Alle Depperten herschauen! Auch so funktioniert Politik

17. Februar 2011, 18:33
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Wahlen sind zwar erst 2013 - Aber wenn es weiter so läuft, wie es läuft, dann fährt der Zug in Richtung Strache und FPÖ

Der blaue Parteichef entspricht ja auch dem geheimen Idealtypus des bürgerlichen Subjekts.

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In den letzten Wochen ließen einige Meinungsumfragen aufhorchen, die von einem Kopf-an-Kopf-Rennen dreier Parteien in der Wählergunst sprechen. SPÖ, ÖVP und FPÖ sollen ungefähr gleichauf liegen. Bei den 14 bis 29jährigen sollen sich bereits über 40 Prozent für die FPÖ begeistern. Tendenz steigend. Stimmen diese Zahlen auch nur annähernd, dann besteht durchaus eine realistische Chance, dass die FPÖ unter Heinz Christian Strache zur Nummer Eins aufsteigt.

Geht es um die Freiheitlichen, dann betonen die allermeisten Politiker und Kommentatoren stets den Dissens und nicht den Konsens. Das ist schon etwas eigenartig, wenn man bedenkt, dass die Leitwerte, also die Bekenntnisse zu Privateigentum und Eigeninitiative, Arbeit und Leistung, Abendland und Marktwirtschaft, sowohl von Strache als auch von seinen Gegnern geteilt werden. Was unterscheidet, ist die rabiate Konsequenz, mit der er manches einfordert und betreibt.

Inhaltlich gibt man sich recht konventionell. Im Entwurf für ein neues Grundsatzprogramm heißt es, dass die Freiheitlichen sich zu einer Kultur bekennen, die auf "der griechischen Philosophie, dem römischen Recht, dem germanischen Freiheitswillen, dem Judentum, dem Christentum und der Weiterentwicklung durch Reformation, Humanismus und Aufklärung" aufbaut. Nimmt man mal die freien Germanen raus, dann könnte das im Programm jeder etablierten Formation stehen.

Der zu erwartende Wählerruck ist nicht unbedingt ein Rechtsruck. Erstens sind die Strache-Wähler nicht mehrheitlich als rechts oder gar rechtsextrem zu qualifizieren, sondern großteils eine indifferente Masse, die mehr auf die konformistische Rebellion als auf die konformistische Langeweile anspricht. Und zweitens flüchten die meisten Wähler zusehends in den Wahlabsentismus, in die zu Unrecht viel gescholtene Politikverdrossenheit.

Der allerbeschränkteste Ansatz ist wohl der, zu behaupten, dass es sich hier um nichts weniger als modernisierte Nazis handelt. Zweifellos, es gibt dort Leute mit ausgeprägter Nähe zum Faschismus. Diese Referenz ist nicht wegzudenken. Allerdings wäre es fatal, die FPÖ darauf reduzieren zu wollen. Die Freiheitlichen sind um vieles breiter aufgestellt. Die zahmeren Töne sind also nicht bloß Kalkül, sondern entsprechen durchaus dem zusammengestohlenen Publikum. Dieses als ewiggestrig zu betrachten, ist wahrlich gestrig. Selbst die sogenannte Ausländerpolitik wird (wie bei Haider schon) wieder an Mehrdimensionalität gewinnen. Was sie nicht sympathischer macht. Eine freiheitliche Praxis würde hier übrigens kaum anders ausschauen als die eben vollzogene. Was nicht für Strache spricht, sondern gegen seine Kontrahenten.

Der gelernte Zahntechniker ist tatsächlich der Parvenu der Politik. Der Aufschneider ist der Aufsteiger der letzten Jahre, Ätze in der faden Soße der saturierten Politik. Strache ist ein großer Abstauber. Nichts an ihm ist originell, aber er greift überall rücksichtslos zu. Damit ist jedoch nicht nur er, sondern der geheime Idealtypus des bürgerlichen Subjekts gut beschrieben. Alles verwerten, was verkäuflich ist. So haben wir's gelernt und so bewundern wir jene, die es beherrschen und umsetzen. Was "für" Strache spricht, das ist die heimliche wie unheimliche Kompatibilität mit dem Alltagsbewusstsein. Strache ist nicht anders, er ist mehr davon.

