigte Umstellung der Oberstufenschulen auf ein Kurssystem ab 2012 kommt von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl. Dieses Ziel sei auch im ÖVP-Bildungskonzept enthalten, "Sitzenbleiben" könne so weitgehend verhindert werden, so Karl am Freitag in einer Aussendung. Allerdings erwartet die Wissenschaftsministerin nun einen konkreten Vorschlag Schmieds.

ÖVP: Modulsystem auch in NMS und AHS-Unterstufe

Auch die ÖVP will, dass Schüler in der Oberstufe künftig nicht mehr ganze Schuljahre wiederholen müssen, sondern nur jene Fächer, in denen sie Lernschwächen zeigen. Das Wiederholen ganzer Schuljahre solle nur mehr als letztes Mittel erhalten bleiben. "Wir sind zu Gesprächen bereit. Die wesentlichen Rahmenbedingungen für eine Umsetzung wie etwa ein entsprechendes Fördersystem fehlen noch", so Karl.

In ihrem Bildungsprogramm hatte die ÖVP sich in puncto Sitzenbleiben nicht nur klarer positioniert, sondern sogar weitgehendere Reformen als die von Schmied angekündigten gefordert: Nicht nur in der Oberstufe, auch in der Neuen Mittelschule (NMS) und der AHS-Unterstufe sollen Schüler nur noch die Module wiederholen, in denen sie Defizite haben.

Ab kommendem Schuljahr

Schmied sagte schon am Donnerstagabend in der "ZIB24" im ORF, sie sehe einen Konsens mit dem Koalitionspartner ÖVP, das Sitzenbleiben beginnend ab dem kommenden Schuljahr abzuschaffen. Die ÖVP sei in dieser Frage "an Bord", sagte Schmied. "Ich gehe davon aus, dass wir das gemeinsam machen", verwies die Ministerin auf Gespräche mit Wissenschaftsministerin Karl.

"Das nehmen wir uns vor." Schmied verwies auch auf die - stufenweise - geplante Einführung eines Kurssystems (Modulsystems) an der AHS-Oberstufe bzw. an den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS), wobei nicht ein gesamtes Schuljahr wiederholt werden müsse.

Schmied zeigte sich zuversichtlich, dass in den nächsten Wochen Verhandlungen über ein neues Lehrerdienstrecht beginnen könnten. Hinsichtlich "Abwanderungstendenzen" österreichischer Lehrer ins benachbarte Ausland betonte die Unterrichtsministerin die Punkte Entlohnung und Arbeitszeitmodelle beim Dienstrecht. Die Einstiegsgehälter für Lehrer müssten künftig attraktiver sein. "Hier müssen wir wettbewerbsfähig sein", sagte die SPÖ-Politikerin.

BZÖ: "Endlich auch was umsetzen"

Das BZÖ reklamierte Schmieds Vorstoß gleich für sich: Mit dem Vorschlag habe sie "wieder einmal auf das BZÖ-Bildungskonzept zurückgegriffen", so Bildungssprecherin Ursula Haubner in einer Aussendung. Allerdings solle Schmied "nicht immer nur Änderungen ankündigen, sondern endlich auch etwas umsetzen": "Das BZÖ wird der Ministerin diesbezüglich Schützenhilfe geben und einen entsprechenden Antrag stellen. Dann kann Schmied zeigen, ob sie sich in ihrer Partei einmal durchsetzen kann", so Haubner.

FPÖ: "Linke Spaßpädagogik"

Ganz anders die FPÖ, die "linke Spaßpädagogik" am Werk sieht: "Dass die Linke vom Leistungsprinzip nicht viel hält und Kindern den Hochschulabschluss am liebsten mit der Geburtsurkunde überreichen möchte, ist hinlänglich bekannt", meinte Bildungssprecher Walter Rosenkranz in einer Aussendung. "Umso verwunderlicher" ist es für ihn, "dass sich für diese sozialromantischen Utopien auch die ÖVP in Person von BM Karl hergibt".

Androsch: Sitzenbleiben muss Ausnahme im Extremfall sein

Ambivalent sieht der Industrielle und ehemalige Vizekanzler Hannes Androsch die Ankündigung von Unterrichtsministerin Schmied: "Sitzenbleiben kann kein bildungspolitisches Ziel sein, sondern nur eine Ausnahme im Extremfall", so Androsch bei einer Pressekonferenz am Freitag. Er halte aber überhaupt nichts von punktuellen Ankündigungen, wenn man dafür keine Voraussetzungen schaffe.

Androschs Bildungsvolksbegehren steht unter dem Motto "Österreich darf nicht sitzen bleiben" und enthält auch die Forderung nach einem "systematischen Abschaffen des Sitzenbleibens". Zur nunmehrigen Initiative Schmieds meinte er: "Das sind Zielsetzungen, die man nur unterschreiben kann, aber man muss auch die Voraussetzungen dafür schaffen." (APA/red)

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