In der Eindruckskonkurrenz hat er die Nase vorne. Da glänzen die pomadisierten Haare, da grinst das ganze Gesicht. Synchronität ist gegeben. Strache entspricht aktuell dem Anforderungsprofil eines postmodernen Politikers am besten. Vor allem die Inszenierung als Popstar und Serienheld kommt gut an. Denn dieser Typus ist kulturindustriell vorprogrammiert, man zappe nur durch die Fernsehsender oder überfliege die Printmedien. Einige Serien wirken wie freiheitliche Belangsendungen. Straches Überlegungen und Kampagnen setzen hier punktgenau an. Er ist dann der Held und der Befreier, als der er sich in seinen Comicstrips ausgibt. "Spaß-befreite politische Mitbewerber sind uns jetzt neidig, dass wir bei der Kommunikation um Lichtjahre voraus sind", feixt Strache. Wenn man freilich diese Synchronität als Abnormalität, als Verstoß gegen die Demokratie, diskutiert, denn ist die Analyse schon über die Klippen gestürzt.

Die meisten Wähler sind reichlich fragmentierte und diffuse Wesen, die auf kulturindustrielle Reflexe trainiert sind, somit gerne Stars anhimmeln und Fans abgeben. Sie begeistern sich für das, wozu das Leben sie zwingt. Ihre Anhänglichkeit und Beschränktheit basiert auf einer ganz spezifischen mentalen Grundkonstitution, sie ist kein gewöhnliches Interesse. Die Anhänger fragen auch nie "Warum?", sondern stets "Gegen wen?" Mit dieser Ausrichtung der Politik auf die Feindschaft ist auch schon vieles gesagt. Immer ist jemand Schuld und stets geht es ums Aufräumen und Durchgreifen.

Aber bekommt das Personal des Systems, also wir, nicht gerade diese Anforderungen mit, prägen nicht Konkurrenz und Kauf, Ausbildung und Arbeit, Unterhaltung und Sport genau diese Muster aus? Kurzum: Worüber gesprochen werden sollte, ist die Formierung oder besser noch Formatierung des (nicht nur jungen) Publikums. Warum neigen sie zu dieser Anfälligkeit? Warum gebärden sie sich als Fans? Warum obsiegt der Kurzschluss dem Gedanken? Warum führt Unbehagen ins Ressentiment und nicht in die Kritik? Das sind Fragen, die nicht gestellt werden, denn sie gingen anders als das billige Strache-Versenken wirklich an die Substanz der Gesellschaft.

Zwar ist die FPÖ stets affärenträchtiger gewesen als die sogenannten Altparteien, geschadet hat ihr das selten. Im Gegenteil, es erhöhte die Aufmerksamkeit und ließ die Freiheitlichen als Opfer erscheinen. Dass die Fanatiker der Anständigkeit meist den größten Dreck am stecken haben, sollte nicht verwundern. Indes, je größer der Dreck, desto weniger schadet er. Es gibt hier einen Punkt, wo Verachtung in Bewunderung umschlägt. Korruption und Kriminalität auf hohem Niveau werden aufgrund ihrer Gerissenheit und Unverschämtheit nicht bloß akzeptiert, sondern geradezu affirmiert. Haider hat das geschickt genutzt, und Strache.

Wie in Haiders besten Zeiten, sind die Gazetten und Sendungen voll mit dem neuen FPÖ-Chef. Er lebt von der Provokation. Daher lebt er auch für sie. Wenn Strache schreit: "Alle Depperten herschauen!", sind ihm die Blicke sicher. (Franz Schandl, DER STANDARD, Printausgabe, 18.2.2011)

FRANZ SCHANDL (51) ist Historiker und Kulturpublizist, Redakteur der Zeitschrift "Streifzüge" und lebt in Wien.

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